Ankunft der „Reichsjuden“
Noch während die todbringende Räumung des Rigaer Gettos lief, trafen die ersten Deportationszüge aus dem Westen ein. Zwischen dem 27. November und dem 15. Dezember 1941 verließen zehn Transporte Berlin, Nürnberg, München, Stuttgart, Wien, Hamburg, Köln, Kassel und Düsseldorf Richtung Riga. Ihnen folgten nach einer am 15. Dezember verhängten Transportsperre zwischen dem 9. Januar und dem 21. Februar 1942 weitere elf Transporte aus Leipzig, Dortmund, Münster und Dresden, Berlin und Wien sowie einer aus dem „Protektorat“. Ursprünglich waren insgesamt 25 Deportationen mit 25.000 Betroffenen aus dem Reichsgebiet nach Riga vorgesehen, von denen die ersten fünf jedoch nach Kovno (Kaunas) umgeleitet wurden. Daher erreichten letztlich insgesamt 20.057 Jüdinnen und Juden ihren Zielort Riga. Sehr viel später leitete das Reichssicherheitshauptamt zwischen dem 18. August und 26. Oktober 1942 nochmals fünf Transporte in die ehemalige lettische Hauptstadt, womit insgesamt 23.650 deutsche, österreichische und tschechische Jüdinnen und Juden dorthin deportiert wurden.
Eine telefonische Anordnung Himmlers an Heydrich, dass die neu eintreffenden „Reichsjuden“ von der angeordneten Ermordung der lettischen Jüdinnen und Juden auszunehmen seien, traf erst am Mittag des 30. November in Riga ein, wo aber bereits am frühen Morgen des gleichen Tages ein erster Transport aus Berlin eingelaufen war. Dessen insgesamt 1.053 Insassen wurden - sogar noch vor ihren lettischen Leidensgenossen aus dem „Großen Getto“ - direkt nach ihrer Ankunft im Wald von Rumbula „versehentlich“ erschossen.
Nach diesem ersten Berliner Transport kamen zwischen dem 2. und 9. Dezember 1941 im Abstand von jeweils zwei bis drei Tagen vier weitere Züge aus Nürnberg, Stuttgart, Wien und Hamburg am Güterbahnhof in Riga an. Da zu diesem Zeitpunkt die „Räumungsaktion“ im Getto noch nicht abgeschlossen, die Ermordung der Neuankömmlinge jedoch untersagt worden war, wurden diese Jüdinnen und Juden am Ankunftsbahnhof zunächst rüde und unter Schlägen gezwungen, sich zu Marschkolonnen zu formieren und entlang der Dünaburger Landstraße stadtauswärts zu marschieren. Ihr Ziel war das - anderthalb Kilometer vom Ankunftsbahnhof Skirotava und sechs Kilometer vom Rigaer Stadtzentrum entfernt liegende - Behelfslager „Gut Jungfernhof“, das als ehemaliges Staatsgut auf die Ankunft tausender Menschen in keiner Weise vorbereitet war. Entsprechend primitiv und unzureichend gestaltete sich deren Unterbringung.
Die ersten Deportierten, die dann in das fast leergemordete Rigaer Getto gebracht wurden, waren jene 1.011, die am 7. Dezember 1941 Köln verlassen hatten. Sie erreichten ihren Bestimmungsort am 10. Dezember nach einem anstrengenden Fußmarsch. Ihnen folgten in schneller Folge weitere Transporte aus dem Reichsgebiet, aus Wien und aus Theresienstadt.