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Leben im Getto

Nach den beiden Massakern vom 30. November und vom 8./9. Dezember 1941 zerfiel das ursprüngliche Gettogebiet in drei Teile. Der größere Teil blieb künftig unbewohnt und wurde zu einem beliebten Ziel für Beutezüge verschiedener Besatzungsbehörden und Besatzer. Der verbliebene Rest des „Großen Gettos“ wurde den ankommenden „Reichsjuden“ zugewiesen, während das mit Stacheldraht abgetrennte „Kleine Getto“ weiterhin den verbliebenen „arbeitsfähigen“ lettischen Jüdinnen und Juden vorbehalten blieb.[1]

Die Neuankömmlinge wurden in größere und kleinere Mietshäuser im Getto eingewiesen, dessen Straßen man nun kurzerhand nach den Herkunftsstädten der einzelnen Transporte benannte, während dieser Teil des Gettos nunmehr als „Deutsches Getto“ bezeichnet wurde. So entwickelte sich ein System grober Selbstorientierung, das bis zur Räumung des Gettos 1943 beibehalten wurde. Die neuen Bewohner mussten sich in den Häusern mit acht bis zehn Personen zwei kleine Zimmer teilen und waren gezwungen, sich ansonsten möglichst schnell auf die widrigen Umstände einzustellen.

Dabei war der erste Anblick, den das Getto den eintreffenden deutschen Jüdinnen und Juden bot, für die meisten wohl absolut schockierend. Die endgültige Räumung des Gettos am 8/9. Dezember 1941 war nämlich offenbar weitaus gewaltsamer verlaufen als die „Aktion“ am 30. November 1941, so dass deren überaus blutigen Folgen noch überall sichtbar waren. Auf den Tischen standen gefrorene Essensreste, außerdem waren viele Wohnungen geplündert worden. Dennoch fanden sich volle Kleiderschränke und Holzvorräte, sodass sich die neu Eingetroffenen zumindest etwas vor der grimmigen Kälte schützen konnten.

Entsprechend galten die ersten Arbeitsmaßnahmen der Deportierten der Abdichtung von Häusern, Wohnungen und Zimmern. Außerdem mussten mehrstöckige Schlafstätten zusammengezimmert und Latrinen ausgehoben werden. Der Bau von provisorischen Krankenstuben und improvisierten Kochstellen kam hinzu. Und dennoch starben allein im Laufe des Winters 1941/42 etwa 800 bis 900 Getto-Bewohner an Mangelversorgung, Kälte und den alltäglichen Strapazen, während andere willkürlich im Getto ermordet wurden. Auch danach blieb das Leben dort von Entbehrungen, Hunger, mangelhafter Hygiene und insbesondere vom täglichen Arbeitseinsatz geprägt. Letzterer betraf jene 7.300 Bewohner, die an rund 200 verschiedenen Einsatzorten in und um Riga zur Arbeit für zivile, Polizei- und Wehrmachtsdienststellen gezwungen wurden, was ihnen zugleich aber auch ihr - vorläufiges - Überleben sicherte.[1]

Im deutschen Teil des Gettos dürften im Frühjahr 1942 rund 12.500 Menschen gelebt haben, wobei sich die Feststellung genauerer Zahlen schwierig gestaltet. Von den 15.073 Jüdinnen und Juden, die das Getto gemäß der Transportlisten rein rechnerisch eigentlich erreicht haben mussten, war eine unbekannte Zahl aufgrund Schwäche und Immobilität bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft abseits des Bahnhofs Skirotava erschossen worden. Zudem fand am 5. Februar 1942 in der Berliner Straße eine erste große Selektion „überalterter“ Getto-Bewohnern statt, die etwa 800 Frauen und Männer das Leben kostete. Nach aktuellen Schätzungen lebten in beiden Teilen des Rigaer Gettos zu diesem Zeitpunkt etwa 17.200 Menschen.

Da im Laufe der Zeit dann immer mehr der „Arbeitsfähigen“ - wohl insbesondere aus Gründen der Sicherheit - dazu übergingen, an ihrem Arbeitsplatz auch zu wohnen, leerte sich das Getto zusehends.

Fußnoten

[1] Erst am 1. November 1942 wurde das „Kleine Getto“ in das „Deutsche Getto“ eingegliedert und dieses wiederum in zwei Abschnitte unterteilt: Abschnitt „R“ war für Jüdinnen und Juden aus dem Reich vorbehalten, Abschnitt „L“ für die mit lettischer Nationalität. Es wurde ein gemeinsamer „Gettorat“ eingerichtet und auch der „Ordnungsdienst“ zusammengelegt. Das Verhältnis zwischen den lettischen und den deutschen Getto-Bewohnern war kompliziert. Die zumeist lettischen Männer hatten durch die zwei Massaker ihre Familien verloren und machten hierfür die Neuankömmlinge verantwortlich.

[2] Eine äußerst brutale Form des „Arbeitseinsatzes“ erwartete jene rund 1.000 jungen jüdischen Männer des Rigaer Gettos, die im Winter 1941/42 unter unmenschlichen Bedingungen beim Bau des knapp 20 km entfernt liegenden Polizeihaft- und Arbeitserziehungslagers Salaspis zum Einsatz kamen, das seinerseits anschließend zum größten lettischen Lager für Zivilgefangene wurde. Unzureichende Ernährung und die strengen Nachtfröste führten zu einer besonders hohen Sterblichkeitsrate unter den jüdischen Männern. Aufgrund der hohen Todesrate rekrutierte die SS bis zur Fertigstellung des Lagers weitere 500 bis 800 Juden aus dem Rigaer Getto.

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