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Zentralausschuss der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau

Die NS-Machtübernahme zwang die verschiedenen Strömungen im deutschen Judentum, eine einheitliche Front zu bilden und die Differenzen über die Auslegung des Jüdischseins zwischen Assimilierten, Zionisten und Religiösen in den Hintergrund treten zu lassen. Vorrangig war nun, die deutsche jüdische Bevölkerung auf eine neue Art des Lebens vorzubereiten. Eine erste Initiative hierzu war von einer Gruppe von Männern ausgegangen, die sich bereits im Sommer 1932 in Vorahnung der nationalsozialistischen Machtübernahme zusammengeschlossen hatten.

Sie hatten erkannt, dass es in dieser Situation einer zentralen Stelle bedurfte, die das gesamte deutsche Judentum repräsentierte und Verhandlungen mit den Behörden führen konnte. Die Vertreter der jüdischen Vereinigungen in Deutschland reagierten auf diese Anforderungen und riefen am 13. April 1933 den Zentralausschuss der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau mit Leo Baeck an der Spitze ins Leben. In dem Ausschuss, der von jüdischen Gemeinden und ausländischen Hilfsorganisationen finanziert wurde, arbeiteten alle großen jüdischen Organisationen zusammen:

   Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
   Zionistische Vereinigung für Deutschland
   Hilfsverein der deutschen Juden
   Jüdischer Frauenbund
   Preußischer Landesverband Jüdischer Gemeinden
   Jüdische Gemeinde zu Berlin
   Agudath Israel.

Während Leo Baeck an der Spitze des „Zentralausschusses“ stand, lag die Geschäftsführung in den Händen von Vertretern der jüngeren Generation, die überwiegend aus dem Bereich der jüdischen Sozialarbeit kamen. Der erste Geschäftsführende Ausschuss bestand aus Walter Alexander (Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin), Werner Senator (Mitglied der Exekutive der Jewish Agency in Jerusalem) und Ludwig Tietz. Ludwig Tietz, eine der führenden Persönlichkeiten des deutschen Judentums und als solche u.a. Vorsitzender des „Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände“ und stellvertretender Vorsitzender des Centralvereins, bestimmte die Organisation, Aufbau und Zielrichtung des „Zentralausschusses“ wesentlich mit.

In einer „Hilfe und Aufbau“ betitelten Informationsbroschüre vom Oktober 1933 beschrieben Leo Baeck und Carl Melchior im Vorwort die programmatischen Ziele und skizzierten die einzelnen Arbeitsgebiete:

„Nutzlos wäre es, sich der Trauer über verlorene Positionen hinzugeben, zwecklos, Klagen über Fehler zu erheben. Es muß gewagt werden, aus der neuen Lage die Konsequenzen zu ziehen. Es gilt, den Grundstein für neue Lebensmöglichkeiten zu legen. Dieses Ziel muß auf verschiedenen Wegen erreicht werden: es heißt das Bestehende zu erhalten und zu stützen (Wohlfahrtspflege und Wirtschaftshilfe), die beruflos Gewordenen in neue Berufe zu bringen (Berufsumschichtung) und denen, die nicht hier bleiben wollen oder können, zur Niederlassung im Ausland zu verhelfen (Wanderungswesen und Palästinaaufbau). (…) Für die Frage, wer hier bleiben und wer auswandern soll, gibt es kein Entweder-Oder. Es gilt einerseits alle Möglichkeiten zu erschöpfen, um die deutschen Juden in Deutschland zu erhalten. Trotzdem müssen andererseits vom Zentralausschuss alle Maßnahmen für eine geregelte Auswanderung getroffen werden.“

Dieser blieb bis 1935 formal unabhängig von der Reichsvertretung und engagierte sich in der Wohlfahrtspflege und der Wirtschaftshilfe, sorgte für den bald notwendigen Ausbau jüdischer Schulen und unterstützte diejenigen mit Rat und Tat, die emigrieren wollten. Später bildete er den für praktische Arbeit wichtigsten Teil der Reichsvertretung der deutschen Juden, die am 17. September 1933 als Dachverband der großen politischen jüdischen Organisationen geschaffen worden war. 1935 wurde der Zentralausschuss schließlich in die „Reichsvertretung der deutschen Juden“ eingegliedert.“

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