Thieboldsgasse 102 und 112: Zwei Beispiele
Im Folgenden werden zwei Familien vorgestellt werden, die mit Blick auf Herkunft, Beruf und Schicksal als für das Viertel rund um Griechenmarkt und Thieboldsgasse als typisch gelten können.
Thieboldsgasse 102
Im Haus Thieboldsgasse 102 wohnte einige Jahre lang Familie Ziegellaub.[1] Juda Moses Ziegellaub wurde 1888 in Ostgalizien, damals Österreich, später Polen, geboren. Als junger Mann verließ er die Familie, um in die USA auszuwandern, entschloss sich jedoch während der Reise, in Deutschland zu bleiben. Er ließ sich in Köln nieder und heiratete um 1907 Rachel Landesberg, die ebenfalls aus Ostgalizien stammte und mit ihrer Familie bereits seit der Jahrhundertwende in Köln lebte. Moritz, wie er sich nun nannte, und Rachel Ziegellaub kamen aus streng orthodoxen Familien und versuchten, ihre religiösen Traditionen weiterzuführen.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, an dem Moritz Ziegellaub als Soldat der österreichischen Armee teilgenommen hatte und schwer verwundet worden war, kehrte er nach Köln zurück, zog mit seiner Familie in die Thieboldsgasse 102 und eröfif-nete hier um 1924 ein Schuhgeschäft. Das Gebäude, das wie viele Häuser dieser Gegend aus Vorder- und Hinterhaus bestand und in kleine Wohnungen eingeteilt war, hatte einen nicht jüdischen Besitzer und meist nicht jüdische Mieter, als deren Berufe das Adressbuch Schuhmacher, Anstreicher, Glaser, Tagelöhner, Maurer und Fuhrmann verzeichnet. Um 1916 wohnte hierauch der Schächter der orthodoxen Gemeinschaften, Pinkas Neugeboren.
Trotz Wirtschaftskrise entwickelte sich das Geschäft gut, sodass das Ehepaar mit nun sieben Kindern 1932 in eine bessere, aber nicht weit entfernte Wohnung in der Rubensstraße umziehen konnte. Die Ziegellaubs fühlten sich wohl in Köln und hatten sich auf ein dauerhaftes Bleiben eingerichtet, waren aber keine deutschen Staatsbürger geworden.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten glaubten Moritz und Rachel Ziegellaub zunächst an ein baldiges Ende des neuen Regimes, dennoch ließen sie zwei ihrer Kinder 1935 nach Palästina emigrieren. Eine weitere Tochter zog mit Ehemann nach Belgien. Sie selbst blieben mit den anderen Kindern in Köln, bis Moritz Ziegellaub mit einem der Söhne in der »Polenaktion« im Oktober 1938 nach Polen deportiert wurde und man im kurz darauffolgenden Pogrom ihre Wohnung verwüstete. Rachel floh mit drei der Kinder nun illegal nach Brüssel, wohin bald auch ihr Mann und Sohn aus Polen kommen konnten. Rachel Ziegellaub und Tochter Malli starben in Brüssel, Moritz Ziegellaub und die Kinder Hermann, Max und Sophie wurden deportiert und ermordet. An sie erinnern Stolpersteine.
Thieboldsgasse 112
Einige Häuser weiter - heute steht hier ein kleines Wohnhaus mit Vorgarten - wohnte Familie Kentof. Bernhard Wolf Kentof und Esther Sara, die um 1905 heirateten, waren einige Jahre zuvor, vermutlich zusammen mit Familienangehörigen, aus Polen nach Köln gekommen. Zunächst arbeitete Bernhard Kentof als Knochen-, Lumpen- und Metallwarenhändler, bis er sich um 1910 in der Thieboldsgasse 112 als Altwarenhändler niederließ. Kurz darauf eröffnete er hier eine Ofen- und Herdhandlung. Nachdem er früh gestorben war, musste Esther S. Kentof allein für den Unterhalt ihrer sieben Kinder und ihrer in der Familie lebenden Mutter Mariyam Pinsker sorgen. Sie führte das kleine Geschäft weiter, stellte bald das Sortiment auf Haushaltswaren um und konnte um 1922 das Haus sogar erwerben.
Während der 1930er Jahre emigrierten die meisten ihrer Kinder nach Palästina, sie selbst blieb jedoch mit Tochter Siddy, die das Geschäft inzwischen gemeinsam mit ihr führte, und ihrer Mutter in Köln. Während des Novemberpogroms wurden nicht nur Laden und Wohnung zerstört, sondern Siddy Kentof wurde misshandelt und mit Verletzungen in das Polizeirevier am Weidenbach gebracht, aufgrund des Einsatzes nichtjüdischer Nachbarn aber bereits einige Stunden später wieder freigelassen. Zwei Tage nach dem Pogrom starb Mariyam Pinsker im Alter von 81 Jahren. Bald darauf verkaufte Esther S. Kentof das Haus und floh mit ihrer Tochter nach Belgien, um über Antwerpen die USA zu erreichen. Während Siddy rechtzeitig entkommen konnte, gelang ihrer Mutter die Ausreise vor dem Einmarsch der deutschen Truppen nicht mehr. Sie wurde nach Bergen-Belsen deportiert und dort ermordet.