Kriegsgeschehen und Kommunikationskanäle
Hinzuweisen gilt es noch auf die Bedeutung, die das Kriegsgeschehen auf die Struktur, Verlässlichkeit und Effizienz, zum Teil aber auch auf die Inhalte brieflicher Kommunikation hatte. Schon der Kriegsbeginn erschwerte den Austausch von Briefen erheblich, denn deren Versand ins jeweils feindliche Ausland wurde von den beteiligten Staaten oft unterbunden oder zumindest erschwert. Um aber weiterhin einen dauerhaften Austausch von Nachrichten zu gewährleisten, wurden auf jüdischer Seite häufig regelrechte Kommunikationszentralen eingerichtet, an die Sendungen gerichtet wurden, um sie von dort - nicht selten über weitere Umwege - zum eigentlichen Empfänger weiterzuleiten. Da es sich ja nicht um Funksignale, sondern um herkömmlich zu transportierende Post handelte, bedeutete ein solcher Umweg - zumal in Zeiten eines zum Weltkrieg ausufernden kriegerischen Konflikts - stets auch eine erhebliche Zeitverzögerung. So richtete etwa das Kölner Ehepaar Carl und Johanna Katz die an seine nach Südafrika und England ausgewanderten Söhne Helmut und Rudolf gerichteten Briefe zunächst stets an deren in die Niederlande emigrierten Onkel Ludwig Katz, der sie von dort – in aller Regel mit Ergänzungen und Kommentaren versehen – in die beiden als „Feindstaaten“ geltenden Bestimmungsländer weiterleitete. Als sich im Mai 1940 die Lage dann dadurch grundlegend wandelte, dass die Niederlande unter deutsche Besatzungsherrschaft gerieten und Ludwig Katz seine Funktion als familiärer Briefverteiler nicht mehr wahrnehmen konnte, musste das Arrangement überdacht und grundlegend modifiziert werden. Nunmehr übernahm Richard Stern, der in die USA emigrierte Schwager des kurz zuvor verstorbenen Carl Katz und Bruder von dessen allein in Köln zurückgebliebener Frau Johanna, die Funktion einer solchen postalischen „Relaisstation“, was die Laufzeit der Briefe naturgemäß nochmals erheblich verlängerte und die Gefahr von Verlusten entsprechend erhöhte. Gleichzeitig nahmen die von den Kölner Adressaten in den Briefen selbst an den Tag gelegte Vorsicht und die daraus resultierende Zurückhaltung von Informationen nochmals deutlich zu.
Wie weitreichend die Folgen des „Westfeldzugs“ auf den Informationsaustausch der Familie Katz waren, belegt ein Schreiben, das Richard Stern am 16. Juni 1940 an seinen Neffen Helmut Katz in Johannesburg richtete. „Durch die so rapide eingetretenen Verhältnisse in Europa“, so teilte er aus New York nach Südafrika mit, sei „ja leider alles unterbunden worden, was bisher noch über Holland etc. möglich“ gewesen sei. „Von Deinen Verwandten aus Holland ist bisher noch keine Nachricht nach hier gekommen, während Rudi mir [aus London] schrieb, daß er auch nichts gehört hat. Wir haben leider von unseren Lieben wie Heinrich und Tekla mit Familie, welche alle in Belgien waren, auch nichts mehr gehört, und sind dadurch sehr in Unruhe.“ Die neue Lage erforderte eine neue Strategie, in deren Rahmen Richard Stern die bisherige Rolle von Ludwig Katz als familieninterne Kommunikationszentrale übernahm. Die Folgen und die deshalb künftig unbedingt einzuhaltenden Verhaltensregeln teilte er Helmut Katz im gleichen Brief mit: „Wenn Du mir nun schreibst, so beachte folgende Regeln: Schreibe per Maschine auf Flugpost-Papier. Keine Ortsangabe, da es in D[eutsch]land verboten ist, auch indirekt mit dem feindlichen Ausland zu korrespondieren. Keine Bemerkungen über irgendjemand der im kriegführenden Lande mit Deutschland lebt, sagen wir Rudi etc., da ich die Briefe mit Deiner Mutter so führe, als ob Du und Rudi etc. mit uns zusammen in Amerika lebtet, und [wir] nur, um das Porto zu sparen, gemeinsam korrespondieren. Selbstverständlich nichts gegen unsere lieben Nazis oder Kriegspolitisches schreiben.“[1]
Weitere erhebliche Einschränkungen erfuhr der Postverkehr dann mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni und – für Emigranten und ihre in Deutschland zurückgebliebenen Familien besonders einschneidend – durch den Kriegseintritt der USA Anfang Dezember 1941. So verschickte Richard Stern im August 1941 drei Briefe an seinen Neffen Rudi nach London, die er zuvor aus Köln erhalten hatte. „Lest diese Briefe mit Vorsicht, und Ihr findet einen ganz anderen Stil wie sonst“, kommentierte er die Schreiben. Offenere Äußerungen seien für die Zurückgebliebenen nunmehr noch gefährlicher geworden. So sei eine Passage, in der zu lesen war, dass man in Köln von „feuchtem Wetter“ verschont geblieben sei, so zu lesen, dass in jüngster Zeit keine schweren Luftangriffe auf die Stadt geflogen worden seien.[2]
Weitgehende Restriktionen erfuhren auch Ilse Wolff, der noch im Mai 1940 die Auswanderung in die USA gelungen war und deren in Köln zurückgebliebene Mutter Rosa, deren einzig verbliebener Halt die regelmäßige Kommunikation mit ihrer Tochter darstellte, die ab Dezember 1941 aber abrupt unterbrochen wurde. Die erlaubte Korrespondenz beschränkte sich nunmehr auf kurze, standardisierte und entsprechend inhaltslose Briefe, die über das Rote Kreuz versandt wurden. Bis ins Frühjahr 1942 hinein blieb Rosa Wolff völlig ohne Nachricht von ihrer Tochter. Dann wurde ihr in Südfrankreich internierter Bruder Richard Lilienfeld ähnlich wie Richard Stern zur „Relaisstation“, da er sowohl Post aus Deutschland als auch aus den USA empfangen durfte. Es dauerte offenbar bis Ende Mai 1942 bis endlich ein von Rosa Wolff an „Meine Lieben“ gerichteter Brief auf dem Umweg über Südfrankreich in die USA weitergeleitet werden konnte. In diesem bis zu deren Deportation praktizierten Verfahren sahen sich Mutter und Tochter aus Gründen der Konspiration gezwungen, sich in der dritten Person anzusprechen, um so ihren direkten Kontakt vor den deutschen Zensurbehörden zu verbergen.
Angesichts der permanenten Behinderungen im Postverkehr und der oftmals verschlungenen Wege ist es erstaunlich, wie viele der Briefe ihr Ziel - wenn oft auch verspätet – schließlich doch noch erreichten. Aber auch all diese und noch weitaus mehr Verschleierungstaktiken erschweren das heutige Verständnis der Briefe. Das gilt im Übrigen auch mit Blick auf die raren überlieferten Selbstzeugnisse, die sich aus der Zeit der Getto- und Lageraufenthalte vor dem Beginn der Deportationen im Herbst 1941 erhalten haben. So gibt es von Kölner Jüdinnen und Juden etwa Briefe aus Bentschen (Zbąszyń) oder aus den Gettos in Tarnów und Trembowla, aus denen trotz aller zensurbedingter Zurückhaltung einiges über die unmenschlichen Lebensbedingungen ableiten lässt.
Insgesamt gilt trotz aller inhaltlichen Einschränkungen, dass die in diesem Band genutzten und im digitalen Projektteil vollständig zugänglichen Briefe einen neuen Blick auf die zunehmenden Repressalien, Schwierigkeiten und Diskriminierungen eröffnen, denen sich die jüdische Bevölkerung Kölns ausgesetzt sah. Gleiches gilt für die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, ihre Ausgrenzung aus der Mehrheitsgesellschaft, die Demütigungen, das Schwanken zwischen Hoffen und Verzweiflung, wenn es um ihre Auswanderung ging. Ab dem Herbst 1941 kam in den Schreiben angesichts der unausweichlich herannahenden Deportationen dann zunehmend die Macht- und Ausweglosigkeit der Betroffenen zum Ausdruck.[3] Gerade diese Selbstzeugnisse ermöglichen daher einen von offiziellen Schriftstücken oft abweichenden Blickwinkel auf den Alltag der Verfolgung aus und eröffnen dadurch neue und nicht selten überraschende Wege zum besseren und tieferen Verstehen damaliger Stimmungen und Verhaltensweisen.
Vor allem aber geben sie den damals Verfolgten und Ermordeten ein kleines Stück weit ihre Stimmen zurück.
Fußnoten
[1] NS-DOK: Richard Stern an Rudolf Katz, 4.8.1941.
[2] NS-DOK: Richard Stern (New York) an Helmut Katz (Johannesburg), 16.6.1940.
[3] Vgl. mit ähnlicher Einschätzung auch Verfolgung und Ermordung, Bd. 3, S. 13.