Großbritannien
Großbritannien war nach den USA und Palästina mit bis zu 65.000 jüdischen Flüchtlingen das drittgrößte Aufnahmeland.[1] Aber nicht nur deshalb war das Land für die jüdische Emigration von eminent großer Bedeutung. Großbritannien war nämlich zugleich auch einer der wenigen europäischen Staaten, deren jüdische Auswanderer nicht von der deutschen Besetzung eingeholt wurden.
Die britische Flüchtlingspolitik lässt sich für die Vorkriegszeit in zwei Phasen unterteilen: In den Jahren zwischen 1933 bis weit ins Jahr 1938 hinein wurde die Aufnahmepraxis eher restriktiv gehandhabt.[2] Hiervon waren nur wenige Personengruppen - wie etwa Wissenschaftler oder Hausangestellte - ausgenommen, während die große Mehrheit der Einreisenden lediglich ein vorübergehendes Gastrecht erhielt.
Die zweite Phase setzte dann in der zweiten Jahreshälfte 1938 ein und währte bis zum Kriegsbeginn Anfang September 1939. Insbesondere unter den Eindrücken des Novemberpogroms kam es zu einer deutlichen Liberalisierung der Einreisebestimmungen. Entsprechend groß war der Anteil jener Emigranten, denen ihre Einreise in dieser Phase gelang. Allein von Januar bis zum 3. September 1939 wurden etwa 20.000 Flüchtlinge allein aus Deutschland aufgenommen, während bis zum November 1938 lediglich 5.500 Emigranten beim „Jewish Refugee Committee“ in London gemeldet waren. Hinzu kamen etwa 20.000 Flüchtlinge aus Österreich und weitere 10.000 aus der Tschechoslowakei. Die Einreisegenehmigungen wurden zumeist jedoch nur unter der Bedingung der Weiterwanderung erteilt. Zu den Gruppen, denen die Einreise vorrangig erlaubt wurde, zählten vorrangig jene jüdischen Männer, die nach dem Pogrom in Konzentrationslagern inhaftiert worden waren und erst nach Wartezeiten in ihr endgültiges Einwanderungsland einreisen konnten. Hinzu kamen Frauen und Mädchen, die mit „domestic permits“ Aufnahme als Hausangestellte fanden, und Mitglieder des Hechaluz sowie Jugend-Alijah-Anwärter, die auf ihre Zertifikate zur Weiterwanderung nach Palästina warten mussten. Da es neben Hausangestellten auf der Insel auch Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen gab, eröffnete sich insbesondere für diese jugendlichen Absolventen der Umschulungsbetriebe im Reichsgebiet neben den Siedlungsprogrammen für Palästina und Südamerika eine weitere Perspektive.[3]
Zu den Einwanderern zählten auch jene Tausende von Kindern, die im Rahmen der sogenannten „Kindertransporte“ Aufnahme auf der Insel fanden. Das Geschah unter Aufsicht des eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen „Movement for the Care of Children from Germany“, das noch im November und Dezember 1938 etwa 1.500 Kinder nach Großbritannien brachte. Bis Kriegsbeginn konnten, vermittelt durch die Abteilung „Kinderauswanderung“ der Reichsvertretung (bzw. Reichsvereinigung) der Juden in Deutschland, noch einmal mehr als 4.000 Kinder aus Deutschland folgen, zu denen noch eine unbekannte Zahl von Kindern hinzukam, die direkt von ihren Angehörigen verschickt wurden. Für mehr als 10.000 bei der Reichsvertretung bereits angemeldete Kinder und Jugendliche gab es nach dem 1. September 1939 dann jedoch keine Rettungsmöglichkeit mehr.
Mit dem Kriegsbeginn gingen ab September 1939 generell dramatische Veränderungen in der britischen Flüchtlingspolitik einher. Sämtlichen Personen, die aus dem nunmehr feindlichen Ausland kamen wurde pauschal die Einreise verwehrt, und jene deutschsprachigen Ausländer, die sich bereits in Großbritannien befanden, wurden ab Mai 1940 ungeachtet der Tatsache, ob es sich bei ihnen um NS-Verfolgte oder Sympathisanten des NS-Regimes handelte, als „feindliche Ausländer“ interniert und im Zuge einer sich ausbreitenden regelrechten Hysterie in Teilen sogar in britische Dominions und Kolonien deportiert. Das betraf in erster Linie jüdische Männer unter den rund 30.000 Internierten, von denen rund 8.000 vor allem nach Australien und Kanada transportiert und dort festgehalten wurden. Erst im Juli 1940 wurden solche Verschickungen wieder eingestellt und zugleich auch erste Internierte wieder freigelassen. Es sollte noch bis 1950 dauern, bis die Einbürgerung von rund 50.000 in Großbritannien wohnhaft gewordenen jüdischen Emigranten weitgehend abgeschlossen war.
Fußnoten
[1] Das Folgende nach Heimat und Exil, S. 46, Wasserstein, Ausländer, S. 83ff. und Die jüdische Emigration, S. 249. Es waren nicht zuletzt die Wortführer der anglo-jüdischen Gemeinde, die den Flüchtlingen ab 1933 den Weg zur Einreise ebneten, indem sie dafür bürgten, dass die Emigranten dem Staat nicht zur Last fallen würden. Dieser Verpflichtung kamen sie bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges nach, obwohl weit mehr Flüchtlinge ins Land strömten, als die Garanten ursprünglich erwartet hatten. (Vgl. Wasserstein, Ausländer, S. 83)
[2] Das dürfte zumindest zum Teil auch auf eine unterschwellige antisemitische Stimmung in der Öffentlichkeit und in amtlichen Kreisen zurückzuführen gewesen sein. Die allgemeine Empörung über die Barbarei des NS-Regimes löste dann aber in zunehmendem Maße mitfühlende Reaktionen aus. (Vgl. Wasserstein, Ausländer, S. 85)
[3] Vgl. https://juedische-emigration.de/de/emigration/aufnahmelaender/europa-und-palaestina.html (2.4.2021). Auch die Niederlande, Dänemark und Schweden gewährten den beiden letztgenannten Gruppen Transitaufenthalt. Frankreich, Belgien und die Niederlande nahmen von November 1938 bis Kriegsbeginn etwa 5.000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland auf. (Vgl. Die jüdische Emigration, S. 249)