Bolivien
Bolivien war wahrlich kein Traumziel für potentielle Auswanderer dar.[1] Das Land war das wohl ärmste in Südamerika, war wenig urbanisiert, verfügte über eine entsprechend geringe Infrastruktur und hatte keinen direkten Zugang zum Meer. Außerdem hatte es gerade einen zwischen 1932 und 1935 mit Paraguay ausgetragenen Krieg und damit große Gebiete verloren. Obwohl formal eine Republik, war das Land seit 1936 politisch zudem eine Militärdiktatur.
Bis dahin entsprechend wenig als Emigrationsziel beachtet, stieg die Attraktivität des Landes für Auswanderer ab 1938 aufgrund zahlenmäßig rapide abnehmender Alternativen deutlich. Da Bolivien - neben Ecuador - nach 1938 der einzige Staat war, das der noch großzügig Einreisevisa ausstellte, kamen in der Folge geschätzt zwischen 6.000 und 8.000 Flüchtlinge ins Land. Bereits vor Kriegsende wanderte rund ein Drittel von ihnen aber in Staaten mit besseren Lebensbedingungen wie Chile, Argentinien, Uruguay und vor allem die USA ab. 1945 befanden sich schließlich noch rund 4.800 jüdische Emigranten im Land, von denen aber auch nur ein kleiner Teil dauerhaft blieb.
Es war gerade die problematische Lage des Landes, die die Machthaber dazu bewog, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, als die meisten anderen Staaten dazu übergingen, ihre Einreisebedingungen deutlich zu verschärfen. Das wirtschaftlich geschwächte Land wollte verstärkt Einwanderer ansiedeln, die mit ihrem Wissen, Können und Kapital das Land erschließen und so voranbringen sollten. Dabei war man insbesondere an Menschen mit landwirtschaftlicher Kompetenz interessiert. Über genau die verfügten die meisten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Jüdinnen und Juden aber gerade nicht. Sie waren keine Bauern, sondern arbeiteten in Handel und Handwerk, boten Dienstleistungen an oder kamen aus akademischen Berufen. Damit zählten sie überwiegend zur städtischen Mittelschicht, die es in Bolivien kaum gab. Obwohl ihnen das kaum unbekannt gewesen sein dürfte, stellten die meisten bolivianischen Vertretungen in Europa 1938/39 bereitwillig Einreisevisa aus, wobei es in der Regel ausreichte, wenn die Antragstellerinnen und Antragsteller erklärten, dass sie in der Landwirtschaft zu arbeiten beabsichtigten. Nachweise über entsprechende Qualifikationen wurden praktisch nie verlangt. So verwundert es kaum, dass etwa ein Versuch der landwirtschaftlichen Ansiedlung von 35 Familien kläglich scheiterte.
Hinzu kam, dass - wie wohl auch Angehörige der Botschaften und Konsulate anderer Staaten - einige bolivianische Diplomaten versuchten, von der verzweifelten Lage der jüdischen Bevölkerung zu profitieren und zum horrenden Preis von 1.500 US-Dollar gefälschte oder nichtautorisierte Visa verkauften. Immerhin reisten rund 3.000 Flüchtlinge mit solchen Visa aus, bis diese „Dokumente“ im Mai 1939 schließlich für ungültig erklärt wurden. Im Unterschied zu anderen Ländern erkannten die bolivianischen Einreisebehörden diese falschen Visa nach Intervention der HICEM aber immerhin an und ließen monatlich 400 von deren Besitzern ins Land. Das man in Bolivien aber auf eine derart große Einreisewelle überhaupt nicht vorbereitet war, gab es staatlicherseits weder Aufnahmelager noch sonstige Hilfen und entsprechendes Chaos und prekäre Lebensbedingungen der zumeist mittel- und arbeitslosen Eingereisten.
Insgesamt wird geschätzt, dass bolivianische Konsulate in Europa und anderswo zwischen 1937 und 1940 rund 12.000 Einreisevisa für Flüchtlinge ausstellten. Nicht alle nahmen sie letztlich in Anspruch - entweder, weil sich inzwischen attraktivere Fluchtziele geöffnet hatten, sie von den dortigen Zuständen und der Ungültigkeit der Einreisepapiere erfahren hatten oder sie aus politischen, verkehrstechnischen, finanziellen oder anderen Gründen gar nicht mehr den Weg nach Bolivien fanden. Die Zahl derer, die tatsächlich nach Bolivien einreisten, wird auf etwa 10.000 angesetzt.
Bei allen Problemen gilt es nach wie vor zu betonen, dass Bolivien in den Jahren 1938/39 bis 1941/42 weltweit eines der ganz wenigen Länder war, das deutschen Jüdinnen und Juden - etwa durch das bolivianische Konsulat in Hamburg - Einreisevisa erteilte. und zumindest für den Zeitraum von Sommer 1938 bis Sommer 1939 sogar - wohl neben Shanghai - das einzige Land war, in das jüdische Flüchtlinge ohne größere Schwierigkeiten einreisen konnten.