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Das „Polizeiliche Judendurchgangslager“ Westerbork

Westerbork wurde zum zentralen Endpunkt der Verfolgung von Jüdinnen und Juden in den Niederlanden. Insbesondere nach dem Novemberpogrom in Deutschland und Österreich sahen sich die Niederlande mit einer regelrechten Fluchtwelle von aus diesen Ländern ins Land strömender Jüdinnen und Juden konfrontiert.[1] Daher entschloss man sich kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieg, das „Zentrale Flüchtlingslager Westerbork“ in der Nähe von Hooghalen in der Provinz Drenthe einzurichten, um diese Menschen außerhalb der niederländischen Städte und Dörfer zentral aufzufangen. Nachdem das Kabinett am 13. Februar 1939 einen entsprechenden Vorschlag des Innenministers gebilligt hatte, wurde mit dem Bau des Lagers begonnen, das im Herbst des Jahres fertiggestellt und am 9. Oktober mit zunächst lediglich 22 Flüchtlingen eingeweiht werden konnte. Die Baukosten in Höhe von 1,25 Millionen Gulden stellte man kurzerhand dem Jüdischen Flüchtlingskomitee in den Niederlanden in Rechnung. Nachdem auch Ende Januar 1940 nur 167 Internierte gezählt worden waren, stieg deren Zahl seit Februar etwas zügiger an und belief sich bis Ende April des Jahres auf 749.

Als am 10. Mai 1940 die Wehrmacht in die Niederlande einmarschiert war, blieb Westerbork zunächst unter Aufsicht der bisherigen Verwaltung. Nachdem es kurzzeitig nach Leeuwarden verlegt worden war, kehrte es nach der niederländischen Kapitulation an den alten Ort zurück und wurden am 16. Juli 1940 dem Justizministerium unterstellt. Nun wurden auch Flüchtlinge aus anderen Lagern in Westerbork zusammengefasst, so dass hier im Jahr 1941 rund 1.100 Menschen in 200 kleinen Holzhäuschen untergebracht waren. Die Lebensbedingungen waren nach Darstellung eines Beobachters alles andere als einladend: „So unwirtlich wie nur möglich, weit weg von der zivilisierten Welt in der Abgeschiedenheit der Heide von Drenthe, schwer zu erreichen, mit unbefestigten Straßen, wo selbst der kleinste Regenschauer den Sand in Schlamm verwandelte.“ Außerdem wurde das Lager in den Sommermonaten von wahren Heerscharen von Fliegen heimgesucht.

Dieser Zustand währte bis zum 1. Juli 1942, als Westerbork - mit zu diesem Zeitpunkt 1.527 Insassen - unter dem offiziellen Namen „polizeiliches Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ in die Hände des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes überging und seitdem unter deutscher Verwaltung stand.[2] Diese Änderung war Ende 1941 beschlossen worden, als von deutscher Seite festgelegt wurde, das Lager zum zentralen niederländischen Deportationsort in die osteuropäischen Vernichtungslager zu machen. Zugleich wurde es auf eine Fläche von 500 x 500 m ausgebaut, mit einem Stacheldrahtzaun umgeben und zunächst mit 24 großen Holzbaracken bestückt, deren Zahl schrittweise auf 107 erhöht wurde, von denen jede für 300 Personen ausgelegt war.

Damit wurde Westerbork als Durchgangslager zu dem Ort, an dem die SS nahezu sämtliche von niederländischem Boden ausgehenden Deportationstransporte zusammenstellte. Ab dem 14. Juli 1942 trafen hier daher Jüdinnen und Juden aus den gesamten Niederlanden ein, die zunächst noch am Bahnhof Hooghalen aussteigen und die sieben Kilometer zum Lager zu Fuß zurücklegen mussten. Ab Oktober 1942 stand dann ein direkt auf das Lagergelände führendes Gleis zur Verfügung, das den Anschluss an die Bahnstrecke Meppel–Groningen gewährleistete.

Künftig wurden Jüdinnen und Juden - vergleichbar mit dem Procedere im Reichsgebiet - mit Hilfe der örtlichen Polizei landesweit gesammelt und nach Westerbork verschleppt, wo die meisten von ihnen nach kurzer Zeit von der SS zu Sammeltransporten zusammengestellt und weiter in Richtung Osten deportiert wurden. Der erste dieser Transport verließ das Lager bereits am 15. Juli 1942 in Richtung Auschwitz, der erste mit dem Ziel Sobibor am 2. März 1943. Bis zum 13. September 1944 sollten ihnen - zumeist dienstags - 93 weitere Deportationszüge folgen, die über den Grenzbahnhof Nieuweschans die Ziele Auschwitz (65 Züge mit 57.800 Deportierten), Sobibor (19 - 34.313), Theresienstadt (6 - 4.466) und Bergen-Belsen (8 - 3.724) ansteuerten. Damit wurden in diesem Zeitraum mindestens 101.300 der insgesamt rund 107.000 aus den Niederlanden deportierten Jüdinnen und Juden über das Durchgangslager Westerbork „in den Osten“ geschickt. Nach anderen, leicht abweichenden Zahlenangaben handelte es sich um 41.156 Männer, 45.867 Frauen und 14.502 Kinder. Nur etwa 5.000 von ihnen überlebten den Holocaust.

Anders als in vergleichbaren Transitlagern gab es in Westerbork auch so etwas wie eine „halbsesshafte Stammbesetzung“ von Internierten, die im Lager Dienste zu versehen hatten. Sie versorgten sich weitgehend selbst und führten, insbesondere in den Zeiten, in denen keine Deportationen stattfanden, ein fast „normales Leben“. Daher gab es im Lager auch eine Selbstverwaltung der Häftlinge, Schulen sowie diverse kulturelle und sportliche Veranstaltungen. Diese Taktik der bewussten Vortäuschung einer gewissen - natürlich lagerspezifischen - Normalität führte dazu, dass viele Opfer die ihnen drohende Gefahr offenbar nicht richtig einschätzen konnten und daher auch im unmittelbaren Vorfeld und während der Deportationen vergleichsweise ruhig blieben. Die große Mehrheit der Häftlinge, die das Lager durchliefen, blieb allerdings nur ein oder zwei Wochen vor Ort, bevor sie die Züge in Richtung Osten besteigen mussten.

Am 12. April 1945 wurde Westerbork von kanadischen Soldaten befreit. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch 876 jüdische Häftlinge im Lager; 569 von ihnen Niederländer. Es wurde unter niederländische Verwaltung gestellt, da die ehemaligen Häftlinge oft noch wochenlang im Lager bleiben mussten, bevor ihnen die Heimkehr genehmigt wurde.

Lagerkommandant Albert Gemmeker wurde von einem niederländischen Nachkriegsgericht zu lediglich zehn Jahren Haft verurteilt. Bei der Strafzumessung wurden ihm mildernde Umstände zugestanden, da er die Internierten während ihres Aufenthalts im Lager „im Allgemeinen anständig behandelt“ habe.

Seit 1983 befindet sich in der Nähe des ehemaligen Lagers ein Erinnerungszentrum, in dem dessen Geschichte aufbereitet wird. Das Grundstück selbst bildet heute eine freie Fläche inmitten eines Waldgeländes, wobei dreieckige Steine die Positionen der ehemaligen Baracken und Gleise markieren.

Auf dem ehemaligen Appellplatz steht heute das Denkmal „De 102.000 stenen“ (Die 102.000 Steine), das auf Initiative ehemaliger Internierter errichtet wurde. Sie stehen für jene etwa 102.000 Menschen, die von Westerbork aus deportiert wurden. So wird nicht nur die große Zahl der Opfer gedacht, sondern auch deren jeweiliger Individualität Rechnung getragen. Auf dem weitaus größten Teil der Steine sind Davidsterne angebracht, die symbolisch für deren jüdische Herkunft stehen. Jene rund 200 mit einer Flamme versehenen erinnern an die Roma und Sinti, die von Westerbork aus deportiert wurden.

Fußnoten

[1] Die folgende Darstellung fußt auf http://www.deathcamps.org/reinhard/dutchcamps.html, https://www.memorialmuseums.org/denkmaeler/view/66/Erinnerungszentrum-Lager-Westerbork und https://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Westerbork.

[2] Erster Lagerkommandant war Erich Deppner, der aber bereits am 1. September 1942 Josef Hugo Dischner abgelöst wurde. Da sich beide Männer als gleichermaßen inkompetent erwiesen, wurde am 12. Oktober 1942 schließlich SS-Obersturmführer Albert Gemmeker mit dem Posten des Kommandanten betraut. Er überließ - wie bereits in der Anfangszeit des Lagers gehandhabt - den täglichen Betrieb des Lagers weitgehend der jüdischen Seite.

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