Ankunft und Selektion
Die Ankunft der Transporte erfolgte zwischen 1942 und 1943 - und damit für die große Mehrheit der deutschen Jüdinnen und Juden - an der sogenannten „Alten Judenrampe“ des Güterbahnhofs in der Stadt, der sich zwischen den Lagerteilen Auschwitz und Birkenau befand. Hier wurden die Ankommenden von der SS zunächst nach Geschlechtern getrennt. In einem weiteren Auswahlverfahren wurden diese beiden Gruppen weiter auseinandergerissen: Junge und Gesunde hatten zur einen, Alte, Kinder, Mütter, Schwangere und Gebrechliche zur anderen Seite zu gehen.
Die damit getroffene Entscheidung über Leben und Tod hing von mehreren, oft willkürlich gehandhabten Kriterien ab, wobei natürlich der äußere Eindruck der körperlichen Verfassung und der Familienstand von größter Bedeutung waren. Besonders gering waren die Überlebenschancen bei körperlichen Gebrechen, bei Schwangerschaft oder für Mütter mit Kleinkindern, für die si zu sorgen hatten.
Die Prozentsätze der Ausgesonderten schwankten je nach Arbeitskräftebedarf, wobei der Bedarf an jungen Männern immer hoch blieb. Im Sommer 1942 hatte die SS zudem mehrere Außenlager eingerichtet: Im 60 km entfernten Golleschau mussten Auschwitz-Häftlinge seit Juli 1942 beim SS-Baustoffwerk „Golleschauer Portland Zement AG“ arbeiten, in der Grube in Brzeszcze/Jawischowitz begann im August 1942 der Einsatz von jüdischen Häftlingsarbeitern. Auch das beeinflusste den Selektionsprozess. - Nachdem der beendet war, wurden die Ankömmlinge vom Güterbahnhof ins Lager getrieben.
Angesichts der nach der Einrichtung von Birkenau steil ansteigenden Zahl von Deportierten ergab sich für die SS die Notwendigkeit, die Abläufe bei Ankunft der Transporte zu beschleunigen. Das führte zu dem Entschluss, Birkenau ab Mai 1944 mit einem eigenen Gleisanschluss auszustatten, so dass die Züge direkt bis an die Vernichtungsanlagen heranfahren konnten. Dadurch entstand die berüchtigte Bahnsteigrampe zwischen den Gefangenenlagern B I und B II, auf der die Züge durch das - nach 1945 als fotografische Ikone bekannte gewordene - Torhaus direkt vom Güterbahnhof in das Lager einfuhren und auf der die gefürchteten Selektionen durchgeführt wurden, die zuvor an der „Judenrampe“ im Güterbahnhof von Auschwitz stattgefunden hatten.
Hier öffneten sich nach quälender Fahrt endlich die Waggontüren. Unter Schlägen und Schreien wurden Männer, Frauen und Kinder hinausgetrieben, angebrüllt und von Hunden angegangen. Die meisten von ihnen konnten die auf Deutsch gebrüllten Befehle und Anordnungen überhaupt nicht verstehen. Nachdem die Überlebenden eines Transports ins Freie getrieben worden waren, räumte ein Arbeitskommando aus Häftlingen die Leichen und das zurückgelassene Gepäck aus den Waggons.
Selektion
Auf der Rampe mussten sich die Neuankömmlinge in zwei Reihen aufstellen: Frauen und Kinder auf der einen Seite, Männer auf der anderen, wodurch Familien erbarmungslos auseinandergerissen wurden. Nun wurde - ähnlich wie zuvor bereits am Güterbahnhof - nach der jeweiligen Arbeitsfähigkeit kategorisiert. Die Deportierten mussten einzeln vortreten, damit ein SS-Arzt sie nach einem flüchtigen Blick durch eine kurze Handbewegung nach rechts oder links in die jeweilige Gruppe zuteilte. Hierbei war die Zuordnung - je nach Bedarf an Arbeitskräften - willkürlich änderbar und die Kriterien ihrer Zuordnung für die Betroffenen selbst nicht nachvollziehbar.
Die als „arbeitsfähig“ eingestuften Häftlinge wurden anschließend unter SS-Bewachung registriert und zuerst in Quarantäneblocks untergebracht, bevor sie dann auf die verschiedenen Blocks verteilt wurden. Alle anderen mussten sich dem gnadenlose Ritual der Vorbereitung auf ihre Vernichtung unterziehen.
Eine besondere Häftlingsgruppe kristallisierte sich ab Sommer/Herbst 1944 heraus. Insbesondere deutsche Juden, die erst zu diesem Zeitpunkt nach Auschwitz deportiert worden und trotz der Zeit in Gettos oder Lagern noch bei Kräften waren, blieben zumeist nicht lange in Auschwitz, das nun zunehmend als „Umschlagplatz“ für das schnell expandierende Außenlagersystem fungierte. Nach der Selektion wurden die als „arbeitsfähig“ Eingestuften nunmehr als sogenannte „Durchgangsjuden“ nur noch notdürftig untergebracht und warteten auf ihre Verschickung in Lager der deutschen Rüstungsindustrie. Zwar entwickelten sich auch manche dieser Lager zu wahren „Sterbelagern“, aber zumeist waren die Überlebenschancen hier größer als in Auschwitz selbst.