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Utrechter Straße 6: Jüdisches Lehrlingsheim und Gettohaus

Das um 1900 ins Leben gerufene Israelitische Lehrlingsheim in der Utrechter Straße 6 war keine Gliederung der Kölner Synagogengemeinde, sondern eine Einrichtung eines eingetragenen Vereins. In das Heim wurden ausschließlich jüdische Lehrlinge aus Handwerksberufen aufgenommen, hingegen keine Auszubildenden aus kaufmännischen Berufen. Dabei entstammten die wohlhabenden Gründer der Einrichtung vorwiegend dem jüdischen Kaufmannsstand, die aber gerade die Absicht verfolgten, die Ausbildung von Juden in handwerklichen statt in kaufmännischen oder akademischen Berufen zu fördern. Einer der Mäzene des Heims war etwa der Kaufhausbesitzer Alfred Tietz, der zusammen mit anderen wohlhabenden Kaufleuten und Akademikern den Hausbau finanzierte.[1]

 

Das Heim

Das Haus, ein roter Backsteinbau, war das letzte Haus vor dem Bahndamm in der Utrechter Straße. Im Souterrain waren die Küche, die Wäscherei, das Dienstmädchenzimmer und zwei, drei Nebenräume. Auf dem Hochparterre lagen die 5-Zimmer-Wohnung des Heimleiters und der Speisesaal. Die erste Etage war mit zwei großen Räumen belegt, die durch eine Jalousie aufgeteilt waren. Der eine Teil bildete den Festsaal, der andere war der sogenannte Lehrsaal und diente Unterrichtszwecken. Auf der zweiten Etage gab es vier Schlafräume und die Duschen und Spinde für die Jungen. Über eine Zentralheizung verfügte das Haus nicht, dafür aber über große Öfen.

Das Heim bot Platz für 30 bis maximal 40 Jungen, wobei zumeist rund 35 aufgenommen wurden. Die ausschließlich jüdischen Jungen kamen nach Beendigung der Volksschule, also im Alter ab 14, 15 Jahren ins Heim. Etwa die Hälfte von ihnen kam aus Waisenhäusern und Kinderheimen aus Köln und Umgebung, die andere Hälfte stammte zumeist aus Dörfern an der Mosel, im Westerwald oder in der Eifel, wo es kaum Möglichkeiten zur handwerklichen Ausbildung gab.

Die Ausstattung und das Leben im Lehrlingsheim war eher spartanisch. In den Schlafsälen standen acht bis zehn Betten, wobei jeder Heiminsasse lediglich über einen schmalen Spind verfügte. Der Betrieb war eher „kasernenmäßig“ organisiert. So verfügten die Duschen über kein warmes Wasser, das nur einmal in der Woche für kurze Zeit zur Verfügung stand.

 

Heimalltag

Heinrich Nezer, der Sohn von Heimleiter Siegfried Münzer und dessen Frau Selma erinnerte sich später an den Alltag im Heim: „Meine Mutter war quasi die Hausmutter im Heim. Unten im Haus war die Küche, in der für alle gekocht wurde. Wenn die Jungens morgens um sieben Uhr zur Arbeit gingen, nahmen sie sich einen Kessel mit Essen mit, das sie dann an der Arbeitsstelle warm machen konnten. Die anderen, die keine Gelegenheit zum Aufwärmen von Essen hatten, bekamen Stullen mit, belegte Brote. Es gab nur wenige, die so in der Nähe arbeiteten, dass sie mittags hätten ins Heim kommen können, die meisten kamen erst abends wieder zurück.

Die Aufgabe meines Vaters war es auch, die Lehrstellen für die Jungens zu besorgen, zum Beispiel bei Humboldt in Deutz oder bei der Sachsenwerft als Schlosser oder bei Handwerkern wie zum Beispiel Installateuren, Elektrikern, Schneidern, Kürschnern usw. Dann wurden die Lehrverträge mit den Meistern geschlossen, meistens auf drei, dreieinhalb Jahre. Die Jungens lernten im Allgemeinen bei nichtjüdischen Meistern. Als jüdische Handwerksbetriebe, bei denen Lehrlinge aus dem Heim arbeiteten, sind mir eine jüdische Installationsfirma auf der Pfeilstraße und die jüdische Bäckerei Salomon Im Weichser Hof erinnerlich.

 

Mein Vater musste von Zeit zu Zeit die Runde bei den Meistern machen und sehen, wie die Jungens vorankamen oder ob es Klagen gab. Zweimal in der Woche unterrichtete er im Heim Deutsch und jüdische Geschichte.

Die Jungens arbeiteten durchweg sechs Tage die Woche. Samstags war der Arbeitstag meistens um ein oder zwei Uhr beendet. Wenigstens zwei-oder dreimal im Monat wurde am Sonntag gemeinsam gewandert. Wir fuhren zum Beispiel mit der Straßenbahn bis zum Königsforst und blieben dort den Tag über. Einmal in der Woche, meist am Samstagnachmittag, war Schwimmen im öffentlichen Schwimmbad in der Fleischmengergasse, und in einer Turnhalle hinten im Garten des Heims wurde zweimal die Woche bei Turnlehrer Kramp geturnt. Die Jungen haben es allerdings nach ihrem schweren Arbeitstag nicht mit Begeisterung getan.

Zu Chanukka, dem Äquivalent zu Weihnachten, fand im Heim eine Feier statt, zu der die Mäzene des Hauses eingeladen wurden. Die Jungens führten dann entweder ein Theaterstück auf, trugen Gedichte vor oder bildeten einen Pyramidenturm, wie man das damals eben so gemacht hat - frisch, fromm, fröhlich, frei. Anschließend gab es dann eine Bescherung mit Dingen, die von den Mäzenen oder Geschäftsleuten gestiftet worden waren: Anzug, Krawatte, Hemden, einem Teller mit Süßigkeiten.

Während alle Jungens, die aufgenommen wurden, jüdisch sein mussten, war das Personal, außer meinen Eltern, nicht jüdisch: die beiden Dienstmädchen, die im Haus und der Küche arbeiteten, die Waschfrau, die einmal die Woche kam, und der Turnlehrer waren keine Juden.

Man kann sagen, dass das Haus in liberal-jüdischem Geist geführt wurde. Die Jungens arbeiteten fast alle samstags, und nur für einen oder zwei, die aus frommem Haus kamen, suchte mein Vater Stellen bei religiösen jüdischen Handwerkern, so dass sie am Samstag nicht arbeiten mussten. Wenn man in die Synagoge ging, dann in die Synagoge Roonstraße, die liberale Synagoge Kölns. Das Heim wurde allerdings koscher geführt - meine Mutter hat immer koscher gekocht -, und die jüdischen Feiertage wurden gehalten. Generell war die religiöse Haltung im Heim aber, wie gesagt, liberal.

Das Heim förderte unter den Lehrlingen auch nicht die Mitgliedschaft in bestimmten jüdischen Organisationen. Die Jungens konnten in ihrer freien Zeit in diejenigen Jugendbünde gehen, die ihrer Gesinnung und ihren Neigungen entsprachen. Sie gingen in zionistische oder nichtzionistische Vereine, in religiöse oder andere Organisationen - das stand ihnen frei, und das Heim verhielt sich dazu vollkommen neutral.

Wenn die Jungens ihre Gesellenprüfung gemacht hatten, mußten sie das Haus verlassen.“

Nach 1933

Nach der NS-Machtübernahme wurde das Jüdische Lehrlingsheim zu einem bislang unbekannten Zeitpunkt 1933/34 aufgelöst und vom Hechaluz übernommen. Seitdem diente es als Wohnheim für Jugendliche und als Hachschara-Zentrum. Nachdem die Synagogengemeinde am 1. Mai 1936 in der Lützowstraße eine „Vorlehre“ eingerichtet hatte, in deren Rahmen Jungen und Mädchen zur Vorbereitung auf ihre Auswanderung Grundlagen handwerklichen Könnens in den Bereichen Schlosserei, Tischlerei und Nadelarbeit vermittelt wurden, eröffnete sie 1937 im ehemaligen Lehrlingsheim in der Utrechter Straße eine jüdische „Handwerkerschule“, in der die Ausbildung in zweijährigen Kursen vertieft wurde. 1938 absolvierten hier rund 55 Jugendliche eine professionelle Schlosser- und Schreinerausbildung.

Zunehmend wurde hier aber auch Emigrationsvorbereitung für Erwachsene Intensiviert. Hierzu trug insbesondere das 1928 als jüdische Volkshochschule ins Leben gerufene „Jüdische Lehrhaus“ durch ein wachsendes Angebot an Sprachenunterricht, Palästinakunde und Auswanderungsberatung maßgeblich bei. Es nutzte - wohl neben anderen - auch Räume in der Utrechter Straße 6. So bot der „Bildungsausschuss der Synagogengemeinde“ hier 1939 Intensivkurse in Englisch mit vier Wochenstunden an, die wechselseitig montagsvormittags von 9-11 Uhr im ehemaligen jüdischen Jugendheim am Mauritiussteinweg 11 und donnerstagsabends von 19-21 Uhr in der Utrechter Str. 6 stattfanden.

Ab 1941 wurde das Gebäude dann zum „Judenhaus“, in das viele Menschen vor der Deportation eingewiesen wurden. Daneben erfüllte es zahlreiche Funktionen für die schnell kleiner werdende Jüdische Gemeinde. So wurde die „Bezirksstelle Rheinland der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, die sich bis Mitte 1942 in der Roonstraße 50, danach im Wohlfahrtshaus der Gemeinde in der Rubensstraße 33 befunden hatte, ab Ende 1942 in die Utrechter Straße 6 verlegt, bevor sie schließlich in das Sammellager Müngersdorf im Fort V wechselte.

Ende 1943 fanden die noch in Köln verbliebenen Jüdinnen und Juden in diesem Gebäude die letzten in der Stadt noch existierenden Behandlungsmöglichkeiten durch den „Zahnbehandler“ Dr. Meyer und die drei noch praktizierenden „Krankenbehandler“ Dr. Böheimer, Dr. Feldheim und Dr. Marx, die hier weiterhin ihre Sprechstunden abhielten. Hierzu erklärte Dr. Hans Feldheim: „Im Hause Utrechterstr. 6 ist eine Krankenabteilung eingerichtet, in der Patienten Aufnahme finden. Wegen der beschränkten Bettenzahl kann Unterbringung nur durch den Krankenbehandler geschehen, in dessen Behandlung der Kranke steht. Die Kosten betragen für Nichtkassenpatienten RM 5,50 pro Tag. Medikamente und ärztliche Behandlung sind außerdem zu bezahlen.“

Schließlich war die Utrechter Straße 6 auch die letzte Wohnadresse der Vertreter der jüdischen Gemeinde vor deren Einweisung ins Lager Müngersdorf. Bis 1944 waren hier außerdem noch verschiedene Anlaufstellen untergebracht.

Zu einer „Arisierung“ von Gebäude und Grundstück kam es offenbar nicht. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Appartement-Hotel.

Fußnoten

[1] Das Folgende nach Becker-Jákli, Köln, S. 52ff, Becker-Jákli, Köln, S. 344f., Becker-Jákli, Asyl, S. 307, 338f. und 353f., Bopf, Arisierung, S. 176f. und 269, Jüdisches Schicksal, S. 239 und Jüdisches Nachrichtenblatt, 52/1939.

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