Das „Juli-Massaker“
Nach immer neuen Grausamkeiten und Morden im Minsker Getto brachte der Juli 1942 schließlich ein wahres Massaker. Am 28. Juli forderte Himmler, dass die besetzten Ostgebiete „judenfrei zu machen“ seien, und noch am selben Tag begann in Minsk eine große Aktion, in deren Verlauf Tausende Jüdinnen und Juden ermordet wurden.
Nachdem am Morgen des 28. Juli die Arbeitskolonnen das Getto verlassen hatten, sperrten Schutzpolizei, Schutzmannschaften und Wehrmachtseinheiten das gesamte Gelände weiträumig ab. Daraufhin fielen SS-Angehörige mit ihren Helfershelfern dort ein und trieben nahezu sämtliche als „arbeitsunfähig“ kategorisierten Getto-Insassen auf dem Yubileiny-Platz zusammen. Der neue Vorsitzende des Judenrats, Moshe Yaffe, wurde beauftragt, dort zu den so verängstigten wie aufgebrachten Jüdinnen und Juden zu sprechen, um sie zu beruhigen. Das versuchte er zunächst wohl auch, soll dann aber, als Gaswagen auf den Platz fuhren, gerufen haben: „Juden, die blutigen Mörder haben euch getäuscht. Flieht um euer Leben!“
Was folgte war ein wahres Massaker, dem auch der Vorsitzende des Judenrats und der Polizeichef des Gettos zum Opfer fielen. Die auf dem Platz Versammelten wurden über den Tag verteilt nach und nach in die umgebauten LKWs gepresst und anschließend zum rund zehn Kilometer entfernten Waldgelände Blagowschtschina bei Maly Trostenez. Dort wurden sie erschossen oder in Gaswagen erstickt und anschließend in zuvor ausgehobenen Gruben verscharrt. Am nächsten Tag wurden auch alle Patienten des Getto-Krankenhauses an Ort und Stelle erschossen, das Personal und die Ärzte ebenfalls abtransportiert und ermordet.
Bis zum 1. August wurden anschließend die Häuser des Gettos systematisch nach Verstecken und darin Verborgenen durchsucht. Eine Augenzeugin berichtete später, dass deutsche Häscher, wenn entdeckte Jüdinnen und Juden sich geweigert hätten, aus ihren Unterkünften hervorzukommen, kurzerhand Handgranaten hinein geworfen hätten.
Insgesamt wurden im Laufe dieser sich bis zum 1. August ersteckenden „Aktion“ im Minsker Getto geschätzt 3.500 deutsche und 6.500 weißrussische Jüdinnen und Juden ermordet. Am Abend des letzten Tages wurden dann die „arbeitsfähigen“ Getto-Bewohner, die man vier Tage lang in den Fabriken festgehalten hatte, wieder zurückgeführt. Im Getto lebten nun offiziell noch 8.794 Menschen.
Allerdings hatte es seinen Charakter nun grundlegend verändert und war durch diese „Juli-Massaker“ faktisch zu einem Arbeitslager geworden. Wichtigster „Arbeitgeber“ war nun die Wehrmacht, deren Rolle in diesem Kontext mehr als ambivalent war. Auch der „Judenrat“ war ersatzlos aufgelöst worden und die - noch - Überlebenden hatten jede Hoffnung verloren. Einer von ihnen erinnerte sich später: „Die Not im Getto war noch größer geworden. Die SS hatte die Überlebenden auf engem Raum zusammengedrängt. Diese hatten weder Kleidung noch irgendetwas, das sie zum Leben benötigten.“