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Zigarettenalben

Schon vor 1933 hatte die deutsche Zigarettenindustrie den Packungen beigefügte Bilder als wirksames Werbemittel entdeckt.[1] Um 1924 kamen hier - rund vier Jahrzehnte später als in England - die ersten Bildserien auf den Markt. So brachten etwa die zum Reemtsma-Konzern zählenden Marken Yenidze, Josetti, Manoli und Bulgaria Alben mit Filmschauspielern heraus, während für die Stammmarken des Unternehmens noch bis 1932 auf solche Zugaben verzichtet wurde. Bei der Vorbereitung der neu gestalteten R 6 im Jahr 1932 mussten die Reemtsma-Werbestrategen jedoch feststellen, dass sich die Industrie „dem Teufel des Zugabewesens verschrieben“ hatte und der Konkurrenzdruck sie dazu zwang, entsprechende Vorbehalte aufzugeben.

Reemtsma wandelte das bis dahin praktizierte Vertriebssystem im Sammelbildergeschäft mit der Einführung des sogenannten Bilderscheck-Systems jedoch entscheidend ab. Den Packungen der Reemtsma-Marken wurden seit 1932 nicht die Bilder selbst beigelegt, sondern nummerierte Gutscheine (Bilderschecks), die dann als vollständige Zahlenfolge per Einsendung gegen ganze Bilderreihen eingetauscht werden konnten. Das ermöglichte in mehrfacher Hinsicht eine Flexibilisierung des Sammelvorgangs und der Sammelobjekte selbst: Die Größe der Bildkärtchen war nicht mehr von der Packungsgröße abhängig, so dass auch Überformate in die Serien integriert werden konnten. Außerdem konnten die Sammler unter parallel laufenden Serien wählen, und die Bilderreihen, die zuvor nur für eine begrenzte Zeitspanne einer bestimmten Marke beigefügt wurden, ließen sich nun beliebig lange und markenübergreifend auf Vorrat halten.

Das Interesse an diesem neuen System der Kundenbindung war so groß, dass Reemtsma zur Bewältigung der schnell anwachsenden Postberge eigens den „Cigaretten-Bilderdienst Altona-Bahrenfeld“ gründete, in dem bald 150 Mitarbeiter täglich rund 25.000 Zuschriften bearbeiteten und den Versand der Bilder durchführten. Allein zwischen Januar 1932 und Februar 1933 brachte Reemtsma sieben Serien auf den Markt; die Themen reichten zunächst von Tierbildern über Märchen bis zur modernen Malerei und den Olympischen Spielen 1932. Die dazugehörigen Alben waren separat im Tabakwarenfachhandel zu erwerben.

Im Dezember 1933 brachte Reemtsma dann mit Unterstützung des Propagandaministeriums das Album „Deutschland erwacht“ heraus, das „Werden, Kampf und Sieg der NSDAP“ nachzeichnete. Textbeiträge zu diesem NS-Propagandawerk reinster Prägung steuerten u.a. Baldur von Schirach, Hitlers Adjutant Julius Schaub und der NS-Pressechef Otto Dietrich bei, während die „Auswahl und künstlerische Durcharbeitung der Lichtbilder“ von „Reichsbildberichterstatter“ und Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann übernommen wurden, dessen Fotografien fortan den Großteil vieler Alben ausmachten. Ebenfalls 1933 brachte der Reemtsma-Bilderdienst das ähnlich konzipierte Album „Kampf ums Dritte Reich“ für die Jasmatzi-, Josetti-, Yenidze- und Bulgaria-Marken heraus; auch sie Bestückt mit Hoffmann-Fotos. Im Vorwort hieß es: „Möge dieses Buch dazu beitragen, dem deutschen Volke in Wort Und Bild klar vor Augen zu führen, wie der Führer Adolf Hitler und das Heer der braunen Freiheitskämpfer unter Einsatz ihres ganzen Seins um die Seele des Volkes gerungen haben.“ Die zum Konzern gehörenden Waldorf-Astoria- sowie Haus-Neuerburg-Marken „Overstolz“ und „Güldenring“ wurden separat mit der Bilderserie „Reichswehr“ ausgestattet, die auf NS-Seite aber nicht nur auf Zustimmung stieß. Das völkische Blatt „Fridericus“ schrieb hierüber im Oktober 1933, es sei zwar „furchtbar nett von der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, dass sie die Reichswehr durch ihre Zigarettenbilder populär machen“ wolle, die Bilder seien aber „übelster Kitsch“.

Im Frühjahr 1934 vertrieb der Reemtsma-Konzern neben „Deutschland erwacht“, „Kampf ums Dritte Reich“ sowie den Militaria-Serien „Reichswehr“ und „Unsere Marine“ weitere sieben Alben und zusätzliche 52 Alben für die übrigen Konzernmarken, darunter allein 37 Film-Serien und acht Flaggen-Serien. Allerdings rückten die erstgenannten NS-Propagandaserien auflagenmäßig schnell in den Vordergrund. Die Zusammenarbeit mit Heinrich Hoffmann und den zehn bis fünfzehn Angestellten seiner Bilderagentur ermöglichte es dann, die erfolgreichste aller Reemtsma-Serien zu veröffentlichen: „Adolf Hitler. Bilder aus dem Leben des Führers“. Das Album enthielt Texte von Joseph Goebbels, Albert Speer und Fritz Todt, dazu Fotos vom Obersalzberg und auch Reproduktionen von Hitler-Aquarellen. Die Serie wurde zwischen Juli 1936 und Juni 1943 insgesamt 2,77 Millionen Mal verschickt; das dazugehörige Album wurde 2,39 Millionen Mal verkauft — und war damit statistisch in jedem zehnten der rund 22 Millionen Haushalte des „Großdeutschen Reiches“ vorhanden. Das millionste Exemplar des von F.A. Brockhaus in Leipzig gedruckten Bandes ließ Reemtsma Hitler durch Heinrich Hoffmann öffentlichkeitswirksam zu Weihnachten 1938 persönlich überreichen. Auch das zweibändige „Olympia 1936“ erreichte die 2-Millionen-Grenze. Die gesamten Zahlen erreichten imposante Größenordnungen: Insgesamt forderten die Reemtsma-Raucher bis Juni 1943 rund 23,7 Millionen komplette Serien und damit 4,13 Milliarden Einzelbilder an und kauften 18,7 Millionen Alben.

Falls nötig, wurden einzelne Aufnahmen der Bilderserien manipuliert, um sie so ideologischen Vorgaben oder politischen Veränderungen anzupassen. Beispielsweise zeigte eine mehrfach verwendete Fotografie Hitler an einem Kantinentisch im „Braunen Haus“, der Münchner NSDAP-Parteizentrale. Der gläserne Aschenbecher, der deutlich erkennbar vor ihm auf dem Tisch stand, wurde in späteren Auflagen wegretuschiert, weil weder der „Führer“ noch die NS-Bewegung mit dem Laster des Rauchens in Verbindung gebracht werden sollten. Die Ermordung der SA-Führung Mitte 1934 brachte noch größere Probleme mit sich, denn nur wenige Wochen zuvor hatte Reemtsma 800 Exemplare der Serien „Kampf ums Dritte Reich“, „Deutschland erwacht“ und „Der Staat der Arbeit und des Friedens“ an die „maßgebenden Führer der Bewegung“ verschickt, in denen natürlich auch Fotos enthalten waren, die Hitler gemeinsam mit Röhm zeigten. In einem Rundschreiben an die Reemtsma Außendienstmitarbeiter hieß es dann umgehend am 2. Juli 1934, die genannten Serien würden „in historischer Genauigkeit Werden, Kampf, Sieg und Leistung der nationalsozialistischen Bewegung“ darstellen und seien „daher nach wie vor Interesse und Wert für alle Sammler“. „Selbstverständlich werden wir diejenigen Bilder, deren Wiedergabe auf Grund der jüngsten Ereignisse nicht mehr in Frage kommen kann, durch neue Bilder ersetzen, die dem Propaganda-Ministerium in den nächsten Tagen zur Genehmigung vorgelegt werden.“ Die entsprechenden Alben wurden aber nach einem kurzen Stopp weiter ausgeliefert.

Bevor schließlich im März 1942 aus Gründen kriegswirtschaftlicher Papierersparnis das Verbot erging, Bilderschecks zu vertreiben, brachte das Unternehmen auf Initiative des Propagandaministeriums im Februar 1941 mit „Raubstaat England“ das letzte der insgesamt 16 Reemtsma-Alben. Das Reichspropagandaministerium maß diesem antibritischen Hetzwerk, von dem in relativ kurzer Zeit über eine Million komplette Bilderfolgen und 761.000 Alben vertrieben wurden, „eine staatspolitisch besonders wichtige Bedeutung“ bei. Verfasst von dem propagandistisch erfahrenen Soziologen Ernst Lewalter zeichnete der Text ein groteskes Zerrbild englischer (Kolonial-) Geschichte, bis hin zum Zweiten Weltkrieg als dem „von England heraufbeschworenen Krieg“. Damit hatte sich der Reemtsma-Bilderdienst vollends zu einer Propagandazentrale entwickelt, die zur Gewinnmaximierung mit dem NS-Regime zusammenarbeitete. Auch das Oberkommando der Wehrmacht sah überaus positive Effekte: „Das OKW steht auf dem Standpunkt, dass das Sammeln von Bilderschecks, das Austauschen der einzelnen Nummernschecks zur Erlangung kompletter Serien und die Beschäftigung mit dem Sammeln von Zigarettenbildern überhaupt in ganz ausgezeichnetem Maße dazu beiträgt, unsere Soldaten an der Front und in den Bunkern über die Freizeit hinwegzuhelfen und hat kategorisch verlangt, dass aus diesen für die Truppenführung wichtigen Gründen die Bilderschecks unter allen Umständen auch weiterhin den Zigarettenpackungen beigelegt werden.“

Welche Wirkung die millionenfach verbreiteten Propagandawerke allerdings bei Jugendlichen wie Erwachsenen hinterließen, muss auch in diesem Fall aufgrund fehlender Quellen und Forschungen zunächst offenbleiben.

Fußnoten

[1] Die Darstellung folgt Jacobs, Tino: Rauch und Macht. Das Unternehmen Reemtsma 1920 bis 1961, Göttingen 2008, S. 131ff.