Der Kulturbund Rhein-Ruhr, der 1935 bereits insgesamt 5.000 Mitglieder - davon allein 1.600 in Köln - und 191 Festangestellte zählte, und bis 1934 schon 205 Veranstaltungen - darunter viele Eigenproduktionen - organisiert und durchgeführt hatte, wurde zu einem bedeutenden lokalen Wirtschaftsfaktor, von dem auch die jüdischen Handwerker der Region profitierten. Er umfasste neben Köln die Spielorte Aachen, Bochum, Bonn, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Krefeld, Wuppertal, nach 1934/35 auch Dortmund und Düren. Die Aufführungen in Köln fanden bis Mitte der 1930-Jahre zumeist in der Bürgergesellschaft am Appellhofplatz und in der Rheinlandloge, danach nur noch in letzterer statt.
Der Kulturbund war zugleich ein wichtiges Medium jüdischer Selbsthilfe und Selbstfindung, denn die Arbeitsbeschaffung bot neben finanzieller Absicherung auch die Chance auf eine Überwindung der seelischen Depression, die gerade die Künstler seit 1933 ergriffen hatte. Camilla Spira schrieb im Oktober 1936 in den Mitteilungen des Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr: „Ich möchte beinahe sagen, für uns Schauspieler ist heute unsere Arbeit das geworden, was wir früher Ferien nannten. Wir gehen heute an unsere Engagements mit den liebevollsten Vorbereitungen heran. Wir sprechen schon wochenlang im Flüsterton von der ‚eventuellen Möglichkeit‘, einmal wieder spielen zu dürfen, und sehnen die Tage der Proben herbei.“
Dem jüdischen Publikum sollte in Zeiten der Not und Bedrückung etwas Freude und Ablenkung geboten werden - so, wie es Erna Schönenberg mehrfach in ihren Briefen zum Ausdruck brachte. Im Rahmen der nach 1933 auf allen Gebieten einsetzenden jüdischen Identitätssuche wurde auch die Frage nach einer spezifisch jüdischen Kunst, nach einem jüdischen Theater, nach jüdischer Musik und Malerei immer eindringlicher gestellt. Die Verbundenheit zum europäisch-deutschen Kulturkreis wurde dabei von den Protagonisten jedoch zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt.
Der Jüdische Kulturbund Rhein-Ruhr, dessen Schwerpunkt eindeutig auf der Theaterarbeit lag, widmete sich besonders intensiv der Förderung einer dramaturgischen Produktion, die bevorzugt jüdische Themen aufgriff. Eine der beliebtesten Schauspielerinnen war die bei den städtischen Bühnen entlassene Friedl Münzer. Zu Höhepunkten einer Rückbesinnung auf jüdische Werte und jüdische Geschichte wurden etwa die Aufführung von Julius Wolffsohns „Joseph ben Matthias" im Jahr 1934 und zwei Jahre später die Inszenierung von Max Brods „Reubeni, Fürst der Juden" aufgenommen, die sogar vom Theater „Habima" in Tel Aviv übernommen wurde.
Die Organisation war allerdings zunehmend von einem erheblichen Mitgliederschwund infolge von Auswanderung und einer dramatischen Verknappung der finanziellen Mittel betroffen. Parallel zu dieser Entwicklung schränkten staatliche und kommunale Instanzen die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten für Jüdinnen und Juden immer weiter ein. Dennoch ist der Jüdische Kulturbund Rhein-Ruhr seinem Anspruch, Sinnstiftung in schwerer Zeit zu leisten, stets gerecht geworden.
Dabei unterlag er der strikten Kontrolle der NS-Behörden, musste für jede seiner Veranstaltungen doch die Genehmigung des zuständigen Ministeriums in Berlin einholen und das monatliche Programm zur Genehmigung beim Kölner Polizeipräsidium einreichen. Beauftragte der Gestapo oder der NSDAP kontrollierten ständig die einzelnen Veranstaltungen.
Neben Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet gab es weitere bedeutende Bünde in Hamburg und in München, die sich 1936 zum „Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland“ zusammenschlossen. Ende 1938 wurden nach dem Pogrom alle regionalen jüdischen Kulturbünde aufgelöst zum „Jüdischen Kulturbund in Deutschland“ zusammengefasst. Damit war auch die Existenz des Kulturbundes Rhein-Ruhr beendet. Die Büroräume im „Disch-Haus“ hatte der Kulturbund schon Anfang 1938 räumen müssen, nachdem die Stadt Köln das Gebäude erworben hatte, um darin vor allem städtische Dienststellen unterzubringen. Daraufhin verlegte er seine Verwaltungsstelle in die Ehrenstraße 80-82, bis deren Büroräume während des Pogroms im November 1938 verwüstet wurden.
In den nächsten Jahren konnten nur noch wenige jüdische Kulturveranstaltungen in Köln organisiert werden. Wie wichtig sie dennoch blieben, verdeutlicht eine Aussage von Erna Schönenberg aus dem März 1940, als sie gemeinsam mit ihrem Mann erstmals seit einem dreiviertel Jahr wieder einmal ein Konzert des Kulturbundes im „vollbesetzten Gemeindesaal“ in der Cäcilienstraße besucht hatte: „Schließlich sind wir ja doch noch nicht gestorben und haben einigen Hunger nach etwas Geistigem“. Außerdem boten derartige Veranstaltungen die seltene Gelegenheit, die zunehmende Isolation zumindest für kurze Zeit zu durchbrechen. „Und da erlebten wir alle dasselbe: daß noch immer so viel Menschen hier sind, und man so viel bekannte Gesichter sieht.“[2]
Am 11. September 1941 wurde der gesamtdeutsche Verband aufgelöst, dessen Veranstaltungstätigkeit beendet und sein Eigentum beschlagnahmt. Damit verlor die jüdische Bevölkerung eine ihrer letzten Möglichkeit zu etwas Unterhaltung.