Organisation
Nachdem Reinhard Heydrich und weitere SS-Führungskräfte am 17. Oktober festgestellt hatten, dass in Theresienstadt „bequem 50-60.000 Juden untergebracht werden könnten“, begann mit der Ankunft des „Stabes“ am 4. Dezember 1941 der Alltag des „geschlossenen Lagers Theresienstadt“.
Dabei verwaltete die SS das Getto nicht, sondern kontrollierte es lediglich. An seiner Spitze stand vielmehr die „jüdische Selbstverwaltung“, wie die nach innen mit diktatorischer Vollmacht ausgestattete, jedoch ihrerseits völlig von der SS abhängige und zwangsweise eingerichtete innere Organisation des Lagers bezeichnet wurde. Sie wurde vom „Judenältesten“ Jakob Edelstein (1903-1944) geleitet, der - darin Chaim Rumkoswski im Getto Litzmannstadt vergleichbar - bei der Wahrnehmung seiner Aufgabe von der Vorstellung geleitet wurde, das Leben der Getto-Bewohner durch produktive Arbeit retten zu können.[1] Er stand mit seinem Stellvertreter Otto Zucker (1892-1944) einem 23-köpfigen Gremium, dem „Stab“ vor, der die Administration des im Aufbau befindlichen Lagers vorbereitete. Zur Unterstützung war am 24. November ein erstes, 352-köpfiges Aufbaukommando aus Prag eingetroffen, ein zweites folgte am 4. Dezember gemeinsam mit dem „Stab“. Bald darauf trafen erste Transporte aus dem „Protektorat“ ein. Im Januar 1943 wurde Jakob Edelstein aus seinem Amt entlassen und Ende des Jahres nach Auschwitz deportiert. Seine Aufgabe übernahm der gerade aus Berlin eingetroffene Paul Eppstein, der dort bis dahin die Reichsvereinigung mitgeführt hatte.
In einem am 31. Dezember 1943 verfassten Bericht skizzierte Otto Zucker als Angehöriger des „Judenrates“ die Strukturen des Gettos: „Die Juden wohnten in den einzelnen Kasernen abgesondert und getrennt voneinander und von der übrigen Bevölkerung. Ein Verkehr zwischen den Kasernen war nur gegen besondere, von der Lagerkommandantur ausgestellte Bewilligungen möglich. Die dichtgedrängte Unterbringung, die Aufhebung des familienweisen Lebens und die Zusammenfassung in zimmerweise Wohn- und Lebensgemeinschaften von Männern und Frauen sowie die Notwendigkeit, das gesamte Leben entsprechend den vorhandenen primitiven Mitteln bis in die Einzelheiten kasernenmäßig zu organisieren, erzwangen eine straffe lagermäßige Führung des Gettos, welche sich auf die gesamten neugeschaffenen Einrichtungen und auf die Anordnungen der Leitung bestimmend auswirkte. Die kleinste organisatorische Einheit war das Zimmer, welches einem Zimmerältesten unterstellt war, der für die Ruhe, Ordnung, Sauberkeit und Evidenz sowie für den Arbeitsantritt seiner Insassen verantwortlich war und auch die Essenverteilung an sie zu beaufsichtigen hatte. Die Zimmer wurden gruppenweise zusammengefasst und unterstanden Gruppenältesten, die als Hilfsorgane des Gebäudeältesten tätig waren, dem die Kaserne als größte Wohneinheit unterstand. Die Gebäudeältesten erhalten ihre Befehle von der zentralen Gebäudeleitung. Die Mitteilungen der Leitung wurden und werden noch heute in Form von Tagesbefehlen und Appellen der Belegschaft bekanntgegeben. Jede Kaserne als Wohneinheit war ein in sich geschlossenes Ganzes, in welchem jede Abteilung des Ältestenrates ihre Zweigstellen hatte.“[2]
Bei all dem sah sich die jüdische Selbstverwaltung unter scharfer Kontrolle der SS. Das galt auch für die tschechische Polizei, die für die Bewachung von Theresienstadt verantwortlich zeichnete. Anders als in Konzentrations- und Vernichtungslagern gab es ebenso wenig mit Scheinwerfern und Maschinengewehren ausgestattete Wachtürme wie elektrische Zäune. Dennoch handelte es sich bei Theresienstadt um eine Station der „Endlösung der Judenfrage“, die Wolfgang Benz als „Relaisstation des Holocaust“ klassifizierte.
Fußnoten
[1] Insbesondere von unten betrachtet erschien der „Judenälteste“ als unumschränkter Herrscher über das Getto. Er stand in regelmäßigem Kontakt mit der SS-Kommandantur, von der er seine Befehle erhielt und der er Bericht erstatten musste. Alle drei im Laufe der Zeit in Theresienstadt amtierenden „Judenälteste“ genossen - mit Abstufungen - einen schlechten Ruf unter den Getto-Bewohnern, die in dieser Form nahezu allmächtiger „Selbstverwaltung“ die eigentliche Ursache für ihr Elend sahen. Die blieb aber stets und allein das NS-Regime und insbesondere die SS. (Vgl. Benz, Theresienstadt, S. 50.)
[2] Zitiert nach Benz, Theresienstadt, S, 29ff.