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Überwachung und Widerstand

Die deutschen Besatzer demonstrierten den Getto-Bewohnern immer wieder ihre unbeschränkte Macht und ihre allgegenwärtige Kontrolle. Im Januar 1942 etwa hing an den Getto-Mauern die Bekanntmachung, dass ein aus Prag stammender jüdischer Anwalt im Zentralgefängnis exekutiert worden sei, weil er sich der deutschen „Macht“ widersetzt habe. Die nächste Exekution inszenierte die deutsche Polizei dann öffentlich als Abschreckungsmaßnahme: Nachdem Max Hertz, ein Buchdrucker aus Köln, war bei einem Fluchtversuch aus dem Getto gefasst worden war, wurde er am 21. Februar 1942 auf dem Basarplatz an einem eigens errichteten Galgen öffentlich hingerichtet. Hierzu hatten sämtliche „Kollektive“ anzutreten, und auch Hertz‘ Frau und dessen neunjährige Tochter wurden zur Anwesenheit gezwungen.

Aber auch innerhalb des Gettos gab es strenge Vorgaben, wobei jeder Verstoß streng geahndet wurde. Als Izak Bekerman im September 1943 ein kleines Lederstück aus dem Leder- und Sattler-Ressort mitnahm, um sich daraus Schuhriemen herzustellen, fand die - durch Denunziation informierte? - Kripo das als „Wehrmachtsgut“ geltende Stückchen im Rahmen einer Hausdurchsuchung, worauf der 34-Jährige umgehend zum Tode verurteilt wurde. Auch seine Hinrichtung, zu der die Getto-Tischlerei den Galgen liefern musste, fand mit Anwesenheitspflicht öffentlich und in Anwesenheit von Ehefrau und beider Kinder statt. Durch solche massiven Einschüchterungsmaßnahmen wurde der Gettobevölkerung immer wieder ihr Ausgeliefertsein demonstriert.

Dennoch artikulierte sie verschiedentlich Protest oder eine widerständige Einstellung. Bereits im Sommer 1940 entlud sich die Empörung über die desolaten Zustände und den Hunger im Getto in Massendemonstrationen, die der Ordnungsdienst auf Anweisung von Rumkowski brutal niederschlug. Als das nicht ausreichte, alarmierte der Judenälteste Mitte August die deutsche Polizei, die das Feuer auf die Demonstrierenden eröffnete und die Proteste so gewaltsamen beendete.

Im Januar 1941 kam es zu erneuten, mit Protesten gegen Rumkowski gepaarten Hungerdemonstrationen, am 19. dann zu ersten Unruhen im Ressort der Schneider und am 23. schließlich in jenem der Schreiner, woraufhin der „Judenälteste“ am nächsten Tag sämtliche Fabriken schließen ließ, bis die Aufständischen wegen Hungers ihren Protest am 29. Januar beendeten und an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten. Anschließend ging Rumkowski mit großer Härte gegen die Initiatoren der Streiks vor und kündigte am 1. Februar an, Protestierende künftig zur Arbeit außerhalb des Gettos zu deportieren. Außerdem wurden die Beschäftigten künftig an ihren Arbeitsplätzen streng überwacht, so dass Angst der ständige Begleiter im Getto und Rumkowski deren Personifizierung war und blieb.

Dennoch betätigten sich einige Getto-Bewohner weiterhin gegen die Besatzer, indem sie in den Fabriken Sabotageaktionen initiierten und zum langsamen Arbeiten aufriefen. Insbesondere die kommunistisch orientierte und sich vorwiegend aus Jugendlichen rekrutierende „Antifaschistische Organisation - Linke Verbindung“ wuchs seit Frühjahr 1943 stark an und soll zeitweise zwischen 1.000 und 1.500 Mitlieder gezählt haben. Zusammenarbeit mit anderen politischen Gruppierungen im Getto gab es allerdings kaum, obwohl sich verschiedentlich vorsichtige Anzeichen eines organisierten Widerstandes bemerkbar gemacht haben sollen. So wurde von einer - vermutlich Ende 1942 stattgefundenen - geheimen Sitzung berichtet, in deren Rahmen sich Vertreter der verschiedenen im Getto vertretenen Parteien über das weitere Vorgehen nach den „Aussiedlungen“ beraten haben sollen. Nach hitzigen Diskussionen wurde dann wohl der Beschluss gefasst, neben den Sabotageakten und der Agitation in den Werkstätten und Fabriken außerdem die Information der Getto-Bevölkerung als vordringliche Aufgabe in Angriff zu nehmen.

Es gab - vor allem im Frühjahr 1944 - offenbar auch häufigere Aufrufe zum „Suppenstreik“, wodurch es immerhin gelang, einige Getto-Bewohner aus der ansonsten den Alltag dominierenden Apathie zu reißen. Auch hiergegen schritt Rumkowski mit all seiner Macht ein: „Die Menschen, welche als Störenfriede auftreten, werde ich gezwungen sein, zu beseitigen.“[1]

Je näher die Front rückte, umso wichtiger wurde die Weitergabe solcher Informationen ins Getto, um die dort Festgehaltenen trotz ihrer Isolation zu erreichen und zu motivieren. Das gelang zum Teil dadurch, dass einige Getto-Bewohner trotz angedrohter Todesstrafe ihre Radios behalten hatten und nun unter Lebensgefahr Nachrichten abhörten und vorsichtig im Getto verbreiteten. Dieses Empfangen und Weitergeben von Informationen wurde neben den Sabotageakten in den Fabriken zur wichtigsten widerständigen Handlung der Untergrundgruppen im Getto.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Löw, Juden, S. 331.

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