Getto-Gemeinschaft und Kontakte zur Außenwelt
Verglichen mit anderen großen Gettos - etwa jenen in Litzmannstadt oder Warschau - zeichnete sich die Theresienstädter Getto-Gesellschaft durch eine vergleichsweise große Homogenität und innere Verbundenheit aus. Sie entwickelte zumindest ein rudimentäres Gefühl des „Miteinanders“ und der Zugehörigkeit zum Getto, das als Ort gemeinsamer „Leistung“ und „Arbeit“ positiv bewertet wurde. Solche Gefühlslagen konnten ebenso zum Überleben der Gemeinschaft beitragen wie die - qualitativ oftmals sehr beachtlichen - kulturellen Angebote, die das Getto für Interessierte bereithielt. Insbesondere für die Neuankömmlinge aus dem Reichsgebiet blieben ihre Zugehörigkeit zur westlichen Kultur im Speziellen und die Humanität im Allgemeinen wichtige Grundpfeiler ihres Denkens, Fühlens und Handelns - soweit das unter den Bedingungen des Gettoalltags möglich war. Eine aus all dem resultierende Grundstimmung wurde von fast allen Getto-Bewohnern mitgetragen und zieht sich auch durch zahlreiche der erhaltenen Selbstzeugnisse, was verschiedentlich leider auch zu einer unkritischen Übernahme solcher Sichtweisen in die Geschichtsschreibung über Theresienstadt führte. Dabei wird jedoch zumeist übersehen, dass es sich dabei um kein reales Abbild der Lebensbedingungen im Getto handelte, sondern zumeist lediglich um die Projektion eines besseren Lebens und damit um eine Motivation zum Überleben. Das trifft im Übrigen - allerdings aus anderen Gründen - auch auf zahlreiche der überlieferten Fotos zu.
Als Motivation zum Durchhalten waren auch Außenkontakte von elementarer Bedeutung, denn die im Getto Eintreffenden waren in aller Regel ja ihren sozialen Kontexten entrissen worden und sahen sich nun von ihrer bisherigen Welt abrupt abgeschnittenen unter Tausenden von verzweifelten Leidensgefährten. Umso größer wurde die Bedeutung jeder möglichen Form von Kommunikation, der gleichzeitig auch als unverzichtbares Mittel zur Versorgung ein hoher Stellenwert zukam. Kinder und andere Verwandte, Bekannte und Freunde schickten Pakete mit Lebensmitteln und dringend benötigten Gebrauchsgegenständen und fütterten viele der Getto-Bewohner so buchstäblich durch. Von erheblicher Bedeutung waren aber auch die Briefe und Postkarten, die ins Getto geschickt wurden, denn solche Mitteilungen signalisierten immer wieder, dass es Menschen gab, die die Verbindung aufrechterhielten und draußen auf eine Rückkehr warteten. Solche Signale gaben den Internierten immer wieder „einen Grund zu überleben“ und konnten ihnen über psychische Krisen hinweghelfen. Eine derartige Unterstützung fehlte zumeist jenen älteren Menschen im Getto, deren Kinder emigriert waren und wegen des kriegsbedingt einschränkten, gestörten oder völlig unterbundenen Postverkehrs nicht mehr schreiben konnten. Problematisch wurde es auch dann, wenn die über die Mechanismen der unzuverlässigen Postzustellung für Theresienstadt nicht informierten Bewohner das Ausbleiben von Post als Zeichen schwindender Zuneigung interpretierten oder auf ein Unglück ihrer Kinder und Verwandten zurückführten, ohne dass sie sich hätten Klarheit verschaffen können.