Siemensstraße 60: Gettohaus
Das zweigeschossige Haus mit Stuckfassade, Fachwerkgiebel und kleinem Vorgarten wurde 1910 gebaut.[1] Geplant für den Bedarf einer wohlhabenden Familie, befand es sich seit etwa 1912 im Besitz von Ludwig Meyer-Wachmann, der gemeinsam mit seinem Bruder, dem Großvater Hans Mayers, in Cloppenburg ein Bekleidungsgeschäft geführt hatte. Nach dem Tod seines Bruders hatte Ludwig Meyer-Wachmann das Geschäft aufgegeben und war mit Sophie Mayer, der Witwe seines Bruders, nach Köln in die Siemensstraße 60 gezogen.
Ludwig Meyer-Wachmann wird in den Erinnerungen seines Großneffen Hans Mayer als Vertreter des assimilierten jüdischen Bürgertums charakterisiert, der sich, wohlhabend, gebildet und deutsch-patriotisch gesinnt, völlig in die Gesellschaft integriert glaubte. „Ludwig Meyer-Wachmann kam 1843 zur Welt“, schrieb Hans Mayer in seinen Erinnerungen. „Er ist sehr alt geworden und wurde bei seinem 80. und 85. Geburtstag gebührend gefeiert. Von seinem 90. Geburtstag hingegen nahm man in Köln nicht Notiz: da pflegte man, nämlich im Jahre 1933, das jüdische Alter nicht mehr zu ehren. Onkel Ludwig starb bald danach.“ Nachdem auch Sophie Meyer-Wachmann 1936, ihr Schwager Ludwig im Jahr darauf gestorben war, ging das Haus in den Besitz von Ehrenfelder Verwandten über.
Als sich in den nächsten Jahren die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung verstärkte, wurde das Haus Siemensstr. 60 zunächst zu einer Zuflucht. Um 1937/38 zogen Ida und Rudolf Mayer sowie Emma und Albert Mayer in das Haus, in den nächsten Jahren folgten weitere Angehörige, schließlich wiesen die Kölner Wohnungsbehörden weitere Personen ein, sodass das Haus 1941 zu einem der Ehrenfelder Gettohäuser wurde.
Schutz bot es nun nicht mehr. Ida und Rudolf Mayer verschleppte man Ende Oktober 1941 in das Getto Litzmannstadt und ermordete sie 1942 im Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno. Emma und Albert Mayer wurden gezwungen, in das Gettohaus St.-Apern-Straße 29-31 zu ziehen, von wo sie im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Albert Mayer starb im Dezember 1943, das Sterbedatum von Emma Mayer ist unbekannt.
Seit etwa 1938 hatte auch der Bruder von Ida und Emma, der 1881 geborene Alex Meyer-Wachmann, bei seinen Verwandten gelebt. Wann er deportiert wurde, ist nicht geklärt, bekannt hingegen, dass er zu den eher wenigen zählte, die sich ihrer Deportation durch Flucht zu entziehen versuchten. Ernst Ichenhäuser, der zeitweise Bewohner des Gettohauses Venloert Straße 23 war und ebenfalls diesen Versuch unternahm, sagte vor der Gestapo aus: „Meier-Wachmann kannte ich bereits aus dem Gemeinschaftslager in Köln-Müngersdorf. Mir ist bekannt, dass er sich s. Zt. ebenfalls der Evakuierung durch die Flucht entzogen hat.“ Ein nichtjüdischer Ingenieur, der von Ichenhäuser und Meier-Wachmann illegal Lebensmittelkarten erwarb, erklärte, er kenne den Letztgenannten aus dessen Tätigkeit als Direktor der Dresdner Bank in Köln, habe ihn aber erst Anfang 1942 wiedergetroffen: „Erst Anfang ds. Js. kam ich mit ihm wieder dadurch in Verbindung, dass er sein Haus in Köln-Ehrenfeld, Siemensstraße 60, räumen musste. (…) Bei seinem letzten Besuch, etwa Juni ds. Js., erklärte er mir, dass er zum Arbeitseinsatz nach dem Osten käme. Dass er sich diesem Arbeitseinsatz durch die Flucht entzogen hat, ist mir nicht bekannt. Ich habe ihn auch seit dieser Zeit nicht mehr wiedergesehen. Dir ist nur bekannt, dass er s. Zt. bei der Glanzstoff A.G. beschäftigt war.“ Die Gestapo selbst erklärte in ihrem „Abschlussbericht“ vom 29.10.1942: „Meyer-Wachmann -war bereits zur Umsiedlung vorgesehen und hält sich seit längerer Zeit verborgen. Sein Aufenthalt konnte in der Zwischenzeit nicht festgestellt werden.“ Es gelang ihr dann aber wohl doch noch seiner habhaft zu werden, denn Alex Meier-Wachmann wurde offenbar doch noch aus dem „Barackenlager Neusser Str. 592“ deportiert und anschließend in Auschwitz ermordet.
Unmittelbar aus dem Haus Siemensstraße 60 nach Litzmannstadt verschleppte man Mitte Oktober 1941 das Ehepaar Max und Charlotte-Margarete Alexander mit ihrer 14-jährigen Tochter Lilli-Ruth. Im Mai 1942 wurde die Familie nach Kulmhof/Chelmno deportiert und ermordet.
Der um 1901 geborene Willi Willens sagte im Wiedergutmachungsverfahren 1962 Folgendes über seine Zeit als Mieter im bereits „judenfreien“ Hause aus: „Ich selbst bin im Frühjahr 1942 mit meiner Familie in das Haus Siemensstr. 60 eingezogen. Die Wohnung hatte mir das Wohnungsamt vermittelt, weil meine eigene Wohnung durch Bombenschäden mitgenommen war. Die Wohnungsschlüssel holte ich mir in der Roonstraße bei der Synagogenverwaltung ab. Ich besichtigte die Wohnung mit meiner Ehefrau. Im Hause befand sich kein einziges Möbelstück mehr. Während wir uns noch im Hause umsahen, wurde von außen die Tür aufgeschlossen und es kam eine ältere Dame herein, die sich als Frau [Erna] Mayer vorstellte. Wir kamen mit ihr ins Gespräch und auf unsere Einladung hin kam sie später wiederholt zum Kaffeetrinken. Sie war die Ehefrau von Albert Mayer und lebte zu dieser Zeit mit ihm und dem Alex Wachmann im Lager in Müngersdorf. Auch Herr Alex Wachmann hat uns später in der Wohnung besucht; ich selbst habe von Frau Mayer erfahren, dass ihre Möbel, als sie nach Müngersdorf eingewiesen worden sei, in die Messehalle gebracht worden wären. (…) Dass sie [früher] ein Dienstmädchen hatten, weiß ich daher, weil einmal ein Päckchen vor unserer Tür gelegen hat, welches von dem früheren Dienstmädchen stammte und für Frau Mayer bestimmt war. (…) Wenn ich mich recht erinnere, bin ich am 4. April 1942 in die Wohnung eingezogen.“