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Neumarkt 15-19: Kaufhaus Bing

An der Metamorphose des repräsentativen Gebäudes am Kölner Neumarkt lässt sich sowohl der Prozess der aggressiven Arisierung jüdischen Grundbesitzes verdeutlichen.[1]

Um 1850 hatten die Kaufleute Adolf, Hermann und Moritz Bing zunächst eine Großhandlung für Samt- und Seidenbänder in der Hohe Straße betrieben, aus der zu Beginn der 1880er Jahre die Firma Gebr. Bing, Samt-und Seidenband-Großlager mit Sitz in der Pipinstraße entstand. Das neue Geschäft entwickelte sich rasch, konnte Niederlassungen in Berlin und Krefeld eröffnen und die Produktpalette erweitern. Schließlich fasste man einen Geschäftsbau in zentraler Lage ins Auge, der 1909 als einer der ersten modernen Geschäftsbauten am Neumarkt fertiggestellt wurde.

Auch im Geschäftsbetrieb der Firma Gebr. Bing setzte 1933 ein Rückgang ein, der die Eigentümer schließlich zur Aufgabe der Firma und zum Verkauf des Hauses zwang. Als es Anfang 1938 angeboten wurde, zeigte das städtische Gesundheitsamt starkes Interesse an dem zentral gelegenen Haus, ohne dass es zunächst zu einem Kauf gekommen wäre. Während des Pogroms wurde das Gebäude im November 1938 - vermutlich um es für eine Übernahme durch die Stadt zu schonen - nicht verwüstet. Unter massiven Druck gesetzt, verkauften die Eigentümer ihr Geschäftshaus im Februar 1939 schließlich zu einem von den städtischen Behörden erheblich unter dem Marktwert festgesetzten Preis. 1940 zog das städtische Gesundheitsamt in das Gebäude ein, in dem es bis auf den heutigen Tag seinen Sitz hat.

Während das jüdische Geschäftshaus Bing in den medizinischen Dienst der sogenannten Kölner „Mehrheitsbevölkerung“ gestellt wurde, so wurde der jüdischen Bevölkerung im Gegenzug die medizinische Betreuung schrittweise entzogen. Gerade Dr. Karl Coerper hatte sich als städtischer Beigeordneter für das Gesundheits- und Wohlfahrtswesen seit 1933 in seinem Tätigkeitsfeld als engagierter Initiator antisemitischer Maßnahmen erwiesen. Unter seiner Leitung hatte das Gesundheitsamt die Diskriminierung der jüdischen Ärztinnen und Ärzte ebenso rücksichtslos durchgeführt wie die Ausgrenzung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus dem städtischen Gesundheits- und Fürsorgewesen. Hatte man unter den rund 1.000 Ärzt*innen in Köln um 1930 etwa 150 jüdische Mediziner*innen gezählt, so war deren Zahl bis 1937 auf 92 zurückgegangen, von denen in den nächsten Jahren noch einige emigrieren konnten.

1938 entzogen die NS-Behörden dann allen jüdischen Ärzt*innen im Deutschen Reich die Approbation. Nur einer sehr überschaubaren Zahl von ihnen wurde als sogenannten „Krankenbehandlern“ weiterhin die Versorgung jüdischer Patienten gestattet. In Köln waren dies 17 Mediziner verschiedener Fachrichtungen. Fast alle von ihnen wurden später deportiert und ermordet.

Das Gesundheitsamt organisierte aber nicht nur diese und weitere antisemitische Maßnahmen, sondern zeichnete als Sitz der „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“ auch für die Gutachten verantwortlich, die zur Zwangssterilisierung und zur Ermordung behinderter Menschen führten. Hunderte von Menschen aus Köln wurden Opfer dieser von Staat und Behörden durchgeführten Aktionen.

Aufgrund starker Bombenschäden war das Gebäude Neumarkt 15-17 gegen Kriegsende nicht mehr nutzbar. Bis 1947 gelang es der Stadtverwaltung nach einer schrittweisen Instandsetzung jedoch, sämtliche Dienststellen des Gesundheitsamtes wieder unter dem Dach des Hauses zu vereinen. Die Rückerstattungsansprüche der ehemaligen Eigentümer lehnte die Stadt Köln zunächst rigoros ab. Erst 1952 kam es schließlich zu einem Vergleich. Noch weitaus länger wurde die Verstrickung des Gesundheitsamtes in die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten verdrängt und verschwiegen. Es dauerte bis 1997, bis eine entsprechende Gedenktafel im Eingangsbereich eingeweiht werden konnte.

Fußnoten

[1] Darstellung nach Becker-Jákli, jüdisches Köln, S. 166ff.

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