Turbulenzen bei der Eingliederung der evangelischen Jugend Essens in die HJ
Am 5. Februar 1934 legt der Führer des Essener HJ-Oberbanns, Lindenberger, seine Sicht der turbulenten Ereignisse vom Vortag nieder. Hierbei habe zunächst eine „Besprechung zwischen den Vertretern der evangelischen Jugendverbände und dem Gebietsführer Heinz Deinert zwecks Eingliederung in die Hitler-Jugend" stattgefunden. Um die Einzelheiten der Durchführung des Eingliederungsvertrages zu verhandeln, habe „die HJ die Vertreter der evangelischen Verbände zu einer Besprechung im Haus der Deutschen Jugend zusammengerufen". Pfarrer Busch sei als Führer der evangelischen Jugendverbände Essens aber nicht nur nicht erschienen, sondern habe sogar zu einer „Gegenversammlung" im Weigle-Haus eingeladen.
Derart kompromittiert hätten sich Reichsjugendpfarrer Zahn und Gebietsführer Deinert nach kurzer Besprechung mit den Presbytern auf den Weg zum Jugendhaus gemacht, wo Zahn die evangelischen Jugendlichen zur Eingliederung aufgefordert habe. „Stadtpfarrer Busch entgegnete in scharfer und bestimmter Weise, dass die Vereinbarungen zwischen dem Reichsbischof und dem Jugendführer des deutschen Reiches für ihn nicht bindend seien. Es kam sogar so weit, dass die versammelte ev. Jugend ausfällig und tätlich wurde, sodass die Versammlung durch den Kriminalkommissar Hucke aufgelöst werden musste."
Abends habe dann „die große öffentliche Kundgebung im Zirkus Hagenbeck" stattgefunden. „Die weite Halle war bis auf den letzten Platz besetzt und musste wegen Überfüllung polizeilich geschlossen werden. Die Eltern der ev. Jugend waren in großer Anzahl erschienen, denn sie wollten der feierlichen Eingliederung in die Hitler-Jugend beiwohnen. Voller Enttäuschung musste darauf die Elternschaft von dem Vertreter des Reichsbischofs erfahren, dass der örtliche Jugendpfarrer Busch erklärt habe, dass die Vereinbarungen zwischen seinem obersten Vorgesetzten mit dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach für ihn nicht maßgebend seien. Ein Sturm der Erregung brauste durch die Halle. Es geht nicht an, dass die kraftvolle evangelische Jugend durch den Egoismus eines Einzelmenschen aus der gemeinsamen Aufbauarbeit ausgeschlossen wird. Die gesamte deutsche Jugend soll im nationalsozialistischen Geiste erzogen werden, denn sie will später das Werk unseres Führers weiterführen. Diese weltanschauliche Erziehung kann jedoch nicht von solchen Menschen vorgenommen werden, die im reaktionären Sinne gegen den Nationalsozialismus kämpften und noch kämpfen. Polizeipräsident SS-Brigadeführer Zech, der Pfarrer Dr. Voss, Düsseldorf, als Beauftragter des Obergebietes West und Pfarrer Schmidt, Hiesfeld, als Beauftragter des Gebietes Ruhr-Niederrhein wiesen ebenfalls auf die Einheitlichkeit in der weltanschaulichen Erziehung hin. Gebietsführer Heinz Deinert betonte, dass die Hitler-Jugend so lange kämpfen würde, bis die gesamte deutsche Jugend im nationalsozialistischen Sinne erzogen wird."
Am gleichen Tag fertigte auch der angesprochene Gestapo-Beamte Hucke ein Protokoll der Ereignisse an. Ihm sei den Befehl erteilt worden, gemeinsam mit Deinert, Lindenburger und Zahn zum Weigle-Haus zu gehen, „um weisungsgemäß Pfarrer Zahn vor den Jugendlichen sprechen zu lassen". Bei der Ankunft sei die Eingangstür verriegelt gewesen. Als auf „mehrmaliges Klopfen" niemand reagiert habe, hätten „die Herren von der HJ die Tür aufgedrückt". „Am Eingang zum Heim kam uns Herr Pfarrer Busch entgegen, dem ich mich auswies und meinen Auftrag mitteilte. Er war sofort damit einverstanden, dass Pfarrer Zahn sprechen sollte und ließ sämtliche Jungen, 400-500, im großen Saal Platz nehmen. Uns begrüßte er als Gäste und erteilte Pfarrer Zahn das Wort. Dieser sprach über Sinn und Zweck der Eingliederung, er wurde nicht unterbrochen. Dann stellte Pfarrer Busch einige Fragen an Pfarrer Zahn in Bezug auf seine Berechtigung, die Eingliederung zu verlangen, zumal der Reichsinnenminister noch nicht das letzte Wort gesprochen habe.
Pfarrer Zahn erwiderte mit der Auslegung, dass der Reichsbischof vom Führer beauftragt sei bzw. das Einverständnis habe und die Pfarrer zu gehorchen hätten. Dann bat der Gebietsführer Deinert ums Wort und betonte, dass nicht die Jungen Schuld seien an den Gegensätzen in der Jugend, sondern ihre Führer. Das Verhalten des Pfarrers Busch bezeichnete er als Feigheit und ihn selbst als Feigling, weil er der Einladung zu der Aussprach im Haus der HJ nicht gefolgt sei. Darauf riefen die Jungen: ‚Pfui, unser Führer ist kein Feigling'. Pfarrer Busch bot seinen Jungen Ruhe und die Aufforderung des Gebietsführers Deinert, sich zu den Gründen seines Nichterscheinens zu äußern, lehnte er an dieser Stelle ab, weil er 4 Jahre im Felde gewesen sei und das Eiserne Kreuz besitze und sich nicht als Feigling beschimpfen lasse. Pfarrer Zahn hielt Pfarrer Busch nun vor, dass B. sich gegen die Eingliederung auflehne. Weil die Stimmung unter den Jungen nun ziemlich erregt war, habe ich mit Zustimmung des Pfarrers Busch und der übrigen Herren die Versammlung aufgelöst. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen.
Anschließend haben die Führer in einem gesonderten Raum die Angelegenheit durchgesprochen. Pfarrer Zahn war allerdings nicht dabei anwesend, dafür aber Pfarrer Voß, Düsseldorf, der Gaujugendpfarrer ist.
Pfarrer Busch erklärte zunächst, dass die Jungen wie jeden Sonntagnachmittag im Jugendhaus zusammengekommen seien und eine Gegendemonstration von ihm nicht beabsichtigt gewesen sei. Auf die Frage von Pfarrer Voß, ob er den Jungen aufgegeben habe, zu der Versammlung im Zirkus Hagenbeck zu gehen, die am 4.2. ebenfalls zum Zwecke der Eingliederung stattfinden sollte, sagte er ‚nein', das habe er verboten. Im Übrigen halte er sich nur an die Weisungen des Führers der Ev. Jugend; diese Art der Eingliederung sei staatlich und kirchlich nicht legal.
Ein für 19.30 Uhr angesetzter Familienabend, an dem auch die Ev. Jugend z.T. mitwirken sollte und der angeblich lange vorbereitet war, wurde, weil die Angaben glaubwürdig waren, unbeschränkt zugelassen. Während wir im Jugendhaus verhandelten, hielten Angehörige der HJ den Eingang besetzt, wie ich nachher erfuhr. Auf Anruf des Pfarrers Busch waren 2 Schupobeamte vom 12. Revier erschienen, die aber nicht einzugreifen brauchten. Zu Störungen ist es nicht gekommen."
Während also Wilhelm Busch und die Jugendlichen des Weigle-Hauses einen Elternabend abhalten, wird zeitgleich im Gebäude des Zirkus Hagenbeck und mit hohem propagandistischem Aufwand deren Eingliederung in die HJ gefeiert.