Menü

Palästinaamt (und Einwanderungszertifikate)

Das Palästinaamt wurde 1908 unter der Leitung des Soziologen und Zionisten Arthur Ruppin ins Leben gerufen und zeichnete - als Abteilung der Jewish Agency for Palestine - zuständig für die Emigration nach Palästina. In Deutschland wurde das Amt 1924 in Berlin eingerichtet und hatte in Georg Landauer seinen ersten Leiter. Zu den Hauptaufgaben der Organisation zählten die Unterstützung bei der Beantragung von Einwanderungszertifikaten sowie die Bereitstellung von Geldern für die Emigration nach Palästina. Neben direkter Beratung in eigens hierfür eingerichteten Büros erstellte das Palästinaamt Ausreise-Handbücher und eröffnete Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, um so der Auswanderung förderliche handwerkliche und landwirtschaftliche Fähigkeiten zu fördern. Zur Verbesserung der Integration in die neue Heimat wurden außerdem Fremdsprachenkurse in Hebräisch angeboten.

Nachdem zwischen 1919 und 1923 rund 35.000 und zwischen 1924 und 1931 weitere 80.000 Einwanderer nach Palästina gekommen waren, drängten nach der NS-Machtübernahme ab 1933 immer mehr deutsche Jüdinnen und Juden dorthin, weil viele Staaten – insbesondere die USA – nur eine beschränkte, angesichts des Andrangs bei weitem nicht ausreichende Zahl von Visa zur Verfügung stellten. Das Palästinaamt sah sich angesichts der Umstände mit einer bis dahin ungeahnten Nachfrage konfrontiert. Um den Ansturm zu entzerren, richtete es bereits 1933 insgesamt 22 Zweigstellen im Reichsgebiet ein.

Bis zum Jahre 1936 nahm Palästina die meisten deutsch-jüdischen Auswanderer auf, wobei das Palästinaamt für die Ausgabe der zur Einwanderung notwendigen Zertifikate zuständig war. Über deren Zuteilung oder Ablehnung entschied die „Kleine Palästinaamt-Kommission“ die aus drei Männern bestand, die aus der „Großen Palästinaamt-Kommission“ gewählt wurden. Bevor ein Antrag zur Entscheidung vorgelegt werden konnte, war ein langer bürokratischer Weg erforderlich: von der Einreichung des Antrags - direkt beim Palästina-Amt, seinen Zweigstellen oder den beiden Verbänden „Hechaluz“ und „Bachad“ -, das Erteilen einer Registriernummer über die ärztliche Untersuchung bei einem der 58 Vertrauensärzte (die von einem Hauptvertrauensarzt beim Palästina-Amt kontrolliert wurden) bis zur Vorprüfung des Antrags durch eine der fünf Berliner Vorprüfungs-Kommissionen. 150 bis 200 Anträge wurden im Jahre 1935 monatlich eingereicht. Etwa 60 Prozent dieser Anträge - oft noch mehr -mussten abgelehnt werden.

Die „Passageabteilung“ des Palästinaamts erledigte für alle von ihm betreuten Auswanderer - mit B-, C- und D-Zertifikaten - sämtliche Ausreiseformalitäten. Zertifikat, Pass und Gesundheitszeugnis mussten abschließend beim britischen Konsulat eingereicht werden, das daraufhin das Einreisevisum erteilte. Im Bedarfsfall gewährte das Palästinaamt auch Zuschüsse in Form von Darlehen sowohl für die Kosten der Ausreiseformalitäten als auch für die Fahrt. Außerdem konnte die „Passageabteilung“ für alle Palästina-Auswanderer auch Schiffskarten ausstellen, deren Preise durch einen Vertrag der Jewish Agency mit der italienischen Reisegesellschaft Lloyd Triestino geregelt waren. Die meist zweimal im Monat zusammengestellten Gruppen von 250 bis 300 Personen fuhren dann im allgemeinen mit der Bahn nach Triest und gingen dort gemeinsam an Bord eines Schiffes.

Als im Juli 1938 dann auch die Konferenz von Évian keine Fortschritte in Fragen der Aufnahmequoten fliehender Jüdinnen und Juden in anderen Zielländern brachte, erhöhte sich die Zahl jener, die nach Palästina drängten, nochmals erheblich. Sowohl aus dem Deutschen Reich als auch aus West- und Mitteleuropa wanderten allein bis Ende 1938 über 200.000 von ihnen dort ein.

Das wiederum musste Auswirkungen auf die Erteilung jener Zertifikate haben, mit denen die Briten das Ausmaß der Einwanderung nach Palästina steuern wollten. Diesem offensichtlichen Widerspruch zwischen bewilligten Zertifikaten und der Zahl von Einreisewilligen versuchten diese dadurch zu begegnen, dass immer mehr Menschen in ihrer bedrängten Situation auch nicht vor einer illegalen Einwanderung zurückschreckten. Der Zustrom traf - vor allem ab 1936 - auf energischen Protest der in Palästina heimischen arabischen Bevölkerung, der sich auch gewaltsam Ausdruck verschaffte. Das alles führte schließlich dazu, dass die Briten als Mandatsmacht unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im Oktober 1939 eine Einwanderungssperre verhängten, die bis April 1940 Geltung behielt.

1941 musste die Organisation ihre Tätigkeit im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten einstellen.

Baum wird geladen...