Die Stadt und ihre jüdische Bevölkerung
Łódź war seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum der europäischen Textilindustrie mit entsprechend rasantem Bevölkerungsanstieg. Hatte die Stadt 1820 lediglich 767 Einwohner gezählt, stieg deren Zahl über rund 40.000 (1865) bis 1914 auf 478.000, um sich bis 1939 - insbesondere durch Eingemeindungen und den Zuzug Arbeitssuchender - auf 672.000 zu erhöhen. Zu diesem Zeitpunkt lebten etwa 233.000 Jüdinnen und Juden in Łódź, die damit rund ein Drittel der städtischen Gesamtbevölkerung stellten.
Auch nachdem 1862 Niederlassungsbeschränkungen für Juden aufgehoben worden waren, lebten sie mehrheitlich weiterhin räumlich getrennt vom christlichen Teil der Gesellschaft in den ihnen zuvor zugestandenen Vierteln: der Altstadt und Baluty im Norden der Stadt. Im Laufe der Zeit ließen sich besser situierte jüdische Familien zwar auch in der Innenstadt nieder, enge gesellschaftliche Kontakte zwischen beiden Konfessionen blieben jedoch weiterhin die sich zudem auf die höheren sozialen Schichten beschränkende Ausnahme. Die übrigen blieben weitestgehend unter sich und behielten ihren traditionellen Lebensstil bei. Das verstärkte auch die soziale Kluft zwischen reichen, häufig assimilierten Unternehmern und der großen Zahl teilweise vollkommen verarmter, sich am orthodoxen Judentum Orientierender, die zu einem erheblichen Teil auf soziale Fürsorge angewiesen waren, weshalb 1899 der „Łódźer Jüdische Wohltätigkeitsverein“ gegründet wurde.
Zugleich entwickelten sich angesichts des schnellen industriellen Aufstiegs und der dabei platzgreifenden Besitzverteilung bald Missgunst und Neid in der polnischen Mehrheitsbevölkerung. Da die großen Fabriken in ihrer großen Mehrheit deutsche und jüdische Inhaber hatten, hieß es häufig, dass „in Łódź die Häuser jüdisch und nur die Straßen polnisch“ seien. So war auch hier ein zunehmender Antisemitismus zu beobachten, der - nicht zuletzt durch eine ganz Polen betreffende eher antisemitisch orientierte Gesetzgebung -für das jüdische Leben in der Stadt seit Mitte der 1930er-Jahre immer bestimmender wurde. Das ging schließlich so weit, dass Gruppen polnischer Aktivisten versuchten, Kunden am Betreten jüdischer Geschäfte zu hindern. Jüdische Geschäfte und auch Einzelpersonen wurden überfallen, jüdische Schüler auf dem Schulweg Opfer von Belästigungen. Ab 1938 verschärfte sich in der Łódźer jüdischen Bevölkerung das Gefühl der Bedrohung durch die polnische Bevölkerung nochmals deutlich, während sich nun auch noch der seit 1933 zutage tretende Antagonismus zwischen der deutschen und der jüdischen Minderheit erheblich verstärkte.