Auflösung und Ende
Nach Einstellung der Deportationen waren die letzten beiden Juliwochen 1944 von Nervosität und dem Warten auf eine Entscheidung im Kriegsverlauf geprägt. Tagtäglich gab es im Getto hierüber neue Gerüchte und Nachrichten, die neue Hoffnungen schürten. Während aber die Front tatsächlich unaufhaltsam näher rückte, konnte niemand beurteilen, ob das Tempo des Vormarschs ausreichen würde und welche Pläne auf deutscher Seite gehegt wurden. Das Bangen nahm kein Ende.
Am 1. August 1944 wurden die Verantwortlichen der jüdischen Gettoverwaltung von der Gestapo Litzmannstadt über die Wiederaufnahme der Deportationen „zur Arbeit ins Reich“ und die vollständige „Evakuierung“ des Gettos in Kenntnis gesetzt. Einen Tag später wurde die offizielle Bekanntmachung über diese „Verlagerung“ veröffentlicht, die sich wie ein Lauffeuer im Getto verbreitete und eine ungeheure Panik auslöste. Da alle wussten, dass die Rote Armee nicht mehr weit entfernt war und sie kurz vor der Befreiung standen, versuchte jede und jeder, einer Verlegung zu entgehen.
Dennoch sollten ab dem 3. August die Belegschaften einzelner Betriebe das Getto verlassen- als erste insgesamt rund 5.000 Arbeiterinnen und Arbeiter des Schneider-Ressorts. Diese ignorierten den Aufruf jedoch weitgehend, so dass am Sammelpunkt lediglich einige Dutzend von ihnen erschienen. Daraufhin sperrte die Gettoverwaltung am 4. August 1944 die Lebensmittelkarten der Beschäftigten dieser Fabriken und teilte mit, dass erst am Bahnhof Radegast wieder Essen ausgegeben werde. Außerdem wurde bei erneuter Nichtbefolgung des Verlegungsbefehls die Todesstrafe angekündigt, was bei den Bedrohten aber kaum noch Wirkung entfaltete. Daraufhin wurde deutsche Polizei ins Getto geschickt, wo sie versuchte, die Menschen einzuschüchtern und so zur Meldung zu motivieren. Aber auch sie scheiterte, zumal die im Getto tätigen Widerstandsgruppen verstärkt versuchten, die Bewohner zu überzeugen, sich zu verstecken, da die Befreiung durch die Rote Armee unmittelbar bevorstehe.
Am 8. August begann dann die erste deutsche Razzia, wobei das Eingreifen der Polizei - wie bereits im Rahmen der „Sperre“ - eine Wende hin zur offenen und brutalen Gewalt markierte. War ein Block umstellt, wurde der Befehl „Alle raus!“ gegeben. All das verursachte immer wieder Panik, was dazu führte, dass immer mehr Menschen durch die Straßen des Gettos irrten, ohne zu wissen, was sie tun sollten. Einige von ihnen wurden an Ort und Stelle erschossen.
Die deutschen Polizisten „säuberten“ nun einen Teil des Gettos nach dem anderen und verkleinerten so systematisch das verfügbare Wohngebiet. Das führte unter anderem dazu, dass es kaum noch Geschäfte gab, die Lebensmittel verkauften. Die Fabriken standen still, Apotheken und andere wichtige Einrichtungen hatten ihre Tätigkeit zwangsläufig eingestellt. Das Geld hatte seinen Wert verloren, so dass das gesamte Leben im Getto schrittweise völlig in sich zusammenbrach. Die Folge war, dass alle hungerten und nervlich längst den Grad des Erträglichen überschritten hatten.
Am 27. August 1944 gab die Gestapo schließlich bekannt, dass die letzten noch im Getto Lebenden sich bis zum Abend des 28. August an einem der beiden Sammelpunkte einzufinden hätten, da am darauffolgenden Tag der letzte Transport das Getto verlasse. Wer nach diesem Termin noch dort angetroffen werde, unterliege der Todesstrafe. Daraufhin stellte, nachdem bereits zuvor der Widerstandswille in den bis dahin so aktiven Untergrundgruppen geschwunden war, in der Nacht zum 29. August 1944 als letzte Gruppierung auch die kommunistische Jugend ihre illegale Arbeit ein und stellte sich. Die Bedingungen im Versteck waren einfach unerträglich geworden.
Auch der „Judenälteste“ Chaim Rumkowski wurde mit seiner Familie an diesem Tag nach Auschwitz deportiert. Er, der fast fünf Jahre lang den deutschen Besatzern gedient hatte, fuhr nunmehr demselben Schicksal entgegen wie die „normale“ Getto-Bevölkerung. Gleiches widerfuhr den Angehörigen der jüdischen Polizei. Insgesamt wurden im August 1944 mindestens 65.000 Jüdinnen und Juden aus dem Getto nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Zurück blieben zunächst etwa 1.300 Jüdinnen und Juden, die auf dem Gelände des aufgelösten Gettos Aufräumarbeiten verrichten sollten und von denen am 22. Oktober 1944 schließlich etwa 600 in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück deportiert wurden. Den weiterhin Zurückbleibenden schlossen sich auch viele von jenen an, die sich im Sommer versteckt hatten und so der Deportation nach Auschwitz entgangen waren. So lebten sie nun „legal“ im Aufräumkommando, über dessen endgültiges Schicksal Gerüchte umliefen. Als sie dann aber Anfang Januar 1945 Massengräber auf dem jüdischen Friedhof ausheben mussten, ahnten sie endgültig, was mit ihnen geschehen sollte. Als sie am 17. Januar für den nächsten Morgen zum Appell befohlen wurde, flohen sie und versteckten sich im verlassenen Getto, wo einige für diesen Fall bereits einen Unterschlupf vorbereitet hatten. Nur etwa 870 der einst 200.000 Juden erlebten unter diesen Umständen die Befreiung durch die Rote Armee am 19. Januar 1945. Jakub Poznanski notierte an diesem Tag in sein Tagebuch: „Heute um 11 Uhr vormittags kam der ersehnte Augenblick: Wir sind frei!“[1] Die Rote Armee hatte die Stadt erreicht, und aus Litzmannstadt wurde wieder Łódź.