„Unfug“ am Hauptbahnhof und 70 Edelweißpiraten im Essener Volkspark
Anneliese E. wird am 18. November 1943 im Luftschutzbunker der Maschinenbauschule von der Hitlerjugend kontrolliert und am nächsten Tag durch die Gestapo vernommen. Sie gibt zu, den Essener „Edelweißpiraten" anzugehören. Gemeinsam hätten sie unter anderem Fahrten zum Strandband Wedau gemacht und sich regelmäßig am Essener Hauptbahnhof oder im Volkspark getroffen.
Einmal seien sie „in einer Gruppe von annähernd 70 Personen zum Volkspark am Thomaehaus gezogen, wo gesungen und musiziert" worden sei. Sie selbst, so Anneliese E., sei „nur dieses Musikmachens wegen" mitgegangen. Die Jungen hätten „Lederhosen, weiße Strümpfe und das Edelweißabzeichen" getragen. Auch sie habe „ein echtes, aus Tirol mitgebrachtes Edelweiß" getragen.
Zwei ebenfalls von der Gestapo vorgeladene Jungen bestätigen diese Angaben. Am Essener Hauptbahnhof, so sagen sie aus, würden sich viele Jugendliche treffen und dort „allerlei Unfug" treiben. Es würden Lieder gesungen, unter anderem „Blutrot sank die Sonne..." und „Dunkel war die Nacht an der weißen Wolga".
Kontakte zu „Edelweißpiraten" werden jedoch zunächst bestritten. Einer der Befragten gibt dann aber „auf Vorhalt" zu, dass sich auch die „Edelweißpiraten aus Altenessen" zu ihnen gesellt hätten. Auch hätte er gemeinsam mit einigen Freunden „vor 3 bis 4 Monaten eine Schlägerei mit dem Hausmeister der Maschinenbauschule und einem politischen Leiter" gehabt: „Wir hatten uns auf diese beiden Männer gestürzt, weil diese uns vorher mit einem Gummiknüppel geschlagen hatten."
Ein anderer Jugendlicher zur Situation am Essener Hauptbahnhof: „Wir haben dort rumgestanden und uns unterhalten. Einige Jungen haben auch Unfug getrieben. Ich persönlich habe mich aber nie daran beteiligt." Gleichzeitig bestreitet er allerdings einen „bündischen Charakter" der Zusammenkünfte; er habe sich „noch nie bündisch oder in einem bündischen Sinne betätigt".
Alle Befragten räumen regelmäßige Fahrten ins Strandbad nach Wedau ein.
Zugleich wird deutlich, dass die Zusammenkünfte in der Innenstadt und die gemeinsamen Fahrten im Laufe des Herbst 1943 aufgrund zahlreicher Einberufung zum Reichsarbeitsdienst oder zur Wehrmacht ein Ende finden. Das wird im Februar 1944 besonders deutlich. Als nämlich gegen zwölf der zur Gruppe zählenden Jugendlichen ein Verfahren „wegen Verdachts bündischer Betätigung" eröffnet werden soll, teilt die Essener Gestapo mit, dass 17 weitere Beteiligte „bisher nicht vernommen werden" konnten, „da sie entweder zum Reichsarbeits- bezw. Wehrdienst einberufen sind oder bisher nicht ermittelt werden konnten".