Die jüdische Emigration, S. 251ff.
Seit dem Novemberpogrom stand die Reichsvertretung unter noch stärkerem Druck der Gestapo, die jüdische Auswanderung zu beschleunigen. Dabei war das kaum zu leisten, denn ihre Geschäftsstelle war, wie die Büros aller jüdischen Organisationen, am 10. November 1938 geschlossen, die meisten ihrer führenden Repräsentanten verhaftet worden. Leo Baeck stand unter Hausarrest. Als die Gestapo von ihm die Wiedereröffnung der Reichsvertretung forderte, stellte er die Bedingung, dass Otto Hirsch und Arthur Lilienthal zu seiner Unterstützung aus dem Konzentrationslager entlassen werden müssten. Dennoch war und blieb die wieder amtierende Reichsvertretung in ihren Funktionen beträchtlich eingeschränkt. Zugleich begannen die Verantwortlichen mit der Zentralisierung der Auswanderungsorganisationen, indem das Palästinaamt und der Hilfsverein zu Abteilungen der Reichsvertretung erklärt wurden.
Am 12. November 1938 hatte Heydrich im Rahmen einer hochrangig besetzen Besprechung vorgeschlagen, zur Effektivierung der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung „eine ähnliche Zentrale im Reich unter Beteiligung der zuständigen Reichsbehörden“ einzurichten, wie sie bereits in Wien bestehe und war damit auf die Zustimmung Görings gestoßen. Daraufhin wurden einige Mitglieder der Geschäftsführung der Reichsvertretung nach Wien geschickt, um dort die von Eichmann eingerichtete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ kennenzulernen.
Die von der Abteilung II 112 des SD unterbreiteten Vorschläge für die Errichtung einer „Reichszentrale für die jüdische Auswanderung“ wurden von Göring und den beteiligten Ministern angenommen. Mit Übertragung der Leitung der „Reichszentrale“ auf den Chef der Sicherheitspolizei erhielten der Reichsführer SS und die ihm unterstellten Organe Gestapo und SD künftig die Federführung in allen Fragen der jüdischen Auswanderung. Die SS hatte somit die seit langem angestrebte uneingeschränkte Führungsrolle in allen Fragen antijüdischer Politik inne.
Am 11. Februar 1939 informierte Heydrich die Obersten Reichsbehörden über die Bildung der „Reichszentrale“, zu deren Geschäftsführer er SS-Standartenführer Heinrich Müller bestimmt hatte. Am gleichen Tag fand im Geheimen Staatspolizeiamt unter Leitung von Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei, die erste Arbeitsbesprechung des Ausschusses der „Reichszentrale für die jüdische Auswanderung“ statt.