Widerstand und Aufstände
Wenn man es im Zuge des schwierigen und kaum erträglichen Lageralltags geschafft hatte, zu Mithäftlinge Vertrauen aufzubauen und so die Gewissheit erhielt, sich auf sie verlassen zu können, eröffneten sich häufig auch von den Vorschriften abweichende Handlungsmöglichkeiten, die bis zur Chance auf organisierten Widerstand reichen konnten.
Eine erste solche Widerstandsorganisation riefen im Herbst 1940 Mitglieder der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) ins Leben. Im Oktober des Jahres folgte als erste bedeutende Gruppe des polnischen Widerstands die von dem Offizier Witold Pilecki gegründete „Verband der Militärorganisation“ (ZOW), deren Ziel es war, die Haftbedingungen zu erleichtern und mit Hilfe polnischer Zivilarbeiter Kontakt nach außen aufzubauen.
Im Juni 1942 kam es im Lager zu einem ersten Aufstand von etwa 50 zumeist polnischen Häftlingen einer Strafkompanie. Sie unternahmen einen Fluchtversuch, der für die meisten von ihnen jedoch schnell scheiterte und mit ihrer Hinrichtung endete. Auch rund 50 sowjetische Kriegsgefangene unternahmen, nachdem sie realisiert hatten, dass sie ermordet werden sollten, im Herbst 1942 einen Aufstands- und Fluchtversuch. Unbewaffnet überwältigten sie die SS-Wachmannschaft, durchbrachen die Postenkette und zerstörten einen der Wachtürme. Aber lediglich zehn von ihnen konnten entkommen, während die übrigen Beteiligten erschossen wurden.
Im Oktober 1942 versuchten auch die Angehörigen der Frauenstrafkompanie unter Führung französischer Jüdinnen aus ihrem Lager im nahegelegenen Dorf Budy auszubrechen. Aber auch diese Aktion wurde blutig niedergeschlagen. Jene, die nicht unmittelbar bei der Niederschlagung des Aufstandes den Tod fanden, wurden anschließend durch Phenolinjektionen ermordet.
1943 gingen SS und Lagerkommandantur gezielter gegen die politisch/militärisch orientierten Widerstandsbewegungen in Auschwitz vor, zerschlugen deren militärische Führungsgruppe und ermordete zahlreiche der Aktivisten. Dennoch gelang es den Häftlingen auch danach immer wieder, illegale Widerstandsstrukturen im Stammlager und später auch in Birkenau sowie im dort angesiedelten Frauenlager aufzubauen.
Im Frühjahr 1944 wurde gar ein „Militärrat“ gebildet, dessen Arbeit dazu dienen sollte, einen Aufstand zur Befreiung vorzubereiten. Zum bekanntesten der für den Lagerkomplex Auschwitz nachgewiesenen Aufstände wurde am eine 7. Oktober 1944 durchgeführte Aktion der Häftlinge des Sonderkommandos im Krematorium III/IV. Nachdem diese erfahren hatten, dass man sie als Zeugen der dortigen Verbrechen beseitigen wollte, zerstörten sie mittels eingeschleustem Schießpulver Teile des Krematoriums IV. Hierbei handelte es sich jedoch nicht um eine vorbereitete, von allen Häftlingen des Sonderkommandos getragene Aktion, sondern um eine spontane Verzweiflungstat. Anschließend unternahmen diese Gefangenen den Versuch einer Massenflucht, der umgehend scheiterte. Sämtliche 250 Flüchtigen wurden schnell gefasst und insgesamt 451 Häftlinge ermordet, von denen sich nur ein kleiner Teil aktiv am Aufstand beteiligt hatte.
Wenn die tatsächlichen faktischen Erfolge solcher Aktionen auch gering waren, waren sie doch ein beeindruckender Beleg dafür, dass es Menschen selbst unter den extrem menschenverachtenden Bedingungen in Auschwitz schafften, um ihre Würde und das eigene Leben zu kämpften und Solidarität mit ihren Mithäftlingen zu zeigen und zu bewahren. Jede ihrer - oft eher unscheinbaren - wiederständigen Handlungen war ihnen aber auch wichtig, um zu demonstrieren, dass sie nicht gewillt waren, sich „wie die Schafe zur Schlachtbank“ führen zu lassen.