Menü

Die Weiternutzung

Die Aufenthaltsdauer im Deportationslager fiel unterschiedlich aus und reichte von wenigen Wochen bis hin zu mehreren Monaten. Für die meisten dort Internierten war es der letzte Aufenthaltsort in Köln, bevor sie in die Gettos und Vernichtungslager im von Deutschland besetzten Osteuropa deportiert wurden. Auch den dort Untergebrachten wurde zunehmend klar, dass das Lager nichts anderes war, als eine direkte Vorbereitungsmaßnahme ihrer Deportation.

Unter den 2.000 Menschen, die im Sommer 1942 in zwei Transporten von Köln aus in das Getto Theresienstadt deportiert wurden, kamen jeweils mehrere Hundert aus dem Müngersdorfer Lager. Mehrere hundert Personen aus dem Lager befanden sich auch unter jenen 1.000 Menschen, die am 20. Juli 1942 von Köln aus nach Minsk deportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft in der nahe gelegenen Vernichtungsstätte Trostenez ermordet wurden. Niemand von ihnen überlebte. Mit diesem Transport fand zugleich die Zeit der großen Deportationen aus Köln ihr Ende.

Jede dieser „Evakuierungen“ verringerte die Zahl der noch in Köln ansässigen Jüdinnen und Juden, was dazu führte, dass die stetig kleiner werdende Gemeinde ihre innerstädtischen Einrichtungen Schritt für Schritt aufgeben musste. Die erste wesentliche Etappe hierzu war die beschriebene Beschlagnahmung des Israelitischen Asyls nach dem „1.000-Bomber-Angriff“, womit auch das jüdische Krankenhaus als Einrichtung nach Müngersdorf umsiedeln musste. Dort firmierte es fortan als „Jüdische Krankenhaus und Siechenheim, Müngersdorf, Fort V“.[1]

Ab Mai 1942 wurden auch die in einzelnen Ghettohäusern noch bestehenden „Altersheime“ aufgelöst und ihre Bewohner in das Müngersdorfer Lager eingewiesen, um auch sie dann von dort den für die nächsten Wochen vorgesehenen Deportationszügen zuzuteilen.[2] Am 20. November 1942 verschickte die „Verwaltungsstelle Köln“ der „Bezirksstelle Rheinland“ der Reichsvereinigung der Juden dann „An alle Juden in Köln“ ein Rundschreiben, in dem die Räumung des bisherigen Verwaltungsgebäudes in der Rubensstraße 33 mitgeteilt wurde. Während die Büros der Bezirksstelle (Utrechter Straße 6) und der Verwaltungsstelle (Horst-Wessel-Platz 14) noch in der Innenstadt verblieben, wurden „alle übrigen Büros, Verwaltung, Buchhaltung und Kasse, Fürsorge, Winterhilfe (Israel Georg Meyer), sowie Kleiderkammer und Handwerker (Schuster und Schneider)“ ebenfalls mit sofortiger Wirkung ins Fort V verlegt.[3] Damit war das Müngersdorfer Lager endgültig zum nahezu alleinigen Zentrum jüdischen Lebens in Köln geworden. Das galt erst recht, als man im Februar 1943 auch die Bezirksstelle Rheinland der Reichsvereinigung hierhin verlegte, bis sie zum 10. Juni 1943 offiziell aufgelöst und ihr Vermögen vom Reich übernommen wurde.[4]

Die nach den großen Deportationen ab Mitte 1942 im Lager Verbliebenen wurden bis Herbst 1943 ebenfalls in zahlreichen kleineren Transporten deportiert. Danach hatte das Lager offenbar seine Funktion verloren. Jedenfalls teilte Dr. Hans Salomon Feldheim als „Vertrauensmann der Reichsvereinigung der Juden für Köln“ im Dezember 1943 an „alle Juden und Geltungsjuden in den Regierungs-Bezirken Köln und Aachen“ mit, dass das Büro der Reichsvereinigung im Müngersdorfer Lager nicht mehr bestehe, sondern ab sofort in seine Privatwohnung in der Kamekestraße 19 verlegt sei.[5]

Das Gelände wurde von diesem Zeitpunkt an unter anderem und vorübergehend von der Firma „Eichhorn Bauunternehmungen“ zur Unterbringung von Zwangsarbeiter*innen genutzt, bevor das Barackenlager dann ab September 1944 erneut der Internierung jüdischer Häftlinge diente. Parallel dazu diente der Bereich des ehemaligen Fort V ab dem 14. Oktober 1944 zur Unterbringung von Häftlingen des Arbeitserziehungslagers, das die Kölner Gestapo auf dem gerade zerstörten Messegelände unterhielt. Unter den nach Müngersdorf Evakuierten befanden sich neben ausländischen Zwangsarbeiter*innen auch politisch Verfolgte.

Ab dem 12. September 1944 ergingen nämlich an alle in Mischehen lebende Personen sowie an so genannte „Mischlinge“ aus dem Regierungsbezirk Köln die Aufforderung, sich innerhalb kürzester Zeit im Müngersdorfer Lager einzufinden.[6] Die genaue Zahl der daraufhin hier Internierten ist nicht überliefert, es müssen sich zwischenzeitlich aber wohl mehr als 1.000 Personen im Lager befunden haben. Hier wurden die nichtjüdischen Ehepartner gezwungen, den Regierungsbezirk innerhalb von zwei Tagen zu verlassen, während die als „jüdisch“ und als „Mischlinge“ verfolgten Personen zunächst im Lager blieben. Von hier aus gelang nicht wenigen von ihnen die Flucht.

Ende September 1944 wurden alle noch in Müngersdorf Inhaftierten in Gruppen zusammengefasst und vom Bahnhof Köln-Deutz aus an ein für alle unbekanntes Ziel verschickt. Für jüdische Männer war in Vorwohle in der Nähe Hannovers ein großes Barackenlager errichtet worden, jüdische Frauen aus Köln wurden in Kassel-Bettenhausen untergebracht, „Mischlinge I. Grades“ in Hessisch-Lichtenau. Andere wurden im OT-Lager Paffendorf in der Eifel interniert, einige auch in einem ehemaligen DAF-Lager bei Falkenberg in Sachsen. Viele in Mischehen verheiratete jüdische Frauen wurden zudem nach Minkwitz bei Weimar gebracht.[7] Außerdem kam es zu kleineren Deportationen nach Theresienstadt deportiert.

Das von der Gestapo unterhaltene Lager im Fort V wurde angesichts des Herannahens der Alliierten erst am 1. März 1945 aufgelöst. Die Insassen verließen Müngersdorf im Rahmen eines Evakuierungsmarschs in Richtung Hunswinkel im Sauerland, wo die Gestapo ein weiteres Lager unterhielt. Dutzende von ihnen starben auf dem Weg noch an Krankheiten und Entkräftung. Fünf Tage später erreichten US-amerikanische Truppen Köln.

Fußnoten

[1] Vgl. Becker-Jákli, Asyl, S. 343f.

[2] Vgl. Becker-Jákli, Asyl, S. 338.

[3] Rundschreiben der Synagogengemeinde Köln, 20.11.1942 (https://editionen-zur-geschichte.de/Projekt.aspx?root=30795&id=33866)

[4] Vgl. Bopf, Arisierung, S. 298f.

[5] Becker-Jákli, Asyl, S. 353.

[6] Vgl. Lekebusch, Not, S. 127f. Falls man der Ehepaare nicht habhaft werden konnte, drohte man den Kindern mit Sippenhaft.

[7] Vgl. Lekebusch, Not, S. 129f.

Baum wird geladen...