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Tagebücher

Das Bewusstsein, in einer Extremsituation zu leben, war für viele Autorinnen und Autoren insbesondere während der NS-Zeit Antrieb zum Führen eines Tagebuchs. Dabei konnte die Wahrnehmung einer Extremsituation – je nach Perspektive als Opfer oder „Täter“ – sehr unterschiedlich ausfallen.[1] Aus diesem und vergleichbaren weiteren Gründen ist bei der Arbeit mit Tagebüchern aus der NS-Zeit die Klärung der Frage nach einer etwaigen Selbstzensur von Autorin oder Autor und der Authentizität der Eintragungen eine zentrale Voraussetzung für seriöses Arbeiten. Dabei ist besonders zu berücksichtigen, dass in Zeiten permanent möglicher Überwachung und nahezu uneingeschränkter Machtfülle der Gestapo sich auch viele Tagebuchautorinnen und -autoren, die nicht die Absicht hatten, ihre Eintragungen zu publizieren, sich zur Gefahrenabwehr permanent selbst streng kontrollieren mussten. Man sollte sich aber davor hüten, vor diesem Hintergrund Tagebücher vorschnell immer auch zu „Medien der inneren Emigration“ oder gar zu „Dokumenten des inneren Widerstandes“ zu erklären.

Trotz möglicher Einschränkungen gilt es festzuhalten, dass gerade – zumal unveröffentlichte - Tagebücher aus der NS-Zeit die Möglichkeit bieten, einen Blick auf den in zeitgenössischen Quellen sonst nur schwer zu fassenden Alltag der Bevölkerung zu werfen. So ist es für Gottfried Abrath einer von deren besonderen Vorzügen, die Problematik der „inneren Emigration“ bei Gegnern des Nationalsozialismus ebenso wie die Entstehung individueller und kollektiver Handlungen in einer zeitgeschichtlichen Analyse besser verstehen und verdeutlichen zu können.[2]

Fußnoten

[1] Vgl. Preßler, Tagebücher, S. 46ff.

[2] Vgl. Abrath, Subjekt, S. 17

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