Mein Vater musste von Zeit zu Zeit die Runde bei den Meistern machen und sehen, wie die Jungens vorankamen oder ob es Klagen gab. Zweimal in der Woche unterrichtete er im Heim Deutsch und jüdische Geschichte.
Die Jungens arbeiteten durchweg sechs Tage die Woche. Samstags war der Arbeitstag meistens um ein oder zwei Uhr beendet. Wenigstens zwei-oder dreimal im Monat wurde am Sonntag gemeinsam gewandert. Wir fuhren zum Beispiel mit der Straßenbahn bis zum Königsforst und blieben dort den Tag über. Einmal in der Woche, meist am Samstagnachmittag, war Schwimmen im öffentlichen Schwimmbad in der Fleischmengergasse, und in einer Turnhalle hinten im Garten des Heims wurde zweimal die Woche bei Turnlehrer Kramp geturnt. Die Jungen haben es allerdings nach ihrem schweren Arbeitstag nicht mit Begeisterung getan.
Zu Chanukka, dem Äquivalent zu Weihnachten, fand im Heim eine Feier statt, zu der die Mäzene des Hauses eingeladen wurden. Die Jungens führten dann entweder ein Theaterstück auf, trugen Gedichte vor oder bildeten einen Pyramidenturm, wie man das damals eben so gemacht hat - frisch, fromm, fröhlich, frei. Anschließend gab es dann eine Bescherung mit Dingen, die von den Mäzenen oder Geschäftsleuten gestiftet worden waren: Anzug, Krawatte, Hemden, einem Teller mit Süßigkeiten.
Während alle Jungens, die aufgenommen wurden, jüdisch sein mussten, war das Personal, außer meinen Eltern, nicht jüdisch: die beiden Dienstmädchen, die im Haus und der Küche arbeiteten, die Waschfrau, die einmal die Woche kam, und der Turnlehrer waren keine Juden.
Man kann sagen, dass das Haus in liberal-jüdischem Geist geführt wurde. Die Jungens arbeiteten fast alle samstags, und nur für einen oder zwei, die aus frommem Haus kamen, suchte mein Vater Stellen bei religiösen jüdischen Handwerkern, so dass sie am Samstag nicht arbeiten mussten. Wenn man in die Synagoge ging, dann in die Synagoge Roonstraße, die liberale Synagoge Kölns. Das Heim wurde allerdings koscher geführt - meine Mutter hat immer koscher gekocht -, und die jüdischen Feiertage wurden gehalten. Generell war die religiöse Haltung im Heim aber, wie gesagt, liberal.
Das Heim förderte unter den Lehrlingen auch nicht die Mitgliedschaft in bestimmten jüdischen Organisationen. Die Jungens konnten in ihrer freien Zeit in diejenigen Jugendbünde gehen, die ihrer Gesinnung und ihren Neigungen entsprachen. Sie gingen in zionistische oder nichtzionistische Vereine, in religiöse oder andere Organisationen - das stand ihnen frei, und das Heim verhielt sich dazu vollkommen neutral.
Wenn die Jungens ihre Gesellenprüfung gemacht hatten, mußten sie das Haus verlassen.“