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Krankheit und Menschenversuche

Die katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen im KZ Sachsenhausen führten dazu, dass seit 1939/40 der größte Teil der dort Internierten mit Krankheiten zu kämpfen hatte. Durch die dünne Kleidung und die Schikanen bei Appellen und anderen Gelegenheiten zogen sich viele Häftlinge innerhalb kürzester Zeit Erkältungen zu, die sich unbehandelt und ohne Bettruhe leicht zu Angina, Bronchitis oder Lungenentzündungen ausweiteten. Auch Ohrenentzündungen, Nierenleiden und Rheumatismus waren zunehmend an der Tagesordnung, wobei immer mehr der Erkrankten starben.

Die einseitige, vitaminlose Kost und die mangelnde Hygiene hatten zur Folge, dass sich auch Magen-Darm-Leiden ab 1939/40 immer stärker im Lager ausbreiteten. Viele Häftlinge litten unter Ekzemen, Ödemen, Furunkeln, Phlegmonen, eitrigen Geschwüren und Erfrierungen an Händen und Füßen, die kaum abheilen konnten. Zunehmend griff auch Tuberkulose um sich, und im Herbst 1941 brach eine Flecktyphusepidemie aus. Erst als auch SS-Angehörige von Ansteckung bedroht waren, wurden Gegenmaßnahmen ergriffen. - Angesichts dieser Situation wirkt es wie Hohn, dass das Krankenrevier des Lagers 1939 offiziell grundlegend modernisiert und erweitert worden war. Das diente jedoch mehr dem Schein als dem Sein.

In keinem anderen Konzentrationslager wurden so viele pseudo-medizinische Experimente an Häftlingen durchgeführt wie in Sachsenhausen. Bislang sind annähernd 40 verschiedene Arten an Menschenversuchen nachweisbar. So wurden bei Häftlingen Einschnitte in die Schenkelmuskulatur vorgenommen und infektiöses Material - etwa schmutzige Stofffetzen - hineingefügt, um die Wirkung von Medikamenten bei Wundverunreinigungen zu beobachten. Künstlich herbeigeführte Verbrennungen mit Phosphor und flüssigen Giftstoffen sollten Experimente mit verschiedenen Behandlungsweisen ermöglichen. An anderen Häftlingen erprobte man die Wirkung von Zyankali. Aus Auschwitz ließ man jüdische Kinder nach sachsenhausen bringen, um an ihnen Versuche mit ansteckender Hepatitis durchzuführen. Viele dieser Versuchsreihen nahmen die Lager-Ärzte in Zusammenarbeit mit externen medizinischen Institutionen vor. Daneben führten mehrere von ihnen auf eigene Initiative Sterilisierungen und Kastrationen durch. Bereits bis Anfang Mai 1941 sollen in Sachsenhausen so 107 Häftlinge „entmannt“ und sterilisiert worden sein. Viele der zu den Menschenversuchen herangezogenen Häftlinge gingen unter furchtbaren Qualen an deren Folgen zugrunde. Andere hatten lebenslang darunter zu leiden.

Das Kriminaltechnische Institut (KTI) des Reichssicherheitshauptamtes, das 1939 begann, verschiedene Techniken des Massenmordes zu entwickeln und zu erproben, unterhielt als Außenstelle eine Werkstatt im KZ Sachsenhausen. Hier wurden u.a. im Frühjahr 1944 nach der Haager Landkriegsordnung verbotene Giftgeschosse entwickelt, selbst bei nur leichten Verwundungen tödlich wirken sollten. Auch sie wurden an fünf Häftlingen des KZ erprobt, von denen drei qualvoll starben.

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