Wissen und Opfer
Kulmhof war und ist wohl nicht zuletzt wohl deshalb noch immer das unbekannteste vom NS-Regime auf polnischem Boden eingerichtete Vernichtungslager, weil es dort kaum Überlebende gab, die später von den Verbrechen berichten konnten.
Zu einer der wenigen Ausnahmen zählt Shlojme Winer, dem es bereits im Januar 1942 gelang, auf der Fahrt vom „Schloss“ zum „Waldlager“ zu fliehen, sich ins Warschauer Getto durchzuschlagen und dort Mitarbeitern des Untergrundarchivs seine Erlebnisse zu schildern, die diese dann im Februar 1942 in einem schriftlichen Bericht für die polnische Widerstandsbewegung zusammenfassten.
Seit dem 2. Juli des Jahres wusste dann die ganze Welt Bescheid. An diesem Tag wies nämlich die polnische Exilregierung in einem Artikel in der New York Times in aller Klarheit auf den Massenmord in Kulmhof hin: „Zu Beginn des Winters systematisierten die Deutschen durch den Einsatz neuer Methoden die Ausrottungskampagne. Sie schickten spezielle Gaskammern auf Rädern in die vom Deutschen Reich annektierten westpolnischen Gebiete. Im Dorf Chełmno in der Nähe von Koło wurden jeweils 90 Personen auf einmal in diese Gaskammern geschickt. (...) Zwischen November 1941 und März 1942 wurden in den Städten Koło, Dabie, Izbica und anderen Orten täglich etwa 1000 Menschen vergast, in Łódź waren es zwischen dem 2. und dem 9. Januar alleine 35.000 Juden.“[1]
Angesichts solcher Meldungen wird deutlich, dass auch die Alliierten sehr gut über die Verhältnisse in Kulmhof und im gesamten polnischen Westen informiert waren. Die Weltöffentlichkeit wusste - zumindest theoretisch - spätestens seit Herbst 1943 sehr viel mehr, als man später unmittelbar nach der Befreiung in Polen selbst von den Verbrechen wusste.
Bis heute aber verschließt sich Kulmhof aufgrund der desolaten Quellenlage allen neueren Zugängen der Holocaustforschung - insbesondere einer integrierenden Multiperspektivität von Täterdokumenten und der Opferperspektive. Aufgrund der sehr wenigen Überlebenden können Opfer der dortigen Massenvernichtung praktisch nicht zu Wort kommen, woraus bis heute die schmerzhafte Erkenntnis bestätigt, dass die in Kulmhof angewandte Mordtechnik zwar simpel, aber auch zuverlässig und erfolgreich war. Für andere Vernichtungslager - wie etwa In Treblinka oder Sobibór - gibt es aufgrund geglückter Fluchten mehr Erinnerungen von Überlebenden.
Trotz zumindest teilweise überlieferter detaillierter Zahlenangaben ist es ein schwieriges Unterfangen eine vollständige und verlässliche Zahl der in Kulmhof Ermordeten zu rekonstruieren. Die plausiblste und detaillierteste Angabe lässt sich einem am 28. April 1943 vom „Inspekteur für Statistik beim Reichsführer SS“, Richard Korherr, für Heinrich Himmler verfassten 16-seitigen Bericht mit dem Titel „Die Endlösung der europäischen Judenfrage“ entnehmen. ab. Demnach wurden in diesem Zeitraum 145.301 Jüdinnen und Juden „durch die Lager im Warthegau durchgeschleust“, dessen Tötungsstätte in Kulmhof lag. Hinzuzurechnen sind noch jene, die nach der Reaktivierung des Vernichtungslagers im Jahr 1944 dort ermordet wurden, sowie russische Kriegsgefangene, polnische Nonnen und vermutlich auch die Kinder des böhmischen Dorfes Lidice, die dort ebenfalls ermordet wurden. Somit ist davon auszugehen, dass im Lager Kulmhof mehr als 150.000 Menschen getötet wurden - zumeist durch den Einsatz von „Gaswagen“.