Hilfsverein
Der Hilfsverein der deutschen Juden wurde auf Anregung von Paul Nathan am 23. Mai 1901 in Berlin gegründet und wurde zu einem der einflussreichsten jüdischen Wohltätigkeitsvereine zur Zeit des Kaiserreichs. Mit ihren finanziellen Mitteln wollten deutsche Jüdinnen und Juden zunächst insbesondere die wirtschaftliche und kulturelle Lage von Juden in Osteuropa verbessern, um so auf lange Sicht deren Auswanderung unnötig zu machen. Dafür wurden Bildungs- und Ausbildungsprojekte für die jüdische Bevölkerung in Galizien, Rumänien und Russland ins Leben gerufen, während der Hilfsverein in Palästina Kindergärten und Schulen gründete und sich an der Gründung eines modernen Schulwesens beteiligte.
In Deutschland sah sich der Hilfsverein darüber hinaus für die über das Reichsgebiet führende jüdische Osteuropa-Auswanderung verantwortlich. Eine gezielte Förderung der Auswanderung - besondere nach Deutschland - war hingegen keineswegs das Ziel des Vereins, der stattdessen deutliche Vorbehalten gegenüber den osteuropäischen Glaubensgenossen hegte, die entweder als sehr religiös galten oder denen eine Nähe zu sozialistischen Ideen nachgesagt wurde. Außerdem befürchtete man, eine „ostjüdische“ Einwanderung könne die ohnehin zunehmenden Tendenzen in der deutschen Gesellschaft weiter befeuern, eine Sorge, die auch vom „Central-Verein“ (C.V.) geteilt wurde.
Mit 27.000 Mitgliedern und Gesamteinnahmen von 933.500 Mark im Jahr 1913 gehörte der Hilfsverein zu den größten und finanzstärksten deutschen Wohlfahrtsverbänden am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Zwischen 1901 und 1918 verbuchte der Verein Einnahmen in Höhe von insgesamt über 47 Millionen Mark, was heute etwa 382 Millionen Euro entsprechen würde. Er verfügte über ein reichsweites Netzwerk von Regional- und Lokalfilialen sowie über Dutzende von Informationsbüros im Ausland. Bis 1914 gelang rund 200.000 Jüdinnen und Juden mit Unterstützung des Hilfsvereins die Auswanderung nach Amerika oder Palästina.
Nach der deutschen Niederlage im November 1918 verlor der Hilfsverein an Gewicht im internationalen Judentum. Um 1930 zählte er in Deutschland aber noch immer 290 Ortsvertretungen, die sich vor allem der Beratung und Unterstützung von Juden widmeten, die aus oder über Deutschland auswandern wollten. Deren Zahl betrug im Zeitraum zwischen 1921 und 1936 etwa 350.000.
Mit Beginn der NS-Zeit nutzte die in „Hilfsverein der Juden in Deutschland“ umbenannte Organisation seine internationalen Kontakte zur Unterstützung der Auswanderungsbestrebungen der jüdischen Einwohner des Deutschen Reiches. Sie wurde nun rasch zur Zentralstelle für die Auswanderung in alle Zielländer mit Ausnahme Palästinas, für die das „Palästinaamt“ der „Jewish Agency“ in Berlin weiterhin zuständig blieb. Insbesondere der durch die „Nürnberger Gesetze“ hervorgerufene starke Auswanderungsdruck stellte den Hilfsverein dann vor eine Fülle organisatorischer Probleme, wie aus seinem „Arbeitsbericht“ des betreffenden Jahres hervorgeht:
„Zwar hielt sich in der ersten Hälfte des Jahres und noch etwas darüber hinaus, etwa bis Juli/August, die Auswanderung wie im Vorjahre in verhältnismäßig bescheidenen Grenzen; dann aber rief der Erlaß der Nürnberger Gesetze im September einen stürmischen Auswanderungsdrang hervor, der den Hilfsverein vor eine um so schwierigere Aufgabe stellte, als der starke Einfluß politischer und psychologischer Faktoren häufig zu einem sprunghaften Ansteigen in der Zahl der Ratsuchenden von einem Tag zum anderen führte, dem natürlich der organisatorische Apparat nicht jeweils mit gleicher Schnelligkeit folgen konnte. In den letzten Monaten des Jahres 1935 betrug die Zahl der Ratsuchenden bei der Auswandererberatung des Hilfsvereins in Berlin täglich ungefähr 150 Menschen, also monatlich über 4000. (…) Während die Notwendigkeit der Auswanderung von den deutschen Juden immer stärker empfunden wurde, legte die Verschärfung der deutschen Devisenlage und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten des Kapitaltransfers der Auswanderung aller einigermaßen vermögenden Schichten in nichtpalästinensische Länder immer größere Hindernisse in den Weg. Hinzu kam die Tatsache, daß die Besserung der Wirtschaftslage, die in den meisten überseeischen Ländern im Laufe der Jahre zu verzeichnen war, sich leider noch nicht in einer Lockerung der fast überall noch von der Krise her bestehenden scharfen Einwanderungsbeschränkungen bemerkbar machte.“
Anfang des Jahres 1936 wurde die Organisation des Hilfsvereins weiter ausgebaut. Zu den bestehenden Auswandererberatungsstellen Berlin, Hamburg und Bremen wurden 13 weitere eingerichtet, darunter in Frankfurt a. M., Stuttgart, Leipzig, Breslau, Königsberg und Köln, weil sich seit Anfang 1936 „das Schwergewicht der Auswanderung mehr und mehr von Berlin auf das Reich“ verlagert hatte und bald rund zwei Drittel aller vom Hilfsverein unterstützten Fälle nicht mehr in Berlin, sondern von Zweigstellen im gesamten Reichsgebiet bearbeitet wurden. Zu den weiteren Schritten, die der Hilfsverein zur Förderung der Überseeauswanderung unternahm, zählten:
- der Ausbau eines Korrespondentennetzes durch seine Informationsabteilung, um vor allem Auskünfte über die weniger erschlossenen Länder Süd- und Mittelamerikas zu erhalten
- die individuelle Beratung beruflich qualifizierter Auswanderer und die Bearbeitung von Tausch-, Beteiligungs- und Kaufmöglichkeiten im Ausland
- die Einrichtung von Sprachkursen in Englisch, Portugiesisch und Spanisch - teils gemeinsam mit Jüdischen Lehrhäusern, den Jüdischen Gemeinden u. a. - in allen größeren Orten Deutschlands und die Organisation von Vorträgen über die Landeskunde der wichtigsten Einwanderungsländer, vor allem Argentinien und Brasilien
- die Einrichtung einer Pressestelle zur Versorgung der jüdischen Presse mit exakten Informationen über Auswanderungsfragen und Aufklärung der Öffentlichkeit über Einwanderungsmöglichkeiten durch Vorträge leitender Mitarbeiter des Hilfsverein
- die Einrichtung eines Ausschusses für Devisenberatung und Transfer-Probleme
- die Umgestaltung der Zeitschrift des Hilfsvereins.
Mittels einer Reihe von Vortragsabenden, die der Verein in verschiedenen größeren deutschen Städten, darunter Mannheim, Köln, Leipzig und Breslau, veranstaltete, versuchte man, „dem immer stärker werdenden Bedürfnis der jüdischen Öffentlichkeit nach Aufklärung über Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Auswanderung gerecht zu werden“.
Eine „Sonderaktion“ des Hilfsvereins galt im Geschäftsjahr 1936/37 der Förderung der Auswanderung von Kindern im Alter von 6 bis 15 Jahren - ohne Begleitung der Eltern - in die Vereinigten Staaten. Die amerikanische Partner-Organisation der „Zentralwohlfahrtsstelle“ war dabei das „German-Jewish Children’s Aid Committee“. Es war jedoch nicht möglich, die Kinderauswanderung in die USA im gewünschten Umfang zu realisieren. 1938 konnten - wegen Erschöpfung der deutschen Quote im Sommer 1938 – lediglich 88 Kinder in amerikanischen Familien untergebracht werden. Innerhalb von fünf Jahren sind lediglich etwa 500 Kinder mit Hilfe der „Zentralwohlfahrtsstelle“ und des Hilfsvereins in die USA emigriert.
In den Jahren 1933 bis 1938 wurden 31.399 Auswanderer vom Hilfsverein finanziell unterstützt; von ihnen gingen 11.411 Personen in europäische Länder, 19.988 nach Übersee. Darüber hinaus hat der Hilfsverein in dieser Zeit rund eine Viertel Million Menschen - schriftlich oder mündlich - beraten. Bis zur seiner Zwangsauflösung im Jahr 1939, so lässt sich resümieren, arbeiteten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hilfsvereins daran, denjenigen Verfolgten eine Möglichkeit zur Flucht zu verschaffen, die aus finanziellen oder anderen Gründen Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihrer Pläne hatten.
1939 wurde er dann in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ zwangsintegriert, führte seine Arbeit jedoch bis in den Herbst 1941 als „Wanderungsabteilung“ der Reichsvereinigung weiter. Damit fand die Arbeit des Vereins zur Umsetzung der jüdischen Emigration künftig praktisch unter staatlicher Aufsicht statt. Insgesamt wurde so aber zwischen 1933 und 1941 immerhin rund 90.000 jüdischen Verfolgten die Möglichkeit gegeben, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen. Dabei arbeitete der Hilfsverein eng mit ausländischen Hilfsorganisationen, wie dem „Council of German Jewry“ in England, dem JDC oder der HIAS in den USA zusammen.