Ausreiserouten
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs gab es noch vergleichsweise zahlreiche Möglichkeiten, das Reichsgebiet zu verlassen. Das Hauptproblem bestand allerdings darin, zum richtigen Zeitpunkt die passende Route zu wählen, da sowohl die NS-Regierung als auch die potenziellen Aufnahmeländer die Richtlinien ihrer Ausreise- und Einreisepolitik häufiger änderten.
Im Normalfall reichte das Visum eines Aufnahmelandes, um an die notwendigen deutschen Ausreisepapiere zu gelangen. So stellte die britische Regierung bis 1937 Kontingente für die Einwanderung nach Palästina zusammen, auch südamerikanische Staaten und Südafrika nahmen unter bestimmten Voraussetzungen jüdische Flüchtlinge auf. In allen drei Fällen war eine Schiffspassage nötig, um in die Aufnahmeländer zu gelangen.
Ausreise in die Nachbarländer
Viele der Verfolgten suchten zunächst Schutz in den Nachbarländern des Deutschen Reiches, wo sie nicht selten Unterkunft bei Freunden oder Verwandten finden konnten. Sie reisten entweder mit der Bahn oder überquerten die „Grüne Grenze“ illegal. Neben Palästina waren zunächst die westlichen Nachbarstaaten des Deutschen Reiches – vor allem Frankreich, Holland, England und Belgien - die Hauptziele jüdischer Emigration.[1] Diese erfolgte oft schnell und ohne Rücksicht auf die zumeist komplizierten und restriktiven Aufnahmebestimmungen der Einreisestaaten, in denen angesichts der gerade erst abklingenden Weltwirtschaftskrise die Angst vor Arbeitslosigkeit weiterhin sehr ausgeprägt war. Einige Länder, wie etwa Großbritannien, nahmen im Laufe der Zeit nur noch bestimmte Berufsgruppen auf – beispielsweise Wissenschaftler, landwirtschaftliche Arbeiter oder Hausangestellte. Solche Restriktionen führten dazu, dass es von Beginn an neben offiziell genehmigten Einreisen auch eine illegale Fluchtbewegung ins westeuropäische Ausland gab, die zumeist von – meist kommerziellen - Fluchthelfern organisiert wurde und über die grüne Grenze erfolgte.
Es ist schwierig, konkrete und verlässliche Zahlen zu den seit 1933 ins westeuropäische Ausland Geflüchteten zu ermitteln. Da sie in der frühen Zeit des NS-Regimes häufig noch auf eigene Initiative handelten, wurden sie von keiner Statistik erfasst. Aber allein für 1933 schätzte die Reichsvereinigung die Zahl der nach Westeuropa ausgewanderten deutschen Jüdinnen und Juden auf 36.000. Rund 14.000 von ihnen nutzten die deutschen Nachbarstaaten dabei aber lediglich als Transitland, um von dort weiter nach Palästina oder Übersee zu emigrieren. Etwa 6.000 dieser Auswanderer wurden vom Hilfsverein der deutschen Juden unterstützt. Im Laufe des Jahres nahm die Zahl der Menschen, die in den europäischen Nachbarländern Zuflucht suchten, aber bereits wieder deutlich ab.
Insbesondere die Niederlande und Belgien wurden von jenen als (erstes) Zufluchtsland gewählt, die das Reichsgebiet aufgrund unmittelbar drohender Gefahr besonders schnell verlassen mussten, obwohl ihr eigentliches Ziel viel weiter entfernt lag. In die USA aber konnte man nicht ohne gültiges Visum und damit keinesfalls illegal einreisen. Daher sahen viele Emigranten das westeuropäische Ausland zunächst vor allem als Zwischenstation, um auf die notwendigen Einreisepapiere zu warten. Insgesamt wählten allein 30.000 bis 35.000 von ihnen die Niederlande hierfür aus, weil die Visumpflicht dort 1926 abgeschafft worden und daher eine relativ problemlose Einreise möglich war, bis Anfang 1938 ein Aufnahmestopp verfügt wurde. Das bekamen dann insbesondere jene Jüdinnen und Juden zu spüren, die aufgeschreckt und verängstigt aus dem ans Reichsgebiet „angeschlossenen“ Österreich an die deutsche Westgrenze hasteten, um dem NS-Regime zu entkommen. Wenn sie dort dann ohne gültige Papiere aufgegriffen wurden, drohte ihnen die Abschiebung nach Deutschland.
Erst nach dem Pogrom im November des Jahres gestattete die niederländische Regierung wieder 7.000 jüdischen Verfolgten die Einreise – allerdings lediglich in Form von Transitgenehmigungen. Dieser Status war für die Betroffenen naturgemäß hochproblematisch, denn sie konnten sich unter diesen Voraussetzungen nicht niederlassen, waren so von jeder Erwerbstätigkeit ausgeschlossen und damit nicht in der Lage, dauerhaft ihren Lebensunterhalt zu sichern. Stattdessen mussten sie von dem leben, was sie aus Deutschland hatten über die Grenze retten können. Reichte das nicht aus, mussten sie auf die Unterstützung von Verwandten oder einer jüdischen Hilfsorganisation hoffen. Dabei zog sich der Aufenthalt nicht zuletzt aus bürokratischen Gründen häufig in die Länge und wurde unter solchen Umständen für alle Seiten zur wachsenden Belastung.
Reiserouten nach Übersee
Während Auswanderer, die das westeuropäische Ausland als „Sprungbrett“ zur Emigration nach Übersee nutzten, ihre Schiffe dorthin zumeist in Rotterdam, Antwerpen oder Le Havre bestiegen, reisten jene, die ihre Reise direkt aus dem Reichsgebiet antraten hierzu Hamburg oder Bremerhaven, von wo aus die Schiffe der „Hamburg-Amerika-Linie“ und des „Norddeutschen Lloyd“ in Bremen bis zum Kriegsausbruch regelmäßig Richtung der USA ausliefen.[2] Mit Zwischenstation in Southampton oder Liverpool betrug die Reisedauer etwas mehr als eine Woche. Mit Kriegsbeginn war durch den Kriegseintritt Englands und die daher verhängte Seeblockade der Weg über die deutschen Häfen praktisch versperrt, weshalb auch diese Emigranten auf die genannten Abreisehäfen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich auswichen, wobei sich insbesondere Antwerpen bis zum Überfall der Wehrmacht auf Westeuropa im Mai 1940 zum Zentrum der Auswanderung nach Übersee entwickelte.
Danach verringerten sich die Ausreiseoptionen der Verfolgten dramatisch. Bis Italien im Juni 1940 als Verbündeter des Deutschen Reiches in den Krieg eintrat, hatten die dortigen Häfen - insbesondere jene in Triest und Genua, aus denen regelmäßig Schiffe vor allem nach Palästina, aber auch nach Übersee ablegten - noch Möglichkeiten zur Ausreise geboten. Jüdische Institutionen wie die „Jewish Agency“ organisierten auch Transporte mit der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft über Rumänien nach Palästina. Der weite Weg nach Asien, wo Shanghai als „offene“ Stadt keine Visa verlangte, führte per Transsibirischer Eisenbahn über eine anstrengende Landroute oder über eine langwierige Schiffspassage. Nachdem deutsche Unternehmen für derartige Fahrten nicht mehr zur Verfügung standen, erteilte der Reichsinnenminister deutschen Schifffahrtslinien im Herbst 1940 die Genehmigung, für ihre Kundschaft auch Passagen auf ausländischen Linien zu buchen.
Letzter Ausweg: Lissabon
Als letzte „offizielle“ Möglichkeit, Deutschland und Europa per Schiff verlassen zu können, verblieb schließlich bis zum Ausreiseverbot im Oktober 1941 nur noch der Weg, mit der Bahn von Berlin aus über Frankreich und Spanien in die portugiesische Hauptstadt Lissabon zu reisen, um von dort aus nach Übersee zu reisen.[3] Die Stadt war nach der Kapitulation Frankreichs das letzte freie Tor, durch das die vom NS-Regime Verfolgten Europa per Schiff oder Flugzeug verlassen konnten, wodurch es im Winter und Frühjahr 1940/41 immer mehr zu einem riesigen und überfüllten „Wartesaal Europas“ für Flüchtlinge aus dem NS-Machtbereich wurde. Hier fanden seit Juni 1940 auch mehr als 70 deutschsprachige Schriftsteller und Philosophen vorübergehende Zuflucht, unter ihnen Hannah Arendt, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Hans Habe, Franz Werfel sowie Golo und Heinrich Mann.[4]
Nachdem Portugal anfangs sehr moderate Einreiseregelungen gehabt hatte, wurde der Aufenthalt ab 1941 auf 30 Tage begrenzt. Außerdem stellte die Regierung nur noch Transitvisa aus. Außerdem wurden die Flüchtlinge gezwungen, in Gemeinschaftsunterkünften zusammenzuziehen. Immerhin blieb aber eine gewisse Freizügigkeit gewahrt, und die Betroffenen wurden nicht interniert.
Nach dem Zusammenbruch Frankreichs soll Portugal mehr als 10.000 jüdische Flüchtlinge aufgenommen haben. Die Zahl jener, die zwischen Juni 1940 und Mai 1941 das Land zum Transit nutzten, werden auf 40.000 geschätzt; eine zeitgenössische Schätzung nennt für die Jahre 1940/41 sogar eine Gesamtzahl von 50.000 Menschen aller Nationalitäten, für die Lissabon Durchgangsstation auf dem Weg nach Übersee wurde.[5]
Fußnoten
[1] Vgl. zum Folgende u.a. https://juedische-emigration.de/de/emigration/aufnahmelaender/europa-und-palaestina.html (30.8.2021).
[2] Vgl. https://juedische-emigration.de/de/emigration/fluchtrouten/fluchtrouten-ueber-den-atlantik.html (30.8.2021)
[3] Vgl. hierzu ausführlich hierzu von zur Mühlen, Fluchtweg.
[4] Vgl. Christina Heine Teixeira: Wartesaal Lissabon 1941: Hannah Arendt und Heinrich Blücher; in: HannahArendt.net. Zeitschrift für politisches Denken, Ausgabe 1, Band 2 (September 2006). Online unter http://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/99/164 (30.8.2021).
[5] Vgl. Maria Assunção Pinto Correia: Abschied von Europa: Portugal als Exil- und Transitland, S. 27-38, hier S. 37 (https://publications.iai.spk-berlin.de/servlets/MCRFileNodeServlet/Document_derivate_00002133/BIA_051_027_039.pdf - (30.8.2021).