Ehrenfeldgürtel 134 und 136: Gettohäuser
Um 1924 kaufte der jüdische Ingenieur und Bauunternehmer Dr. Adolf Fruchtländer das bereits 1907 entstandene Mehrfamilienhaus Nr. 138 und ließ einige Jahre später die Häuser Nr. 134 und 136 errichten.[1] Die Bauausführung übernahm eine Firma, an der er selbst als Gesellschafter beteiligt war und die 1927 auch maßgeblich am Bau der Synagoge in der Körnerstraße mitwirkte. Fruchtländer selbst lebte mit seiner Frau Eva im Haus Nr. 138, später in der Nr. 136.
Nachdem in den Häusern zunächst vor allem nichtjüdische Mieter gewohnt hatten, zogen seit Mitte der 1930er-Jahre vermehrt jüdische Bewohner ein, die man aus ihren bisherigen Wohnungen verdrängt hatte. Unter ihnen befand sich auch der Allgemeinmediziner Dr. Albert Grödel, der viele Jahre im Haus Schirmerstr. 40 gelebt und praktiziert hatte und nun versuchte, auch an seinem neuen Wohnsitz eine kleine Praxis aufzubauen und zu unterhalten.
Um 1935 verkaufte Adolf Fruchtländer das Haus Ehrenfeldgürtel 138 an einen nichtjüdischen Arzt und emigrierte 1938/39 mit seiner Frau nach London. Wie ihnen gelang um 1939 nur noch drei weiteren bisherigen Mietern des Hauses die Emigration. Ab 1940 wurden die im Besitz Fruchtländers verbliebenen Häuser Nr. 134 und 136 von der Kölner Stadtverwaltung als Gettohäuser genutzt, in denen viele Menschen unter immer unwürdigeren Umständen eng zusammengedrängt leben mussten - dabei in wirtschaftlicher Not und ohne Hoffnung auf Flucht oder Emigration. Die genaue Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner ist nicht mehr festzustellen, doch sind allein für das Jahr 1941 die Namen von fast 50 jüdischen Bewohnern bekannt.
Als bekannt wurde, wer der ersten, auf den 21./22. Oktober 1941 festgelegten Deportation zugeteilt werden sollte, nahmen sich innerhalb weniger Tage mindestens 37 Menschen das Leben - unter ihnen sieben Bewohner des Hauses Ehrenfeldgürtel 136.
Mit diesem ersten und dem wenige Tage später folgenden Transport wurden insgesamt 23 Bewohner der beiden Häuser ins Getto nach Litzmannstadt verschleppt, von wo die meisten von ihnen im Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno gebracht und dort ermordet wurden.
Unter den dorthin Deportierten befand sich auch Albert Grödel. Nachdem er dort zunächst als Mediziner gearbeitet hatte, wurde er schließlich im Juli 1944 als begleitender Arzt einem Transport von 700 Menschen zugeteilt. Damit verliert sich seine Spur. Das Ziel des Transports ist ungeklärt, der Sterbeort Albert Grödels nicht zu ermitteln.
Sechs weitere Bewohner wurden im Dezember 1941 nach Riga deportiert, während etwa zur gleichen Zeit zwei Ehepaare in andere Kölner Gettohäuser verlegt wurden. Damit hatten beide Häuser vermutlich schon Ende 1941 keine jüdischen Bewohner mehr. Soweit bekannt, überlebte niemand der Deportierten die Lager.
Im Mai 1942 wurde Adolf Fruchtländer schließlich offiziell enteignet, womit die Häuser Nr. 134 und 136, - „bisheriger Eigentümer Dr. Ing. Fruchtländer (Jude)“ - auf das Oberfinanzpräsidium Köln als Vertreter des Deutschen Reichs übergingen. Nach 1945 wurde ihm sein Eigentum zurückerstattet.