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Chile

Chile zählte neben Argentinien, Brasilien und Uruguay zu den bevorzugten Exilländern Lateinamerikas.[1] Über 13. 000 deutschsprachige jüdische Flüchtlinge emigrieren insbesondere in den Jahren 1937 bis 1939 dorthin. Günstige wirtschaftliche Bedingungen, insbesondere in der Textilindustrie, und ein gutes Fürsorgenetz dort aktiver jüdischer Einrichtungen erleichterten deren Integration. Auch wenn ihnen die Anerkennung ihrer akademischen Abschlüsse verweigert wurde und sich daher viele gezwungen sahen, als Hausangestellte, Verkäufer oder Büroangestellte ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gelang es den meisten, ihren sozialen Status zu stabilisieren. Neben kulturellen und religiösen Einrichtungen gründeten Emigranten 1943 die Exilzeitung „Deutsche Blätter.“

Die chilenische Flüchtlingspolitik lässt sich in zwei Phasen aufteilen: Die erste unter der konservativen Regierung von Präsident Arturo Alessandris währte bis zum Herbst 1938 und war von einer mehrfachen Verschärfung der Asylgesetzgebung gekennzeichnet. Einerseits stellte diese Politik ene Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise dar und wurde mit dem Schutz des heimischen Arbeitsmarktes begründet. Es war jedoch unverkennbar, dass restriktive Bestimmungen wie die Quotierung der jüdischen Immigration und die berufliche Beschränkung auf Landwirte eindeutig rassistische Tendenzen aufwiesen, war doch bereits 1933 eine Einwanderungsbeschränkung der „semitischen Rasse“ beabsichtigt gewesen. 1937 erfuhr die Gesetzgebung eine neuerliche Verschärfung, nach der nun nur noch Verwandte ersten Grades von bereits in Chile lebenden Ausländern Visa erhalten sollten.

Die zweite, von 1938 bis 1941 dauernde Phase wurde von der neuen Volksfrontregierung unter Präsident Pedro Aguirre Cerda geprägte und stand für eine großzügige, liberale Handhabung der Asylgesetzgebung, die sich - nicht nur - in Chile insbesondere von der Einwanderungspraxis der USA unterschied. Das führte dazu, dass das Land zum Ende der 1930er- Jahre als vorbildlich in seiner Haltung gegenüber Immigrantinnen und Immigranten galt und gar als „Einwanderungsparadies Chile“ bezeichnet wurde. Im lateinamerikanischen Vergleich nahm die Andenrepublik unter diesen Bedingungen proportional zur Einwohnerzahl die größte Zahl an Flüchtlingen auf. Zumindest für einen kurzen Zeitraum gab die chilenische Volksfrontregierung damit eine passende Antwort auf die desaströsen Ergebnisse Flüchtlings-Konferenz von Evian im Sommer 1938.

Das blieb innenpolitisch jedoch nicht ohne Widerstände. Die jüdische Immigration wurde seitens des seit 1938 verstärkt auftretenden „Movimiento Nacionalsocialista de Chile“ (MNS) und seinen „Führer“ Jorge González von Marées politisch instrumentalisiert. Bereits 1940 wurde so der Rücktritt des Außenministers der Volksfrontregierung erzwungen. Immer neue antisemitische Vorurteile lebten auf, die politisch diskussionsfähig gemacht wurden und in der Presse unter Schlagzeilen wie „Chile den Chilenen“ weite Verbreitung fanden. Das alles mündete in der Wahnidee einer „jüdisch-kommunistischen Weltverschwörung“, womit das MNS seine politische Absicht erreichte, eine antisemitische Stimmung in der Bevölkerung zu schüren.

Der politische Druck der „Anti-Immigrationskampagne“ zwang die Volksfrontregierung schließlich, ein Zeichen zu setzen: Mitte 1940 verhängte sie einen Einwanderungsstopp, womit ihre humanitär begründete Asylpraxis politischer Interessenspolitik der nationalistischen Rechten zum Opfer fiel.

Fußnoten

[1] Heimat und Exil, S. 153 und Wojak, Ausharren, passim.

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