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„Aussiedlung“

Am 16. Dezember 1941 teilten Gettoverwaltung und Gestapo Chaim Rumkowski mit, dass aufgrund der extremen Versorgungsschwierigkeiten und der Enge in Kürze 20.000 der polnischen Jüdinnen und Juden das Getto verlassen müssten. Zur Beruhigung wurde hinzugefügt dass sie in nahe gelegene Dörfer verlegt werden sollten, weil dort ihre Ernährung besser gewährleistet werden könne. Die Auswahl der zu Deportierenden wurde dem „Judenältesten“ überlassen, der dieser Aufforderung umgehend nachzukommen habe, da sie ansonsten von deutscher Seite vorgenommen würde.

Rumkowski, erneut bemüht, deutsche Befehle so gut wie möglich auszuführen, berief eine „Aussiedlungskommission“, die ihre Tätigkeit am 5. Januar 1942 aufnahm, ohne zu wissen, nach welchen Kriterien sie entscheiden sollte. Die von ihr zur Deportation Ausgewählten wurden per Post benachrichtigt, sich drei Tage später an einem Sammelpunkt zur Registrierung einzufinden. Danach mussten die Selektierten zwei oder drei Tage lang im Zentralgefängnis auf ihren Abtransport warten. Sie mussten sich zu Fuß nach Radegast in Bewegung setzen, wobei ganze Familien sich - mit großen und kleinen Bündeln beladen - in eisiger Kälte dahinschleppten. Einige von ihnen erfroren, während sie am Bahnhof Radegast auf ihren Abtransport warteten.

Ab dem 16. Januar 1942 verließ dann bis zum 29. des Monats jeden Morgen ein Zug den Bahnhof. Insgesamt wurden in diesen zwei Wochen 10.003 Menschen in 14 Transporten nach Kulmhof (Chełmno) deportiert und dort umgehend ermordet. Zwischen dem 22. Februar und 2. April 1942 wurden in einer zweiten Phase weitere 34.073 polnische Getto-Bewohner ins Vernichtungslager geschickt. Nur jene, von denen Rumkowskis glaubte, dass sie mit ihre Arbeitskraft helfen könnten, die Existenz des Gettos zu sichern, wurden von diesen Deportationen in den Tod ausgenommen.

Das erste Viertel des Jahres 1942 hatten die Getto-Bewohner in steter Sorge und Angst davor verbracht, ob auch ihnen ein Aussiedlungsbescheid zugestellt würde. Es kursierten zwar verschiedene Gerüchte, doch waren sie offenbar nicht darüber informiert, was mit den bereits zuvor „Ausgesiedelten“ tatsächlich geschehen war. Es kam aber auch vor, dass es freiwillige Meldungen zur „Aussiedlung“ gab, auf der Annahme beruhten, dass die Lebensbedingungen am neuen Ziel nicht schlimmer als jene im Getto sein könnten. Zudem trieb auch der Hunger ganze Familien zum Sammelpunkt, da während den Deportationsphasen noch weniger Lebensmittel als gewöhnlich geliefert wurden. Andere wiederum versteckten sich oder tauchten eine Zeit lang bei Freunden unter, um der „Aussiedlung“ zu entgehen. Eins stand jedoch immer fest: Die angeforderten Kontingente mussten erfüllt und für fehlende Personen durch die jüdische Polizei „Ersatz“ herangeschafft werden.

Als dann am 2. April 1942 der vorläufige Deportationsstopp bekannt gegeben wurde, waren die Menschen im Getto außer sich vor Freude. Die währte jedoch nur kurze Zeit, denn nachdem Heinrich Himmler etwa Mitte April auch die Vernichtung der bis dahin davon ausgenommenen „arbeitsunfähigen“ nichtpolnischen Jüdinnen und Juden aus dem Getto Litzmannstadt angeordnet hatte, wurden „Aussiedlungen“ erneut zum zentralen Thema im Getto. Am 29. April 1942 wurde den nunmehr ebenfalls betroffenen „Westjuden“ per Bekanntmachung die bevorstehenden Deportationen mitgeteilt. Daraufhin begann im Getto ein panischer Ausverkauf, in dessen Rahmen die Betroffenen ihre Kleidung und Wäsche feilboten.

Vom 4. bis zum 15. Mai wurden dann - nach exakt dem auch bei der „Aussiedlung“ ihrer polnischen Leidensgenossinnen und -genossen praktizierten Verfahren - von den 11.925 seitens der deutschen Gettoverwaltung als „nicht arbeitsfähig“ eingestuften nichtpolnische Jüdinnen und Juden 10.914 aus dem Getto über den Bahnhof Radegast nach Kulmhof deportiert. Jene, die versuchten, sich dem zu entziehen, wurden in der Nacht auf den 13. Mai vom jüdischen Ordnungsdienst geradezu gejagt. Oskar Singer berichtete: „Die letzte Nacht war sehr bewegt. In vielen Wohnungen ging es drunter und drüber. Diese Menschenjagd ist grauenvoll. Aber wir haben das ja bei den Einheimischen auch erlebt.“[1]

Als am Freitag, dem 15. Mai 1942, der letzte Transport morgens um 7.30 Uhr das Getto verlassen hatte, lebten dort noch 6.310 der aus dem Westen deportierten Jüdinnen und Juden. Spätestens jetzt zogen die Letzten von ihnen in private Wohnungen, woraufhin die letzten bis dahin in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden untergebrachten „Kollektive“ aufgelöst wurden. Damit begann für jene der ursprünglich rund 20.000 „Westjuden“, die die „Aussiedlung“ überstanden hatten, so etwas wie der „normale“ Gettoalltag.

Zugleich verbreiteten sich aber auch erste Nachrichten darüber, was mit den Deportierten geschehen war. Es gelangten immer mehr Nachrichten über „Vergasungen“ und von der „Ausrottung“ in Getto. Harry Fogel berichtete hierüber am 16. August 1942: „Es wird gesagt, dass alle aus den Gettos oder irgendwoher Ausgesiedelten ermordet werden! Solche Nachrichten haben wir neuerdings im Getto! (…) Was wird weiter aus uns?!!!“ Und einen Tag später sprach Dawid Sierakowiaks in seinem Tagebuch über Gerüchte, denen zufolge die Nationalsozialisten die „Ausrottung der Juden in Europa“ beabsichtigen würden.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Löw, Juden, S. 281.

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