Roonstraße 50: Synagoge Roonstraße
Der imposante Bau der Synagoge in der Roonstraße gegenüber dem Rathenauplatz war der damalie und ist der heutige Mittelpunkt der Kölner jüdischen Gemeinde. In der Geschichte dieser größten Kölner Synagoge - 1899 erbaut, während des Pogrom 1938 zerstört und 1959 wieder eingeweiht - zeigen sich Vergangenheit und Gegenwart des Kölner Judentums eindrücklicher als an jedem anderen Ort der Stadt.[1]
Der Bau
Als die jüdische Bevölkerung Kölns bei einer Gesamtbevölkerung von rund 280.000 Einwohnern um 1890 auf fast 7.000 (2,4 Prozent) angewachsen war, erwies sich die 1861 eingeweihte Synagoge in der Glockengasse als zu klein, so dass der Bau einer neuen und größeren Synagoge in Angriff genommen wurde. 1893 wurde ein geeignetes Areal in der Roonstraße gegenüber dem neu angelegten Königsplatz - dem heutigen Rathenauplatz, zwischen 1933 und 1945 „Horst-Wessel-Platz“ - angekauft und dort 1899 die Einweihung der neuen Synagoge gefeiert; unter anderem auch mit Konzert und Bankett im Kölner Gürzenich. Bis auf einen kleinen Zuschuss aus dem städtischen Haushalt hatte die Gemeinde den Bau ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert.
Die Baupläne stammten von den Kölner Architekten Emil Schreiterer und Bernhard Below, die mit ihnen einer sich seit den 1880er Jahren durchsetzenden Gestaltung im Synagogenbau folgten, die sich nicht mehr - - wie etwa die 1861 errichtete Synagoge in der Glockengasse - am sogenannten „maurischen“ Stil orientierte, sondern sich an Formen der Romanik anlehnte. Dabei wurden auch Elemente mittelalterlicher Synagogen aufgegriffen und so eine Verbindung zu historischen Vorbildern jüdischer Architektur in Deutschland hergestellt. Zugleich ähnelten die neuen Synagogen in vielen Elementen den im gleichen Zeitraum entstehenden katholischen oder evangelischen Kirchenbauten neoromanischen Stils.
Das Gebäude, das heute wieder zu sehen ist, entspricht im Äußeren weitgehend dem ursprünglichen Bau von 1899. Die Front der Synagoge ist in die zur Roonstraße hin gelegen Häuserzeile eingefügt. Bis zur Straßenflucht vorgezogene hohe Flügelbauten rahmen die eigentliche Synagoge ein und betonen deren wuchtige Ausstrahlung. Eine niedrige Vorhalle mit drei Eingängen erstreckt sich vor dem Hauptelement der Fassade, einem spitzen Giebel mit riesigem Rundfenster und flankierenden Türmen. Hinter dem Giebel ragt der zentrale Baukörper auf, dessen Kuppel durch ein Pyramidendach überdeckt ist. Über den drei Fensterbögen im Erdgeschoss ist in Hebräisch das Zitat zu lesen: „Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist spricht der Herr der Heerscharen“ (Secharja IV, 6).
Das Innere des Komplexes lässt sich nur aus Abbildungen und Beschreibungen rekonstruieren. 1899 umfasste die Synagoge 800 Sitzplätze für Männer sowie auf seitlichen Emporen 600 Plätze für Frauen. Ein dreiteiliger Tora-Schrein aus Mahagoni stand, umfangen von einem hohen, mit prächtigen Ornamenten bedeckten Rundbogen, an der östlichen Wand, die mit weißem Marmor verkleidet war. Der gesamte Raum wurde durch die kunstvolle Bemalung der Wände und Wölbungen geprägt. Verstärkt wurde deren Wirkung durch das farbige Licht, das durch die Rosette und die seitlichen Fenstergruppen in den Raum fiel. Der Almemor, das Pult zur Lesung aus der Thora, stand entgegen der Tradition nicht in der Raummitte, sondern in der Nähe des Thora-Schreins. Dies entsprach liberalen, reformorientierten Vorstellungen und richtete sich daher an die Mehrheit des Kölner Judentums. Auch der Einbau einer Orgel 1906 folgte den Wünschen der liberalen Gemeindemitglieder, führte kurz darauf jedoch zur formellen Abtrennung der orthodoxen Gemeinde Adass Jeschurun.
Religiöses Zentrum des jüdischen Köln
Wenige Jahre nach der Einweihung war die neue Synagoge zur Hauptsynagoge und zum Zentrum der Kölner Gemeinde geworden. Das fand seinen Ausdruck auch darin, dass auch die Gemeindeverwaltung und der Sitz der meisten ihrer Einrichtungen vom alten Standort in der Glockengasse zur Roonstraße verlegt worden waren. Hier umfasste der Gebäudekomplex nun Räume für Rabbiner und Verwaltung sowie eine Mikwe und eine weitere kleine Synagoge für die Gottesdienste während der Woche. Im Hofbefand sich ein eigenes Gebäude, in dem die Religionsschule und die Wohnung für den Rabbiner untergebracht waren; außerdem gab es hier einen von orthodoxen Gemeinschaften genutzten Betsaal.
Als mit der NS-Machtübernahme die systematische Entrechtung der jüdischen Bevölkerung einsetzte, wurde die Synagogen-Gemeinde zur wichtigsten, bald einzigen Interessensvertretung des Kölner Judentums. Sie stärkte so gut es eben möglich war die Identität und Solidarität der jüdischen Gemeinschaft und schuf Hilfsangebote, um die wachsende Zahl der Not leidenden Mitglieder zu unterstützen. Anfang 1938 entzogen ihr die NS-Behörden jedoch den Status als Körperschaft öffentlichen Rechts und damit den Großteil ihrer Handlungsmöglichkeiten. Einige Monate später war die Gemeinde dann den Angriffen während des Novemberpogroms wehrlos ausgeliefert, in deren Verlauf insbesondere die Synagoge und das Gemeindezentrum in der Roonstraße ein besonderes Ziel der NS-Gewalt darstellten. Die Gebäude wurden in Brand gesetzt und verwüstet, die Kultgegenstände geschändet oder gestohlen. Kurz nach dem Pogrom wurde die Eigenständigkeit der jüdischen Gemeinde völlig aufgehoben, die fortan lediglich als „Bezirksstelle“ der vom NS-Staat in Berlin neu geschaffenen „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ galt.
Nach 1945
Bei Kriegsende standen von Synagoge und Gemeindezentrum kaum mehr als die Außenmauern. In diesen Ruinen fand im April 1945 der erste provisorische jüdische Gottesdienst nach der Befreiung durch die Alliierten statt. Da auf dem Grundstück aber keine nutzbaren Gebäude mehr verfügbar waren, fand die neu gegründete Kölner Gemeinde zunächst Räume im ehemaligen jüdischen Asyl in der Ottostraße in Ehrenfeld. Nachdem man einen ins Auge gefassten Verkauf des Geländes an der Roonstraße verworfen hatte, entschloss sich die Gemeinde 1954 - hierin unterstützt von Bundeskanzler Konrad Adenauer - zum Wiederaufbau der Synagoge. Hiermit beauftragte sie den jüdischen Kölner Architekten Helmut Goldschmidt, nach dessen Entwurf wurden die historischen Gegebenheiten weitgehend wiederhergestellt, zugleich aber auch erhebliche Neuerungen durchgeführt wurden. 1959 wurde die Synagoge in Anwesenheit städtischer, staatlicher und kirchlicher Prominenz eingeweiht.
Die wichtigste Änderung in der Innengestaltung war die Unterteilung des ursprünglichen Synagogenraums durch eine Zwischendecke, wodurch zwei Geschosse entstanden. Im unteren Geschoss wurde ein großer Gemeindesaal eingerichtet, im oberen die Synagoge, zu der nun eine Treppe führt. Trotz des massiven Eingriffs blieb die Grundstruktur des Synagogenraums erhalten, allerdings veränderte sich seine Wirkung erheblich, da Goldschmidt auf eine Wiederherstellung der Wandmalereien verzichtete und sich stattdessen für weiße Wände, einfache Formen und ruhiges Licht entschied, sodass ein sehr klarer, beinahe kühler Raumeindruck entstand.
Nach 1959 waren Synagoge und Gemeindezentrum in der Roonstraße Sitz aller wichtigen jüdischen Gremien und Organisationen in Köln, bis mit der Eröffnung des Jüdischen Wohlfahrtszentrums in Ehrenfeld 2003/04 ein zweiter Mittelpunkt des Gemeindelebens entstand, an den sich eine Reihe von Einrichtungen verlagerte. Der Gebäudekomplex in der Roonstraße ist jedoch weiterhin religiöses wie kulturelles Zentrum der Gemeinde und offizieller Sitz der Synagogen-Gemeinde Köln, die 2011 rund 5.000 Mitglieder zählte. In den Räumen der Gemeinde tagen ihre Gremien, finden Feiern und Vorträge, Theater und Musikaufführungen statt. Hier befindet sich unter anderem auch das Jugendzentrum Jachad, die Frauenorganisation WIZO (Women’s international Zionist Organisation) und das koschere Restaurant Weiss.
Wie leider überall in Deutschland notwendig, stehen auch die jüdischen Einrichtungen in Köln unter besonderem polizeilichem Schutz. Sowohl während der Gottesdienste als auch bei Veranstaltungen ist daher Polizei anwesend. Vor dem Besuch des Gemeindezentrums ist eine Sicherheitskontrolle erforderlich.
Wohnungsberatungsstelle und Gettohaus
Seit 1939 betrieb das NS-Regime eine rigorose Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, die darauf zielte, Juden in Häusern jüdischer Besitzer zusammenzulegen. Um diese Umsiedlung zu organisieren, ließen die städtischen Behörden in den Gemeinderäumen an der Synagoge eine „Wohnungsberatungsstelle“ einrichten, bei der Juden ihren Hausbesitz und jüdische Mieter ihre Umzugsabsichten melden mussten. So konnte die Mobilität der jüdischen Bevölkerung innerhalb Kölns überwacht und beeinflusst werden.
Nachdem im Sommer 1941 schließlich die Konzentration aller Juden in wenigen Stadtbezirken angeordnet worden war, nutzte man viele Gebäude in der Neustadt als Gettohäuser. Die Zwangseingewiesenen durften von ihrem Hausrat nur so viel mitnehmen, als sie „im künftig zustehenden Raum ordnungsgemäß“ unterbringen konnten, das übrige Mobiliar musste in verschiedenen Depots eingelagert werden, wurde beschlagnahmt und zugunsten der Finanzbehörden versteigert. Eines dieser Depots befand sich in der zerstörten Synagoge.
Auch deren Gebäudekomplex selbst wurde ab Mitte 1941 zum „Judenhaus“ erklärt. Unter den vielen hier Eingewiesenen waren auch der letzte Kölner Rabbiner Dr. Isidor Caro und seine Frau Klara. Ende 1942, nach der Deportation aller Bewohner und der Beschädigung der Gebäude durch den „1.000-Bomber-Angriff“ auf Köln am 31. Mai, lebte hier niemand mehr. Die „Bezirksstelle der Reichsvereinigung“ musste zunächst in die jüdische Wohlfahrtszentrale in der Rubensstr. 33 umziehen, wenig später dann in das ehemalige Israelitische Lehrlingsheim in der Utrechter Str. 6. Als letzte Adresse galten schließlich Fort V und das Sammellager in Müngersdorf. Im Juni 1943 wurde die Bezirksstelle endgültig aufgelöst, ihr Vermögen vom Staat beschlagnahmt. Ihre letzten Vertreter wurden deportiert.
Fußnoten
[1] Die Darstellung folg Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 194 ff.