Menü

Unterkunft und Ernährung

Im Getto angekommen, war das Chaos zunächst groß. Die Transportleiter waren zwar bemüht, die Menschen möglichst schnell auf Zimmer zu verteilen, wo dann etwa jeweils 60 der Neuankömmlinge ohne Betten und andere Möbel versuchten, sich ein notdürftiges Nachtlager auf dem lediglich mit etwas Stroh bedeckten Boden herzurichten. Erschwerend kam hinzu, dass die meisten „Westjuden“ nach ihrer Ankunft lange Zeit dazu verurteilt waren, oft ganze Tage untätig in diesen völlig überfüllten Massenunterkünften zu verbringen, was das Gefühl des Ausgeliefertseins noch verstärkte.

Von Beginn an stellte die völlig unzureichende Ernährung im Getto ein Kernproblem des Überlebens dar. So wurde etwa die tägliche Brotration seit dem 3. November 1941 von 330 auf 280 Gramm pro Tag reduziert. Das hatte, wie Oskar Singer feststellte, zwangsläufig Auswirkungen auf das Klima im Getto: „Hunger macht ja keine feineren Sitten. Hunger gibt dem Selbsterhaltungstriebe Nahrung und schafft eine Atmosphäre der Rücksichtslosigkeit.“[1]

In den Sammellagern lebende Jüdinnen und Juden ohne Arbeit mussten von einem ungesüßten Kaffee am Morgen - „laues braunes Wasser“ -, einer Suppe und 280 Gramm Brot am Mittag sowie ungesüßtem Kaffee am Abend leben. Daher griffen die Bewohner bald zu jedem Mittel, um Nahrungsmittel zu erhalten.[2] So meldete man etwa Verstorbene nicht sofort, sondern ließ sie über Tage im Wohnraum liegen, um für diesen Zeitraum deren Rationen zusätzlich beziehen zu können.

Im Herbst 1940 war offiziell festgelegt worden, die Ernährung der jüdischen Bevölkerung an jene von Gefängnisinsassen anzupassen, was sich jedoch nicht aufrechterhalten ließ. So erreichte bereits im Februar 1941 lediglich ein Viertel der vorgesehenen Kartoffeln das Getto. Auch in anderen Bereichen war ein steter Rückgang zu verzeichnen, was dazu führte, dass die - offizielle! - Tagesration von 1.800 Kalorien pro Person von 1940 bis Mitte 1942 auf lediglich 600 zurückgegangen war, während man die Arbeitsbelastung zeitgleich enorm erhöht hatte. Im Februar 1941 wurden für die Verpflegung einer Einzelperson im Getto durchschnittlich 23 Pfennige pro Tag aufgewandt - Tendenz deutlich fallend. Der Satz für Gefängnisinsassen hingegen betrug zu diesem Zeitpunkt das Doppelte.

Die weitaus meisten Gettobewohner hatten keinerlei Möglichkeit und verfügten insbesondere nicht über die finanziellen Mittel, um Lebensmittel zu erwerben. Daher war die Bitte um Zusendung von Geld von Beginn an ein sich permanent wiederholender Inhalt der Postkarten, die aus dem Getto versandt wurden. Über die Hälfte der mehr als 600 erhaltenen verfassten Postkarten von nach Litzmannstadt deportierten Kölner Jüdinnen und Juden[3] handeln vom Thema „Geld“ bzw. der Bitte, solches – möglichst regelmäßig – ins Getto zu schicken, weil man „in Anbetracht unserer augenblicklichen Lage darauf angewiesen“ sei. „Geld“ wurde zum absolut domminierenden Thema der postalischen Kommunikation: „Ich bitte Euch mir sofort Geld zu senden und zwar einen großen Betrag 100.- RM - 200.- RM, denn wir brauchen das Geld dringend. Schreibt uns bitte sofort und sendet Geld.“ Traf das ein, war die Erleichterung groß und es keimte wieder Hoffnung: „Gestern am 30.12. erhielt ich Deine liebe Sendung. Du glaubst gar nicht wie ich mich damit gefreut habe. Ich habe bald vor Freude geweint.“ Vom 5. Januar 1942 bis zum 8. Mai 1944 durfte dann bis auf wenige Ausnahmen jedoch keinerlei Post mehr aus dem Getto heraus verschickt werden, um so zu verhindern, dass Nachrichten über die dortigen Massendeportationen nach außen drangen und Besorgnis hervorriefen. Sendungen ins Getto konnten hingegen weiterhin zugestellt werden.[4]

Auch jene, die im Getto eine Arbeit fanden, wurden mit lediglich 70 Pfennige pro Tag entlohnt, während etwa ein Kilo Kartoffeln zwischen zwei und sieben Mark kostete. Dennoch war ein Arbeitsplatz auch unter dem Aspekt der Ernährung von immenser Bedeutung, denn immerhin in den Betrieben wurde mittags eine Suppe ausgegeben.

Allerdings hungerten nicht alle Gettobewohner, sondern es gab auch eine deutlich erkennbare privilegierte Oberschicht. Da diese sich auch auf dem Schwarzmarkt versorgen konnte[5], kam es immer wieder zu gettointernen Konflikten, wobei auch das Misstrauen gegen die jüdische Verwaltung kontinuierlich wuchs. Ein Überlebende berichtete später: „Die Bevölkerung im Getto setzte sich aus zwei Klassen zusammen. Zur ersten gehörten der Präses und seine Leute, denen es gut ging und die alles in Hülle und Fülle hatten. Zur zweiten gehörte die arbeitende Bevölkerung, die vor Hunger starb.“[6]

Insgesamt war und blieb der Hunger - wie aus entsprechenden Tagebucheinträgen hervorgeht - eindeutig das bedeutendste Thema im Gettoalltag, das alle anderen Probleme und Fragen überlagerte.

Fußnoten

[1] Zitiert nach Löw, Juden, S. 247

[2] Das war unmittelbar nach der Ankunft häufig noch anders, als sich viele weigerten, wegen deren Geruch und ekelerregendem Aussehen im Getto verteilte Lebensmittel zu essen. Lange war das angesichts der realen Zustände jedoch nicht durchzuhalten, und schon bald gingen auch die Neuankömmlinge dazu über, alles zu essen, was sie irgendwie bekommen konnten.

[3] Über die Hälfte der mehr als 600 erhaltenen, lediglich während des Zeitraums zwischen dem 4. Dezember 1941 und dem 5. Januar 1942 (bis zum 4. Dezember hatte für die Neuankömmlinge eine generelle Postsperre gegolten) verfassten Postkarten von nach Litzmannstadt deportierten Kölner Jüdinnen und Juden handeln vom Thema „Geld“ bzw. der Bitte, solches – möglichst regelmäßig – ins Getto zu schicken, weil man „in Anbetracht unserer augenblicklichen Lage darauf angewiesen“ sei. „Geld“ war somit das absolut domminierende Thema der postalischen Kommunikation: „Ich bitte Euch mir sofort Geld zu senden und zwar einen großen Betrag 100.- RM - 200.- RM, denn wir brauchen das Geld dringend. Schreibt uns bitte sofort und sendet Geld.“ Traf das ein, war die Erleichterung groß und Hoffnungen wuchsen wieder an: „Gestern am 30.12. erhielt ich Deine liebe Sendung. Du glaubst gar nicht wie ich mich damit gefreut habe. Ich habe bald vor Freude geweint.“ Vom 5. Januar 1942 bis zum 8. Mai 1944 durften dann bis auf wenige Ausnahmen jedoch überhaupt keine Post mehr aus dem Getto heraus verschickt werden, um so zu verhindern, dass Nachrichten über die dortigen Massendeportationen nach außen drangen und Besorgnis hervorriefen. Sendungen ins Getto konnten hingegen weiterhin zugestellt werden.

[4] Vgl. zu diesem Aspekt ausführlicher Koerfer, Juden, S. 26ff. und Löw, Juden, S. 146ff. Danach auch die Zitate.

[5] Die Preise des Schwarzhandels stiegen je nach Lebensmittelzufuhr immer wieder in horrende Höhen. Hier einige Beispiel: Liter Öl: normal 8 Mark, Schwarzmarkt 500 Mark; Kilo Roggenmehl: normal 0,70 Mark. Schwarzmarkt 150 Mark; Kilo Kartoffeln: normal 0,50 Mark, Schwarzmarkt 18 Mark - Tendenz steigend. Im Januar 1944 kostete ein Kilogramm Kartoffeln mit 80 Mark mehr, als der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters. Zusätzliches Brot konnte sich ein „normaler“ Gettobewohner schon längst nicht mehr leisten. Der Preis für ein Brot, der im November 1942 noch bei 105, im März 1943 bei 225 Mark gelegen hatte, stieg bis Anfang Januar 1944 auf 480 Mark; Ende Februar 1944 mussten schließlich gar zwischen 1.050 und 1.100 Mark bezahlt werden. (Vgl. hierzu Löw, Juden, S. 370ff.)

[6] Zitiert nach Löw, Juden, S. 125f.

Baum wird geladen...