Emigration als Druckmittel
Die jüdischen Insassen des Sonderlagers durften am 18. November erste Nachrichten an ihre Angehörigen senden. Der Wortlaut dieser Schreiben, so erinnerte sich Siegfried Oppenheim zeitlebens, sei „an einer großen Wandtafel genau vorgeschrieben“ gewesen. Erwin Weinberg aus Fulda etwa schreib an diesem Tag: „Liebe Frau u. Kinder. Ich sitze hier ein, mir geht es gut. Schicke mir Unterzeug, Hemd, Hose, Hautjäckchen, Strümpfe. Nichts anderes, nichts Schriftliches einlegen, es besteht Briefsperre.“[1]
In den folgenden Wochen ging der blutige und unberechenbare Terror, den die SS im Sonderlager entfaltet hatte, zwar langsam zurück, aber die in der Nähe des Appellplatzes untergebrachten jüdischen Gefangenen mussten regelmäßig zusehen, wie andere Häftlinge beim Appell öffentlich ausgepeitscht wurden. Am 21. Dezember 1938 erhängte die SS an einem für alle sichtbaren errichteten Galgen vor allen zum Appell angetretenen Gefangenen den Sozialdemokraten Peter Förster.
Nach den Vorgaben der zuständigen Gestapo(leit)stellen begannen etwa zehn Tage nach dem Pogrom auch in Buchenwald die Entlassung der Inhaftierten aus dem Lager.
Die hier Untergebrachten sollten zur Emigration gezwungen werden, wobei sich das NS-Regime zugleich auch deren Vermögen aneignen wollte. Insofern wurde ein hoher Druck aufgebaut und kein Zweifel darüber gelassen, dass es eine unabdingbare Voraussetzung für eine Entlassung aus dem Lager sei, dass die Betreffenden erfolgreiche Bemühungen für eine baldige Emigration vorweisen könnten. All das hatte verkündete die SS in Buchenwald nach den Erinnerungen von Ernst Cramer immer wieder in der ihr eigenen brutalen und ungeschlachten Diktion über die Lagerlautsprecher. „Alle Judenvögel herhören! Erstens: Ihr bleibt solange hier, bis ihr eure Geschäfte, Fabriken und Häuser verkauft habt und beweisen könnt, dass ihr schleunigst auswandern werdet. Zweitens: Durch eure Schuld ist dem deutschen Volk großer Schaden entstanden. Ihr seid verantwortlich für die Zerstörungen in den deutschen Städten. Deshalb wird angeordnet: Die Versicherungsbeiträge für eure Wohnungen und Geschäfte erhaltet nicht ihr, sondern das deutsche Volk. Drittens: Eure Frechheit muss bestraft werden. Deshalb wird den Juden in Deutschland eine Konventionalbuße auferlegt. Sie beträgt eine Milliarde Reichsmark.“
Angesichts der durchlittenen Torturen und der Angst vor neuen Misshandlungen sahen die meisten der Betroffenen keinen Ausweg, als die gesamte Existenz in Deutschland aufzugeben und schnellstmöglich zu emigrieren. Bis Mitte Dezember 1938 verließen unter solchen Prämissen täglich durchschnittlich 250 Männer das Lager, die seitens der SS-Wachmannschaften zumeist notdürftig wiederhergerichtet worden waren. Bevor sie das Lager verließen, mussten sie sich verpflichten, über das im Lager Erlebte zu schweigen.
Die Drohkulisse zeigte die gewünschte Wirkung und die Inhaftierten sprachen kaum über ihre schrecklichen Erlebnisse. In der Exilzeitung „Neuer Vorwärts“ beschrieb eine außenstehende Frau die in jüdischen Kreisen herrschende Atmosphäre der Angst: „Ein entfernter Verwandter von mir, Arzt in einer kleinen schlesischen Stadt, war ins Konzentrationslager Buchenwald gekommen und wurde dort derart misshandelt, dass er wenige Wochen nach seiner Entlassung starb. Immer wieder versuchte ich, Einzelheiten zu erfahren, aber ich erreichte nicht mehr als eine Schilderung der äußeren Umstände seines Todes.“