Überlebenswillen und Selbstbehauptung
Die Lebensbedingungen in Auschwitz waren kaum dazu geeignet, zwischen den Lagerinsassen Gemeinsamkeiten und Solidarität entstehen zu lassen. Andererseits war ein Überleben ohne zumindest rudimentäre Grundformen von Solidarität und gegenseitiger Hilfen kaum möglich. Auch jede Form von noch so kleinen Widerstandsäußerungen war nur gemeinsam mit Mithäftlingen möglich.
Je länger das Lager bestand, desto besser funktionierten sowohl die Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung der Häftlinge als auch jene, die von außen Hilfe leisteten. Obwohl jene, die im Rahmen solcher Aktionen entdeckt wurden, zumeist umgehend hingerichtet wurden, nahm insbesondere die Versorgung der Internierten von außen eine erhebliche Dimension an. So wurden beispielsweise rund 70 Prozent der im Lager benötigten Medikamente illegal eingeschleust. Aber nicht nur solche Hilfeleistungen waren für das Überleben jedes einzelnen Häftlings von großer Bedeutung, sondern es waren auch die kleinen Gesten, die damit beginnen konnten, dass einzelne ihre karge Verpflegung mit Mithäftling teilten, denen es noch schlechter ging als ihnen selbst.
Es gab zahlreiche weitere, oftmals eher symbolische Gesten, die innerhalb der Häftlingsgesellschaft den Verzweifelten wieder Mut zum Überleben zurückgeben konnten. Hierzu zählte etwa das zynische, am Haupttor von „Auschwitz I“ angebrachte Motto „Arbeit macht frei“, das Jan Liwaczs, ein im Juni 1940 hierhin deportierter polnischer Kunstschmied, hergestellt hatte. Dabei drehte er als Zeichen seines Protests das „B“ im Wort „Arbeit“, ohne dass das der SS aufgefallen wäre. Dieser kleine, aber bewusste widerständige Akt teilte sich seitdem den das Lager morgens verlassenden und abends zurückkehrenden Häftlingen tagtäglich als ein Signal des Mutes und Überlebenswillens mit.[1]
Ein weiterer wichtiger Ausdruck hierfür war auch das permanente Bestreben, die in Auschwitz verübten Verbrechen und die Identität der Täter für die Nachwelt zu dokumentieren. Die Mordmaschinerie war derart monströs, dass die dort Internierten alles daran setzten, Belege der Verbrechen und der Massenmorde für die internationale Öffentlichkeit zu sammeln, zu erhalten und möglichst auch mitzuteilen.
Fußnoten
[1] Vgl. hierzu auch die vergleichbare Handlung des „Bauhaus“-Architekten Franz Ehrlich, der auf Befehl der Lagerleitung für das Haupteingangstor den Schriftzug „Jedem das Seine“ entwarf. Hierzu wählte er eine vom „Bauhaus“ entwickelte und somit seitens des NS-Regimes als „entartet“ eingestufte Schriftart. Auch dieser Schriftzug war somit ein kleiner Akt des Widerstands, und die Tatsache, dass dieser kleine subversive Akt der Lagerleitung nie auffiel, ein Beleg für deren ausgeprägte kulturelle Ignoranz.