„Freimachung“
Um den 10. November 1941 traf Friedrich Jeckeln, seit einem Monat „Höherer SS- und Polizeiführer für das Ostland“, mit Heinrich Himmler zusammen, der ihm - so jedenfalls Jeckelns Nachkriegsaussage - bei dieser Gelegenheit mitgeteilt habe, „dass alle Juden im Ostland bis auf den letzten Mann vernichtet werden müssen“. Diesen Befehl habe der Reichsführer-SS mit Blick auf bevorstehende Deportationen aus dem Reichsgebiet, dem „Protektorat“ und Luxemburg erteilt, für die es zuvor im Getto Platz zu schaffen galt. Daraufhin wurden am 19. November zunächst die „arbeitsfähigen“ Getto-Bewohner von den übrigen getrennt und in einen eigenen, zu diesem Zweck eigens geräumten Abschnitt verlegt, der künftig als „Kleines Getto“ bezeichnet wurde.
Das alles diente der Vorbereitung von zwei großen Mordaktionen, von denen die erste als „Rigaer Blutsonntag“ bekannt wurde. In der Nacht vom 29. auf den 30. November wurde der westliche Teil des „Großen Gettos“ umstellt und dessen Bewohner in Gruppen von rund 1.000 Personen zusammengetrieben, denen erklärt wurde, sie würden in ein neues Lager in der Nähe verlegt und sollten dafür das Nötigste mit einem Höchstgewicht von 20 kg in einen Koffer packen. Einige der Betroffenen, die bereits zuvor von der geplanten „Umsiedlung“ gehört und diese richtigerweise als die beabsichtigte Liquidierung der jüdischen Bevölkerung interpretiert hatten, nahmen sich daraufhin das Leben.
Am nächsten Morgen wurden die Gruppen nacheinander in den acht Kilometer von Riga entfernt liegenden Wald von Rumbula transportiert, wo man große Gruben ausgehoben hatte, in denen sie umgehend erschossen wurden. Viele der Betroffenen wurden aber auch bereits in den Straßen des Gettos oder in ihren Häusern ermordet. So töteten betrunkene lettische Polizisten sämtliche Insassen des Altersheims direkt an Ort und Stelle.
Am 8. und 9. Dezember wurde eine zweite derartige „Aktion“ durchgeführt, in deren Rahmen die noch verbliebene Bevölkerung des „Großen Gettos“ ermordet wurde, darunter auch die meisten Mitglieder des „Ältestenrats“. Insgesamt wurden am 29./30. November und 8./9. Dezember rund 27.800 Jüdinnen und Juden im Getto und insbesondere im Wald von Rumbula umgebracht. An den Massenerschießungen waren mehr als 300 deutsche Polizisten und SS-Leute sowie 500 lettische Hilfspolizisten beteiligt. Damit war das „Große Getto“ praktisch ausgelöscht. Nur die im „Kleinen Getto“ untergebrachten 2.500 bis 4.000 „arbeitsfähige“ jüdischen Männer wurden für künftige Einsätze ebenso vorläufig verschont wie lettisch-jüdische Näherinnen, die in zwei Häusern untergebracht waren, die informell als „Frauen-Getto“ bezeichnet wurden.