Die „Todesfabrik“
Spätestens ab Oktober1942kam die in Treblinka installierte und in Gang gesetzte Tötungsmaschinerie den Vorstellungen der entmenschlichten Täter vermutlich recht nahe. In diesem Monat, in dem das neue Gaskammergebäude fertiggestellt war und seinen vollen „Betrieb“ aufgenommen hatten, erreichten die Opferzahlen mit über 210.000 Ermordeten den absoluten Höchststand in der Geschichte des Vernichtungslagers. Der Prozess in dieser „Todesfabrik“ lief etwa so ab:
Jeder Deportationszug wurde dem Lager telefonisch angekündigt, woraufhin er an der Bahnstation Treblinka von einem deutschen Eisenbahner übernommen wurde. Hier oder manchmal auch auf dem weiter entfernt liegenden Bahnhof Malkinia wurden von den bis zu 60 Waggons eines Zuges je 20 abgekoppelt und bis zur Rampe im Lager rangiert.
Aufseher und Wachmänner trieben die Deportierten nach der Öffnung der Waggons mit Hunden, Gebrüll sowie Peitschen- und Gewehrkolbenschlägen aus den Waggons. Nun trat dann das das aus 30 bis 50 „Arbeitsjuden“ bestehende „blaue Kommando“ in Aktion, den Ankömmlingen beim Aussteigen half, Gepäck und die Leichen der auf dem Transport Verstorbenen aus den Waggons holte, bevor es zuletzt die Waggons und die Rampe reinigen musste. Alte, kranke, gebrechliche und verletzte oder auch widerständige Menschen sowie allein aufgefundene Kleinkinder wurden selektiert und zum „Lazarett“ gebracht, wo sie an der dortigen Grube - nunmehr jedoch gezielt per Genickschuss - ermordet wurden.
Die Übrigen wurden von der Rampe zum „Umschlagplatz“ getrieben, wo man Männer und Frauen voneinander trennte. Während erstere sich im Freien entkleiden und Geld, Gold und andere Wertgegenstände an die „Goldjuden“ abgeben mussten, nutzten Frauen und Kinder die hierfür vorgesehene Baracke. 30 bis 50 Häftlinge - wegen ihrer roten Armbinden „rotes Kommando“ genannt - halfen ihnen beim Entkleiden. Danach wurden ihnen von 25 bis 30 als „Friseure“ bezeichneten weiteren „Arbeitsjuden“ die Haare geschoren.
Im Anschluss daran wurden die Opfer im Laufschritt durch den „Schlauch“ zu den neuen Gaskammern im „Oberen Lager“ getrieben, während die Angehörigen des „roten Kommandos“ währenddessen Kleidung, Gepäck und Weiteres vom „Umschlagplatz“ zum „Sortierplatz“ trugen. Außerdem mussten sie sowohl den „Umschlagplatz“ als auch die Auskleidebaracke sowie die erste Hälfte des „Schlauchs“ säubern und überall neuen Sand ausstreuen, um die Spuren der soeben durch das Lager geschleusten Menschen zu verwischen.
Zwischenzeitlich zwangen SS-Aufseher und Trawniki-Wachmänner die Jüdinnen und Juden unter Einsatz von Lederpeitschen, Gewehrkolben, Eisenstanden und sonstigem, was ihnen in die Hände kam sowie unter Einsatz von Hunden in die dicht an dicht gefüllten Gaskammern. In diesem Moment erreichte die Todesangst der Menschen ihren Höhepunkt. Sie schrien, weinten und beteten, waren jedoch völlig ohnmächtig. Nach der Schließung der eisernen Türen wurden für etwa 15 bis 20 Minuten die Abgase des Panzermotors im Nebengebäude in die Gaskammern geleitet, eine weitere Viertelstunde später deren Türen geöffnet.
Etwa 60 „Arbeitsjuden“ mussten nun die regelrecht ineinander verkeilten Leichen herausholen sowie anschließend Wände und Böden reinigen. Ein aus 40 bis 60 „Trägern“ bestehendes „Transportkommando“ schaffte die Leichen Tragbahren zu den Leichengruben. Auf dem Weg dorthin wurden durch das Kommando der „Dentisten“ die Körperöffnungen der Ermordeten nach versteckten Wertgegenständen untersucht und den Toten gegebenenfalls ihre Goldzähne entfernt. Ein zehnköpfiges „Grubenkommando“ schichtete die Leichen abschließend in den riesigen Gruben übereinander.
Wie in Belzec und Sobibór wurden die Leichen dort zunächst noch nicht verbrannt. Erst Ende Februar 1943 - wahrscheinlich auf direkten Befehl Himmlers - begann die Lagermannschaft mit der Exhumierung und Verbrennung der angehäuften Leichen, um so die Beweise für ihren Massenmord zu beseitigen.
Die Exhumierung der über 800.000 Leichen, die mittlerweile dort vergraben waren, geschah mithilfe von zwei oder drei Baggern. Zur Verbrennung der Leichen wurden nach dem Vorbild von Belzec und Sobibór vier bis sechs Feuerstellen mit Verbrennungsrosten einrichten, auf denen eine „Feuerkolonne“ täglich mehr als 5.000 Leichen verbrannte. Deren Asche wurde in die Gruben geschüttet, die abschließend mit einer dicken Schicht Sand und Erde bedeckt und vom „Gärtnerkommando“ bepflanzt wurden.
Im Frühjahr 1943 ging die Zahl der Deportationen nach Treblinka stark zurück, da im weiteren Umkreis des Lagers praktisch keine jüdische Bevölkerung mehr gab. Es wurden jedoch noch etwa 70.000 Menschen aus den Distrikten Radom und Lublin, zudem aus Warschau, aus dem Regierungsbezirk Bialystok sowie aus Thrakien und Mazedonien nach Treblinka deportiert und dort ermordet.
Diese Phase relativer Ruhe nutzte die SS tatsächlich zu weiteren Umgestaltungsmaßnahmen, um das Lager so zu „verschönern“. Es wurde beispielsweise ein Zoo mit Pfauen, Tauben, Perlhühnern, Füchsen, Eichhörnchen, Igeln, Schildkröten und einem Reh eingerichtet und ein professionelles Orchester aus „Arbeitsjuden“ zusammengestellt. So konnten regelmäßig Unterhaltungsveranstaltungen für die SS-Leute und anderen Aufseher stattfinden.