Beethovenstraße 16: Gettohaus
1930 gab es in der Beethovenstraße 30 Häuser, von denen vermutlich fünf jüdische Besitzer hatten. Drei dieser Gebäude, Haus Nr. 3, Nr. 8 und Nr. 16, wurden 1941 zu Gettohäusern umfunktioniert, alle übrigen Häuser der Straße hatten nach 1938 fast ausschließlich nichtjüdische Bewohner.
Nachdem Familie Carlebach um 1937 ihre Wohnung in der Beethovenstraße 6 aufgegeben hatte, zog sie in das nur wenige Schritte entfernte Haus Nr. 16, das der Familie van Cleef, den Verwandten Sara Carlebachs, gehörte.[1] Das ursprüngliche dreigeschossige Gebäude mit großzügigen Wohnungen war als eines der ersten Häuser in der Straße um 1894 errichtet worden und befand sich seitdem im Besitz der Brüder Hermann und Isaac van Cleef, den Inhabern der Metallgroßhandlung Gebr. van Cleef. Während Hermann van Cleef und seine Familie selbst im Haus lebten, in dem sich zudem der Sitz der Firma befand, bewohnte die Familie seines Bruders eine repräsentative Villa am Sachsenring. Beide Brüder waren engagierte Mitglieder und finanzielle Förderer der Gemeinde Adass Jeschurun. So trug Hermann zur Ausstattung der Synagoge in der St.-Apern-Straße bei, während Isaac van Cleef sich um 1910 für die Einrichtung des orthodoxen Friedhofs in Deckstein einsetzte und sich zudem für die Schulen „Jawne“ und „Moriah“ engagierte.
Um 1930 waren die großen Wohnungen des Hauses an wenige, fast ausschließlich nichtjüdische Familien vermietet. Im Erdgeschoss befand sich außerdem ein kleiner Lebensmittelladen. Diese Situation blieb in den folgenden Jahren im Wesentlichen unverändert und auch zu Zeit des Einzugs von Familie Carlebach weiterhin Bestand. Diese hatte Mitte der 1930er Jahre begonnen, über ihre Emigration nachzudenken. Um die Lebensbedingungen in Palästina kennenzulernen, reiste David Carlebach nach Palästina. Als während eines zweiten Aufenthalts dort im November 1938 in Deutschland die Pogrome wüteten, konnte er nicht mehr nach Köln zurückkehren, da ihm dort die Verhaftung drohte. Seine Frau Sara folgte ihm mit den sieben Kindern Anfang 1939 nach Palästina. Bis zu seinem Tod 1952 war Dr. David Carlebach in Jerusalem als Lehrer tätig. Sara Carlebach starb 1977.
Das Haus Beethovenstraße 16 erbten, nachdem Hermann van Cleef 1936 gestorben war, dessen Kinder und sein Bruder, die aber sämtlich um 1938/39 emigrierten. 1941 schließlich entschieden die städtischen Behörden, das Gebäude zur Gettoisierung der jüdischen Bevölkerung zu nutzen, woraufhin das Gebäude innerhalb weniger Wochen wurde zu einem der größten „Judenhäuser“ der Neustadt und ganz Kölns wurde. Es zählte zu den sogenannten „jüdischen Altersheimen“, in die vor allem ältere Menschen eingewiesen wurden. Für die meisten von ihnen - bisher sind die Namen von etwa 200 Menschen bekannt - war „Beethovenstr. 16“ die letzte Kölner Adresse vor ihrer Deportation. Das Lebensmittelgeschäft im Erdgeschoss, das von einer nichtjüdischen Geschäftsfrau geführt wurde, existierte offenbar trotz der Umfunktionierung des Hauses weiter.
Unter den Bewohnern, die in extremer Enge im Haus leben mussten, war auch das Ehepaar Dr. Samuel und Erna Kleemann, über deren Schicksal erst Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges ein fast unglaublicher Fund näheren Aufschluss gab: 1986 entdeckte man bei Renovierungsarbeiten in der Wohnung eines Hauses in Frankfurt a. M. hinter einer Wandverkleidung ein Konvolut aus Fotos, Briefen und Notizen, die das jüdische Ehepaar Elise und Meier Grünbaum unmittelbar vor seiner Deportation 1942 hier versteckt hatte. Unter den Dokumenten fanden sich fünf Briefe aus Köln an das Ehepaar Grünbaum, die von Erna und Samuel Kleemann, dem Bruder von Elise, verfasst worden waren und in den über die Lage im Haus und in der Stadt berichtet wurde, bevor Samuel Kleemann am 5. Mai 1942 in Köln, seine Frau dann am 14. Juli 1942 in Theresienstadt starben.
Auch viele weitere Bewohner des Hauses Beethovenstraße 16 hatte man im Juni 1942 nach Theresienstadt verschleppt, weitere wurden den folgenden Deportationen zugeteilt. Die vermutlich letzten Bewohner gehörten zu einem Transport, der im Januar 1943 nach Theresienstadt und Auschwitz führte. Das Haus selbst wurde im weiteren Krieg des Krieges völlig zerstört.
Fußnoten
[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 240ff.