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Inhalte und Laufzeiten

Aufgrund der gerade für Jüdinnen und Juden besonders streng gehandhabten Zensurbestimmungen und wegen der wohl gerade auf sie besonders restriktiv wirkenden „inneren“ Zensur sind Selbstzeugnisse solcher Provenienz überaus achtsam zu lesen und zu interpretieren. Um die Intensität und Authentizität der in den Briefen enthaltenen Informationen und Schilderungen besser einordnen und beurteilen zu können, bedarf es zunächst eines genauen Blicks auf deren Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte. Dass überhaupt Briefe ausgetauscht wurden, setzte in aller Regel voraus, dass Familienmitglieder zuvor getrennt worden waren, was im vorliegenden Kontext zumeist bedeutete, dass einzelnen die Emigration gelungen war, während andere in Deutschland zurückblieben. Daher setzte eine intensivere Schreibtätigkeit und damit eine Überlieferung von Selbstzeugnissen zumeist erst um 1936/37 ein, um infolge der „Polenaktion“ von Ende Oktober und des Pogroms vom 9. November dann ab Ende 1938 erheblich an Umfang und inhaltlicher Intensität zuzunehmen und in den Jahren 1940/41 den Höhepunkt zu erreichen. Mit dem Beginn der Deportationen flachte diese Kurve dann stetig ab, weil sich dadurch zwangsläufig auch die Zahl potenzieller Korrespondenzpartner deutlich verringerte. Mit dieser Benennung zeitlicher Fixpunkte ist zugleich umschrieben, welche inhaltlichen Schwerpunkte die Korrespondenzen aufweisen: Standen zunächst Fragen der Auswanderung und – limitiert durch die Vorgaben der Briefzensur – Schilderungen zur persönlichen Lebenssituation und der zunehmenden Beeinträchtigungen im Mittelpunkt der Briefe, wandelten sich Duktus und Informationsgehalt der Schreiben kontinuierlich. Aus Hoffnung wurde zunehmend Resignation und Verzweiflung, die Tatsache der permanenten Verkleinerung der jüdischen Gemeinschaft – zunächst durch Emigration, dann durch Deportationen – wurde zum Dauerthema, und der Gedanke des Abschiednehmens und eines erhofften Wiedersehens „nach dem Krieg“ trat immer stärker in den Vordergrund.

Da deren Vorhandensein stets Folge einer Trennung von Familien und Freunden war, spiegeln sich in den Briefen häufig Rettung und Tod zugleich. Eine direkte Folge ihrer Entstehung ist es daher, dass der größte Teil dieser Korrespondenzen nur für eine Seite überliefert wurde, nämlich jene, die den Holocaust in der Emigration überlebte und die Schreiben ermordeter Familienmitglieder als wohlgehütete Schätze und letzte Erinnerungen an sie sorgsam aufbewahrte und so für die Nachwelt rettete. Der zweite Teil der Korrespondenzen, die Briefe, die nach Deutschland gesandt wurden, gingen hingegen infolge von Deportation und Ermordung der Adressaten fast immer dauerhaft verloren.[1]

Eine intensive und zudem stringente Kommunikation wurde oftmals auch durch die langen Laufzeiten der Briefe behindert und erschwert. Max Schönenberg skizzierte die hieraus resultierenden Probleme so: „Durch die langen Zwischenzeiten zwischen der Absendung eines Briefes und dem Erhalt einer Antwort geht dem Meinungsaustausch manches von seiner Frische verloren. Man weiss vielleicht nach 4 oder 5 Wochen gar nicht mehr so genau, was man geschrieben und wie man den betreffenden Gedanken ausgedrückt hat. Aber das läßt sich kaum ändern.“[2]

Auf eine spezifische Art bedeutsam ist insbesondere auch all das, was man den Briefen nicht entnehmen kann. Das betrifft zum einen Namen - sowohl von Personen als auch von Orten. Oftmals wurde auf deren vollständige Angabe verzichtet, zum einen wohl, weil man voraussetzen konnte, dass die Briefempfänger wussten, wer sich hinter „Tante X“ oder „Onkel Y“ konkret verbarg, zum anderen aber auch, um es den Zensur- und Überwachungsbehörden möglichst schwer zu machen, Personen oder konkrete Orte zu identifizieren. Ein solcher Verzicht auf Klarnamen verkompliziert aber naturgemäß oftmals auch heute das genaue Verständnis und die richtige Interpretation der Quellen verkomplizieren. Erschwerend kommt darüber hinaus noch hinzu, dass auch weitere wesentliche Dinge ungeschrieben blieben oder so geschickt „zwischen den Zeilen“ versteckt wurden, dass sie rückblickend und ohne Kenntnis eventueller Absprachen nicht mehr in Gänze entschlüsselt werden können.

Es fällt ins Auge, dass sich in den erhaltenen Briefen aus Köln nur wenig Äußerungen zum Kriegsgeschehen finden – weder zu jenem an den Fronten noch zum seit Mai 1940 stetig eskalierenden Bombenkrieg in der zunehmend von Zerstörungen und Beeinträchtigungen betroffenen Stadt selbst. Das dürfte kaum als Desinteresse der jüdischen Bevölkerung an den Auswirkungen des Krieges und als völlige Konzentration auf die eigenen Lebensumstände gedeutet werden, denn gerade der Fortgang des Krieges war für die eigene Zukunft ja in mehrfacher Hinsicht von ausschlaggebender Bedeutung. Das auffällige Aussparen derartiger Themen, das weit über die entsprechende Zurückhaltung in „normalen“ Feldpostkorrespondenzen hinausging, dürfte wohl weitaus eher darauf zurückzuführen gewesen sein, dass nahezu alle ins Ausland adressierten Briefe aus jüdischen Kreisen einer strengen Zensur unterlagen. Daher war die Befürchtung vor Beanstandungen berechtigterweise groß, denn gerade Äußerungen über den Krieg konnten leicht als Spionage und/oder „Gräuelpropaganda“ ausgelegt und entsprechend sanktioniert werden. Das aber hätte die ohnehin langwierige und störanfällige Kommunikation mit Verwandten in Emigrationsländern und damit die eigene Auswanderung massiv gefährden können.[3]

Große Teile einiger der hier ausgewerteten Korrespondenzen sind aufgrund ihrer spezifischen Entstehungsgeschichte aus anderen Gründen nicht immer „leicht“ zu lesen. Das rührt zum einen daher, dass sie – wie etwa im Fall der Familien Rosenwald und Großmann – durch zahlreiche Wiederholungen gekennzeichnet sind. Diese waren nach dem Dafürhalten der jeweiligen Schreiberinnen und Schreibern jedoch unbedingt notwendig, denn in den Briefen teilten sie hinsichtlich der akribisch einzuhaltenden und sich zudem ständig ändernden Emigrationsbestimmungen ja für sie existenzielle Dinge mit. Da erfahrungsgemäß viele dieser Schreiben ihre fernen Bestimmungsorte nicht oder erst mit erheblichen Verspätungen erreichten, wurde es schnell zur Notwendigkeit und üblichen Praxis, die wichtigsten Daten und Fakten mehrfach brieflich zu übermitteln. Das führte in einigen Fällen dazu, dass sich rund um das Thema „Emigration“ geradezu ein alles dominierender und in sich abgeschlossener eigener Kommunikationsraum entfaltet, in dem kaum noch andere Aspekte thematisiert wurden. Dadurch griff in solchen Fällen eine zwar nachvollziehbare, aufgrund ihrer Ausschließlichkeit zugleich aber auch eine - rückblickend - nahezu beängstigende Fokussierung Platz.

Hinsichtlich ihrer jeweiligen Aussagekraft gilt es noch weitere Aspekte zu berücksichtigen, denen bei jeglicher Form von Korrespondenz eine erhebliche Bedeutung zukommt. Die Inhalte der Briefe und insbesondere die Dichte und Differenziertheit der jeweiligen Schilderungen waren nicht zuletzt vom Alter und vom sozialen Status der Absender und Adressaten abhängig. Einem 14-jährigen Kind, das mit einem Kindertransport nach Großbritannien verschickt worden oder das – wie Leopold Schönenberg – mit immerhin schon 17 Jahren nach Palästina emigriert war, versuchten Eltern und Großeltern eher die Ängste um das Schicksal der Familie zu nehmen, weshalb sich die zurückgebliebenen Briefeschreiber für gewöhnlich mit realistischen und damit zwangsläufig zunehmend drastischeren negativen Schilderungen ihrer Lebensumstände zurückzuhalten. Das änderte sich mit zunehmendem Lebensalter der Adressaten. Ob nun Max und Erna Schönenberg an ihren Schwager Julius Kaufmann in Schanghai oder die 25-jährige Liesel Rosenwald an ihren ein Jahr jüngeren Bruder Fritz in New York schrieben - ihre Berichte fielen um Vieles schonungsloser aus und vermitteln zumindest in Ansätzen Einblicke in ihre tatsächlichen Lebensumstände in Köln.

In Briefen spiegelt sich stets auch all das wider, was man gemeinhin mit „sozialer Herkunft“ und damit zusammenhängendem „Bildungsniveau“ umschreibt. Jemand aus bürgerlichem oder gar großbürgerlichem Haus wird in aller Regel eine andere Schulbildung genossen haben als Kinder aus einer ostjüdischen Kleinhändlerfamilie, entsprechend anders formulieren und wohl auch das persönliche Umfeld anders beobachten. Aber auch unabhängig davon drücken sich Menschen unterschiedlich präzise und differenziert aus, was natürlich Auswirkungen auf den „Wert“ ihrer Selbstzeugnisse als historische Quelle hat. Und schließlich hängt die inhaltliche Qualität eines unter den Bedingungen der NS-Zensur entstandenen Briefes nicht unerheblich von Selbstbewusstsein, Mut und/oder Schicksalsergebenheit der Verfasserinnen oder des Verfassers ab. Wer glaubte, nichts mehr zu verlieren zu haben oder anstrebte, das eigene Erleben zumindest in Auszügen für die Nachwelt zu erhalten, schrieb offener und kritischer als jemand, der alles daran setzte, seine Auswanderung auch unter widrigsten Verhältnissen doch noch zu realisieren.

Auf all das, was lediglich „zwischen den Zeilen“ gesagt oder gerade dadurch, dass es gänzlich unausgesprochen blieb, zu einer klaren Botschaft werden konnte, wird im weiteren Verlauf dieser Untersuchung immer wieder einzugehen sein. Wegen der Häufigkeit solcher versteckter Informationen und deren auf individuelle Absprachen zurückzuführenden Unterschiedlichkeiten verbietet sich allerdings der Versuch einer zusammenfassenden Betrachtung dieser der strengen Zensur geschuldeten Kommunikationsstrategien. Eins jedoch ist sicher: Wenn aufgrund der skizzierten und zahlreicher weiterer, hier nicht im Einzelnen erörterter Faktoren ungeschminkte und ausführliche Berichte über die Lage in Köln und Deutschland eher selten überliefert sind, handelt es sich bei den im Folgenden intensiv ausgewerteten Briefen und Tagebuchauszügen um ganz besondere Dokumente, die zumindest eine Ahnung von der menschenverachtenden und im Wortsinn gnadenlosen Brutalität des NS-Regimes entstehen lassen.

Fußnoten

[1] Ausnahmen sind – zumindest für Köln - selten und nur dann gegeben, wenn die Absender in der Emigration - wie beispielsweise Ilse Wolff - Durchschriften der eigenen nach Deutschland gesandten Briefe anfertigten. So ist es bezeichnend, dass deren Briefe aus den USA erst von dem Zeitpunkt an überliefert sind, an dem sie an ihrem Emigrationsziel über eine Schreibmaschine verfügte, die entsprechende Durchschläge ermöglichte. Die handschriftlichen Briefe, die Ilse Wolff während der Überfahrt selbst verfasste, sind hingegen aus den geschilderten Gründen nicht erhalten.

[2] Max Schönenberg an Schwager Julius Kaufmann, 26.2.1939.

[3] Eine Durchsicht der überlieferten Quellen zeigt, dass tatsächlich ein großer Teil der ins Ausland gerichteten Briefe durch die Zensurstelle der Wehrmacht überprüft wurde, was sich durch entsprechende Etiketten auf den zensierten Briefen und Zensurstriche auf den Briefbögen belegen lässt. Tatsächliche Zensur in Form von Durchstreichungen oder Ausschnitten aus den Schreiben wurde dagegen offenbar weniger geübt. Das dürfte wohl vorwiegend auf das hohe Maß an Selbstbeschränkung auf Seiten der Absender zurückzuführen gewesen sein, um so die Zustellung der Briefe nicht zu gefährden.

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