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Reischplatz 6: Synagoge Deutz

1888 wurden Deutz und Poll mit ihren rund 17.000 Einwohnern nach Köln eingemeindet, Kalk mit seiner Bevölkerung von inzwischen 28.000 folgte 1910.[1] Die jüdische Gemeinde, die 1888 in Deutz lediglich 208, in Kalk 53 Mitglieder gezählt hatte, war auch in den Jahrzehnten danach nur wenig gewachsen. Die meisten ihner Angehörigen waren um die Jahrhundertwende in den traditionellen Branchen als kleine und mittlere Kaufleute im Manufaktur- und Materialwarenhandel sowie im Fleischerhandwerk tätig und wohnten vorwiegend im alten Ortskern mit Freiheitstraße, Siegburger Straße, in der Mathilden-, Karl- und Arminiusstraße. In Kalk hatten sich einige jüdische Metzger, Viehhändler und Kaufleute im Bereich der Kalker Hauptstraße niedergelassen.

 

Die neue Synagoge in Deutz

In ihrer religiösen Orientierung schloss sich die Deutzer Gemeinde den liberalen Tendenzen des Judentums, wie sie in der Synagogen-Gemeinde Köln bestimmend waren, nicht an und blieb traditionell geprägt. Mit der Berufung von Dr. Julius Simons als Religionslehrer, Kantor und Rabbiner nach Deutz wurde 1908 zwar eine Intensivierung des Gemeindelebens verbunden, das soziale und karitative Angebot der Gemeinde ließ sich jedoch nur wenig vergrößern.

Einen Einschnitt in der Geschichte der jüdischen Gemeinde bedeutete der Abriss der 1786 errichteten Synagoge an der Freiheitstraße 4, die 1914 der Auffahrt für eine neue Rheinbrücke weichen musste. 1913 hatte die Stadt Köln ein Grundstück am Reischplatz erworben und sagte der jüdischen Gemeinde den Bau einer neuen Synagoge und eines neuen Gemeindezentrums an diesem zentral gelegenen Ort zu. Nachdem die alte Synagoge im Frühsommer 1914 abgerissen worden war, konnte im Juli 1915 das neue Gotteshaus fertiggestellt werden. Es wurde nicht als frei stehender Bau konzipiert, sondern war in die Straßenfront der benachbarten Wohnhäuser integriert. Eine Rekonstruktion der Fassade geht von einer sehr schlichten Gestaltung mit mehreren Rundfenstern aus. Auch Innenaufnahmen des Gebäudes sind nicht bekannt, doch gibt es eine detaillierte Beschreibung durch Ernst Simons, Sohn des Rabbiners. Im Erdgeschoss befand sich demnach ein Raum für die Religionsschule mit Plätzen für rund 50 Kinder, außerdem ein Gemeindesaal für 100 Personen. Ein weiterer Raum diente als Sitzungszimmer und enthielt zudem eine umfangreiche Bibliothek. In der dritten Etage des Gebäudes lag die Rabbinerwohnung. Die Synagoge selbst, die über den ersten und zweiten Stock reichte, umfasste etwa 240 Sitze für Männer und auf einer Empore im zweiten Stock weitere 100 Sitze für Frauen. Auf einer Erhöhung stand der Thora-Schrein, in der Mitte des Raums der Almemor.

 

Die Auflösung der Gemeinde

1927/28 schloss sich die Deutzer Gemeinde schließlich der Synagogen-Gemeinde Köln an und gab damit ihre Selbstständigkeit auf. Nur wenige Jahre später setzten unmittelbar nach der NS-Machtübernahme 1933 auch die Repressalien gegen die jüdische Deutzer Bevölkerung ein. Die Geschichte des Hauses Reischplatz 6 als Synagoge und Gemeindezentrum endete dann endgültig in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Während des Pogroms drangen SA-Männer in das Gebäude ein, legten Feuer und zertrümmerten die gesamte Einrichtung. Innenausstattung, Mobiliar und rituelle Gegenstände wurden zerstört oder geraubt, die Thora-Rollen zum Teil verbrannt, zum Teil in Stücke gerissen. Ernst Simons berichtete, dass seine Mutter einige Stücke von Tora-Rollen auf dem Deutzer jüdischen Friedhof beerdigt, einige Stücke auf die Flucht in die Niederlande mitgenommen habe. Die aus der Synagoge geraubten Gegenstände sind bis heute verschwunden.

Julius Simons wurde im Anschluss an das Pogrom zunächst im Konzentrationslager Dachau interniert und mit der Auflage, Deutschland umgehend zu verlassen, entlassen. Anfang 1939 flüchtete er mit seiner Frau Veronika und zwei Töchtern in die Niederlande. 1943 wurde das Ehepaar in das Sammellager Westerbork gebracht, 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Töchter überlebten die Verfolgung, einer der Söhne wurde in Auschwitz ermordet, ein zweiter starb kurz nach der Befreiung aus einem Konzentrationslager. Der dritte Sohn Ernst Simons überlebte das KZ Bergen-Belsen und kehrte nach Kriegsende nach Köln zurück.

Nachdem viele jüdische Einwohner die rechtsrheinischen Gebiete verlassen hatten, lebten 1939 insgesamt nur noch rund 100 Juden in Deutz, Kalk und Poll. Im Mai 1941 ordneten die NS-Behörden eine Zusammenlegung der jüdischen Bevölkerung Kölns in einigen der Stadtviertel im Linksrheinischen an, sodass alle Juden die Vororte auf der rechten Rheinseite verlassen und in die Gettohäuser auf der anderen Rheinseite ziehen mussten. In keinem der rechtsrheinischen Vororte wurde eines der sogenannten „Judenhäusern“ eingerichtet.

Als kurz darauf die Deportationen in die Gettos und Vernichtungslager Osteuropas begannen, wurde Deutz nochmals auf ganz andere Art zu einem Mittelpunkt des NS-Terrors gegen die jüdische Bevölkerung. Im Oktober 1941 richteten die Behörden in den Hallen der Köln-Deutzer Messe ein Sammellager ein, in dem die zum Transport bestimmten Menschen interniert wurden, um sie anschließend von hier aus zum Bahnhof Deutz-Tief geführt zu werden, wo man sie in die Deportationszüge drängte.

 

Nach 1945

Das Gebäude Reischplatz 6 wurde während des Pogroms nicht völlig zerstört, sondern blieb in den Außenmauern und mit Teilen seiner inneren Struktur erhalten. 1939 wurden Grundstück und Gebäude vom Deutschen Reich beschlagnahmt und an die Kölner Polizeiverwaltung vermietet. Kurz darauf erfolgten rigorose Umbauten: Im Bereich des Betraums wurden neue Zwischendecken eingezogen und die Räume, wohl in allen Stockwerken, neu aufgeteilt. Um 1940/41 wurde das Gebäude Sitz des 19. Polizeireviers. Trotz schwerer Beschädigungen durch Bomben wurde das Gebäude, auch über das Kriegsende hinaus, durch die Polizei genutzt. Nachdem Grundstück und Gebäude nach 1945 zunächst im Auftrag des Amtes für gesperrte Vermögen von einer Kölner Grundstücksgesellschaft verwaltet worden waren, kam es 1957 im Rahmen der Rückerstattung zu einem Vergleich, in dem das Land Nordrhein-Westfalen die Eigentumsrechte von der Jewish Trust Corporation, der nach dem Krieg entstandenen Institution zur Vertretung jüdischer Interessen, erwarb.

Eine intensive Prüfung des gesamten Baus durch den Landeskonservator ergab 2007, dass zwar einige Relikte - so vor allem das Treppengeländer -auf den Umbau um 1940 verweisen, jedoch weder im Äußeren noch im Inneren des Gebäudes Spuren der ursprünglichen Nutzung erkennbar sind. Das Haus wurde daher nicht unter Denkmalschutz gestellt. Der Novemberpogrom und die daran anschließenden, von den Behörden beauftragten Umbauten haben somit die jüdische Tradition des Hauses dauerhaft zerstört. Nach dem Erwerb des Gebäudes durch private Investoren Ende 2007 und dem Auszug der Polizeistelle Anfang 2010 wurde das Gebäude zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut. Zwei Stolpersteine vor dem Gebäude erinnern an Veronika und Julius Simons.

Die Verfolgung durch das NS-Regime hatte auch der Existenz der jüdischen Gemeinden in Deutz und dem Umland ein endgültiges Ende bereitet. In den Jahrzehnten nach Kriegsende ließen sich hier nur wenige Juden nieder; eine jüdische Gemeinde konnte so nicht mehr entstehen. Auch sichtbare Spuren der langen jüdischen Tradition sind im Deutzer Stadtbild nicht mehr zu finden. Lediglich der Friedhof am Judenkirchhofsweg ist noch ein Ort originaler jüdischer Geschichte.

Fußnoten

[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 246ff.

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