Auflösung, Räumung und Befreiung
Zu Beginn des Jahres 1945 stieg die Zahl der in Sachsenhausen und dessen Außenlagern Internierten aufgrund des Vorrückens der Alliierten drastisch auf etwa 80.000, davon rund 58.000 im Stammlager. Als die Rote Armee die Oder erreichte ordnete die SS-Führung die Evakuierung des Lagers an. Die erste in diesem Kontext durchgeführte Maßnahme war im Februar die durch ein ein SS-Sonderkommando durchgeführte Ermordung von etwa 3.000 Häftlingen, die als „gefährlich“ galten, über eine militärische Ausbildung verfügten oder als „marschunfähig“ eingestuft wurden. Mindestens 13.000 weitere wurden in die Konzentrationslager Mauthausen und Bergen-Belsen überführt.
Parallel dazu wurden seit Jahresbeginn immer mehr Außenlager aufgelöst und die Insassen in sinnlosen „Evakuierungsmärschen“ in andere geschickt. Ab März erfolgten diese Verlegungen dann meist ins Stammlager, das als vorläufige Sammelstelle diente. Auch Frauen aus Außenlagern des KZs Ravensbrück gelangten so nach Sachsenhausen. Um die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, begann die Kommandantur im März außerdem damit, sämtliche Akten und Karteien zu vernichten und tonnenweise Menschenasche aus dem Krematorium im Oder-Havel-Kanal zu versenken.
Die eigentliche Räumung des Hauptlagers begann dann in der Nacht des 21. April, als rund 33.000 Häftlinge in Kolonnen von 400 bis 500 und nach Nationalitäten gruppiert zumeist in Richtung Nordwesten in Marsch gesetzt wurden - unter ihnen auch Frauen und Kinder. Wer dem Marschtempo nicht folgen konnte und zurückblieb, wurde von den begleitenden SS-Trupps erschossen - in manchen Fällen sogar unmittelbar vor Zeugen des Internationalen Roten Kreuzes, die „Todesmärschen“ folgten. Die deutsche Bevölkerung reagierte unterschiedlich auf das Trauerspiel. Die meisten verhielten sich den Kolonnen gegenüber gleichgültig oder abweisend. Manchmal wurden immerhin Wasser und Nahrungsmittel an den Straßenrand gestellt, und in vereinzelten Fällen sollen Zivilisten geflohene Häftlinge unterstützt haben.
Nach mehreren Tagen Fußmarsch legten mehr als 30.000 von einer starken Postenkette umgebene KZ-Gefangene in einem Wald bei Below eine dreitägige Rast ein. Als sie am 29. April zum Weitermarsch aufgefordert wurden, waren weitere Hunderte zu beklagen, die durch Hunger und Durst, Entkräftung und unmenschliche Behandlung gestorben waren. Beim Weitermarsch zerfielen die Kolonnen zunehmend, so dass sich vermehrt Einzelne oder Kleingruppen absondern und verstecken konnten. Auch Angehörige der SS-Wachmannschaften setzten sich ab. Das wachsende Chaos führte dazu, dass die Häftlinge zu unterschiedlichen Zeiten befreit wurden - die einen von US-Truppen bei Schwerin, andere durch die Rote Armee im Raum Zechlin. Zuvor waren aber mehr als 6.000 Häftlinge während des „Todesmarsches“ ermordet worden.
Im Hauptlager in Sachsenhausen waren etwa 3.000 fast ausschließlich kranke Häftlinge zurückgeblieben - unter ihnen aber auch 1.400 Frauen und Kinder. Sie wurden, nachdem sich die SS-Bewacher abgesetzt hatten, am 22./23. April 1945 von sowjetischen und polnischen Truppen befreit. Mindestens 300 von ihnen starben trotz medizinischer Betreuung noch an den Folgen der KZ-Haft. Die deutsche Bevölkerung wurde von den sowjetischen Besatzungstruppen im Frühjahr 1945 zu Aufräum- und Hilfsarbeiten auf dem Lagergelände herangezogen und musste sich um pflegebedürftige Menschen kümmern.[1]
Fußnoten
[1] Die sowjetische Besatzungsmacht richtete auch in Sachsenhausen eins von insgesamt zehn Speziallager ein. Es trug zunächst die Nr. 7, seit 1948 dann die Nr. 1. Mit 60.000 Häftlingen war es das weitaus größte dieser Lager, in dem zwischen 1945 und 1950 etwa 12.000 Menschen an Hunger und Krankheiten starben. Insbesondere die Herabsetzung der ohnehin knappen Rationen führte im „Hungerwinter“ 1946/47 zu einem regelrechten Massensterben. (Vgl. https://www.sachsenhausen-sbg.de/geschichte/1945-1950-sowjetisches-speziallager/ (11.9.2021).)