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Nach dem Pogrom

Nachdem bereits im Juni 1938 erstmals 800 bis 900 jüdische Männer nach Sachsenhausen gekommen waren, wurden unmittelbar nach dem Pogrom im November des Jahres innerhalb weniger Tage annähernd 6.000 weitere eingeliefert. Die Lagerführung pferchte sie unter extremen Bedingungen in Baracken des neu errichteten „kleinen Lagers“ ein. Ein Betroffener berichtete später darüber:

„Auf dem Empfangshof in Sachsenhausen erfolgte dann die Entladung durch SS-Totenkopfleute. Hüte wurden vom Kopf geschlagen zur Erweisung der notwendigen Ehrfurcht und dann ging es im Laufschritt durchs Lagertor, gehetzt, mit Kolben gestoßen und mit besonderer Tücke durch Beinstellen. Die grellen Lampen leuchteten, auf den Türmen ringsherum [standen] die SS-Posten mit Maschinengewehr und die SS-Scharführer etc. und tobten herum und fuchtelten mit ihren Pistolen, ständig Schimpfworte ausstoßend und Bedrohungen. Wir mußten in Reihen antreten unter Mitwirkung politischer Gefangener, die sich tadellos benahmen und beruhigend auf die ‚Neulinge‘ einzuwirken suchten. ‚Austreten‘ war nicht gestattet. (...) Und so standen wir im grellen Scheinwerferlicht die ganze Nacht. Immer mehr Transporte kamen hinzu und wurden auf den Appell-Platz gehetzt und bedroht. Es waren bereits etliche Tausende von Berlin.

Erst am nächsten Morgen gegen 10 Uhr begann man mit den Aufnahme-‚Formalitäten‘, Abrasieren der Kopfhaare, Ausziehen der Zivilkluft, Abgabe der Brieftasche, Uhren, Ringe etc. und ‚Verpassen‘ der Lager-Uniform und Unterwäsche. Man ließ mir als Invaliden auch keinen Stock, obwohl ich ohne solchen fast gehunfähig war. (...) Mittags gab es dann das erste Essen aus der Küchen-Baracke.

Im Laufe des Tages kamen dann noch mehr Transporte aus Berlin und abends und am nächsten Tage kamen die Transporte aus dem Reich an. Hierbei waren etliche Todesfälle von Herzkranken etc. zu verzeichnen, welche durch die Bedrohungen und das Herausprügeln aus den Eisenbahn-Waggons fertig gemacht wurden. (...) Dann kam die Ansprache des Totenkopf-Generals beim Abendappell: Wir Juden sollten wissen, daß wir nach Sachsenhausen gebracht wären, um zu lernen, wie wir uns als Gäste in Deutschland zu benehmen hätten. Je nachdem könne unser Aufenthalt im Lager 5-10 Jahre betragen. Im übrigen wurden uns die strengen Lagerstrafen in Aussicht gestellt.

Die nächsten Tage wurden wir dann mit Freiübungen, Exerzieren etc. bewegt, Invaliden wie ich auf ihre Nachbarn gestützt; Verschärfungen durch Känguruh-Hüpfen in der Kniebeuge. Ein versagender Dreiundsechzigjähriger bat einmal den Scharführer um den Gnadenschuß; er war aber das Pulver nicht wert, sondern nur Fußtritte. Einem Herzkranken, der nachts in der Baracke starb, konnte keine Hilfe gewährt werden, da vollkommen abgeschlossen und selbst jedes Aufstehen und Aufenthalt in der Nähe der grell durch die wandernden Scheinwerfer-Kegel erleuchteten Fenster sofort mit Schüssen in die Baracken seitens der Posten erwidert wurde. Wir trugen einen rot-gelben Stern, aus zwei Dreiecken zusammengesetzt. Das bedeutet jüdisch-politische Häftlinge.“[1]

In den folgenden Wochen und Monaten wurden - wie auch in Dachau und Buchenwald - die meisten der im Zuge des Pogroms internierten Juden, sofern sie die Quälereien und Drangsalierungen überlebt hatten, wieder entlassen - vorausgesetzt, sie hatten ihr Eigentum weitgebend abgegeben sowie dem Druck der SS nachgegeben und ihre Auswanderung unmittelbar nach ihrer Entlassung zugesagt. Bei Kriegsbeginn befanden sich daher „nur“ noch rund 250 jüdische Männer im KZ Sachsenhausen.

Fußnoten

[1] Der Bericht von Georg Ruhstadt wird hier zitiert nach Kaienburg, Sachsenhausen, S. 31f.

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