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Lützowstraße 35-39: Israelitisches Kinderheim

Das Jüdische Kinderheim in Köln war eine Einrichtung mit langer Tradition. Am gestrigen Tag, so teilte Erna Schönenberg ihrem Bruder Julius am 16. September 1940 mit, habe diese soziale Einrichtung in der Lützowstraße ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. „Max und ich waren auch Gäste und fanden die Feier würdig und hübsch.“ Alle Festredner hätten „gut und schön“ gesprochen und einen interessanten Rückblick auf die 50 Jahre der Heimgeschichte gegeben. So sei noch einmal deutlich geworden, „wie schnell die energische Frau Dr. Plato anno dazumal in der aufstrebenden Blütezeit die Mittel zu dem großen Hause beisammen gehabt“ habe. Nun sei das Thema aber leider ein gänzlich anderes. Es gehe nämlich längst um die Existenz des Hauses, und man spreche jetzt „nur die Hoffnung aus, dass das Heim erhalten bleiben möchte“. Zum 80. Geburtstag von Frau Plato sei 1918 noch der Kölner Oberbürgermeister „höchstselbst“ erschienen. - „So ändern sich die Zeiten.“[1]

 

 

Israelitisches Kinderheim

Innerhalb der jüdischen Gemeinde hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Organisationen mit karitativer Zielsetzung gebildet.[1] Um 1900, als die Kölner Gemeinde auf 10.000 Mitglieder angewachsen war und sich stetig weiter vergrößerte, intensivierte sie auch den Ausbau eines eigenen Wohlfahrtswesens. Neben städtische, katholische und evangelische Sozialeinrichtungen trat nun auch ein breites Spektrum jüdischer Organisationen, die sich unterschiedlichen Aufgaben zuwandten und hierbei insbesondere im Bereich der Fürsorge für Kinder und Jugendliche tätig wurden. Diese karitativen Vereine beruhten insbesondere auf dem Engagement von Frauen aus dem jüdischen Bürger- und Großbürgertums Kölns.

Bereits 1890 hatte sich auf Initiative von Julie Plato, der Frau von Dr. Hirsch Plato, dem Rabbiner der orthodoxen Gemeinde, ein Frauenverein gegründet, der in angemieteten Räumen in der Rubensstraße einen Kindergarten für zunächst 50 Kinder eröffnete. Die vor allem für Kinder armer Familien gedachte Einrichtung wurde nach modernen pädagogischen Vorstellungen geführt. Neben der Kinderbetreuung übernahm der Verein, der orthodoxe wie liberale Mitglieder für seine Ziele vereinigte, in den folgenden Jahren weitere karitative Aufgaben und unterhielt schließlich eine Suppenanstalt für Schulkinder, einen Kinderhort, eine Haushaltungs- und Kochschule für die Schülerinnen der jüdischen Volksschule sowie seit 1900 ein Kinderasyl, also ein Heim, das Kinder für kurze Zeit oder auf Dauer aufnahm. Später kam noch eine Volksküche und ein Säuglingsheim dazu. Da ein 1897 in der Bayardsgasse gekauftes Haus schnell zu klein wurde und die Nachfrage nach Betreuung von Kindern wuchs, entschloss sich der Frauenverein 1907 zur Errichtung eines größeren Kinderheims in der Neustadt. Die Pläne für den Neubau entwarf der Kölner Architekt Alfred Müller-Grah, die Bauausführung übernahm der jüdische Architekt Karl Bing.

Das 1909 eingeweihte Israelitische Kinderheim in der Lützowstraße war ein Zweckbau, der einen von der Straße etwas zurückgesetzten Mittelteil und zwei vorgezogene Flügelbauten umfasste. Die neoklassizistische Fassade war klar gegliedert. Die Innenausstattung des Heims war „einfach, aber gediegen“ ausgeführt und versprach mit seinen großen und hellen Räumen, „Luft und Licht in reichem Maße“. Ausgestattet mit Zentralheizung, Speiseaufzügen und „elektrischer Wäschereieinrichtung“ entsprach der Bau den „Anforderungen der Neuzeit“. Im Erdgeschoss lagen Küche, Volksküche und Kindergarten, im Hochparterre Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Jungen, die Wohnung des Direktors und der Kinderhort. In der ersten Etage waren Schlaf- und Wohnräume für die Mädchen, Näh-und Bügelzimmer, die Lehrküche der Haushaltungsschule und die Räume der Erzieherinnen untergebracht. Die zweite Etage schließlich umfasste das Säuglingsheim, zu dem auch eine große Veranda zählte, und in der Mansarde schließlich befanden sich Isolierräume und Personalzimmer. Spielplätze lagen im Hofgelände hinter dem Haus, auf dem 1920 auch eine eigene kleine Synagoge erbaut wurde. Einige Zeit später wurde das angrenzende Haus Nr. 39 hinzugekauft, um weitere Räumlichkeiten nutzen und Wohnungen für Beschäftigte der Gemeinde einrichten zu können.

In den folgenden Jahren verlagerte sich die Tätigkeit der Einrichtung mehr und mehr auf die eigentliche Funktion als Kinderheim, sodass schließlich kontinuierlich 120 bis 140 Mädchen und Jungen versorgt werden konnten. Aufgenommen wurden jüdische Kinder vom Säuglingsalter an, darunter auch nichtjüdische Kinder bis zum Alter von zwei Jahren. Viele der Kinder, die oft Halbwaisen waren oder schwierigen Familienverhältnissen entstammten, wurden dem städtischen Jugendamt zugewiesen, das dann auch für die Unterhaltskosten aufkam. Der Großteil der Kosten wurde jedoch von der Synagogen-Gemeinde selbst getragen und durch Spenden finanziert.

Die meisten Kinder des Heims besuchten die städtische jüdische Volksschule, die seit 1922 in unmittelbarer Nähe lag. Ziel der Heimerziehung war eine praktische Ausbildung - Jungen wurden auf kaufmännische oder handwerkliche Berufe vorbereitet, Mädchen in Hauswirtschaft und Schneiderei ausgebildet. Bis 1933 war das Israelitische Kinderheim mit seinem soliden Erziehungsprogramm und seiner guten Ausstattung eine weit über Köln hinaus geschätzte Sozialeinrichtung.

Nach 1933: Handwerkerschule und Gettohaus

1933 wurde die Situation des Heims rasch sehr schwierig. Während die finanziellen Mittel der Gemeinde rapide abnahmen, stieg die Zahl bedürftiger Kinder stark an. Hinzu gesellten sich umfangreiche neue wichtige Aufgaben. Da für jüdische Jugendliche nun kaum noch Lehrstellen in Betrieben nichtjüdischer Besitzer fanden, mussten möglichst schnell neue Wege für ihre Ausbildung gefunden werden. 1936 begann die jüdische Gemeinde daher, eine eigenständige Berufsausbildung aufzubauen, die zugleich auf eine Auswanderung vorbereiten sollte. Zunächst wurde ein einjähriger Ausbildungskurs als Vorlehre eingerichtet, ab 1937 gab es dann eine spezielle Handwerkerschule, in der Jungen eine volle Lehre als Maschinenschlosser oder Tischler absolvieren konnten, während Mädchen in hauswirtschaftlichen Fächern und in Schneiderkursen unterrichtet wurden. Als Lehrwerkstätten entstanden im Hof des Kinderheims eine Schlosserei und im Israelitischen Lehrlingsheim in der Utrechter Str. 6 eine Tischlerei. Die Kurse wurden nicht nur von Kölner Jugendlichen besucht, sondern viele Teilnehmer kamen aus dem weiteren Umland. Sie wohnten sowohl im Kinderheim al auch im anliegenden Haus Lützowstraße 39 sowie weiteren für sie eingerichteten Unterkünften.

Während des Pogroms 1938 wurden die Gebäude Lützowstraße 35-39 zwar nicht verwüstet, allerdings beschlagnahmten die Behörden große Teile des Mobiliars. Dennoch konnten Kinderheim und Werkstätten ihre Tätigkeit zunächst weiterführen. Mit 200 Lehrlingen - 135 Jungen und 65 Mädchen - erreichte die Handwerkerschule im Zeichen der Emigration erst 1940 ihre höchste Auslastung. Um 1940/41 musste auf Anordnung der Kölner Gestapo zunächst weiteres Mobiliar abgegeben werden, bis das Gebäude im März 1941 schließlich mit seiner gesamten Innenausstattung beschlagnahmt wurde.

Während das Nebenhaus Nr. 39 von den Behörden als sogenanntes „jüdisches Altersheim“ und somit als Gettohaus genutzt wurde, wies man Kinder und Betreuer des Kinderheims in das Gettohaus Cäcilienstraße 18-22 ein und deportierte sie von dort aus im Juli 1942 nach Minsk, wo alle Insassen des Transports - mehr als 1.000 Menschen - kurz nach der Ankunft in Minsk ermordet wurden.

In den geräumten Häusern richteten die Behörden Unterkünfte für den Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD) ein. 1942/43 wurde das Gebäude des Kinderheims von der NS-Volkswohlfahrt Berlin erworben. Der durch Bomben stark beschädigte Komplex wurde in den 1950er Jahren abgebrochen, das Areal neu bebaut.

Fußnoten

[2] Erna Schönenberg an Bruder Julius Kaufmann, 16.9.1940. Sie zählten zu den geladenen Gästen, weil Max Schönenberg seit Kriegsbeginn nach eigener Darstellung als „ärztlicher Berater des Kinderheims“ fungierte. (Max Schönenberg an Schwager Julius Kaufmann, 13.10.1940.)

[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, jüdisches Köln, S. 211ff.

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