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Cäcilienstraße 18-20: Rheinlandloge, Gemeindehaus und Gettohaus

Die dem Central-Verein nahestehende „Rheinlandloge“ wurde am 27. Mai 1888 unter engagierter Beteiligung von Dr. Benjamin Auerbach in Köln als eine Organisation ins Leben gerufen, die auf die Abwehr des Antisemitismus und auf die Stärkung jüdischen Selbstbewusstseins gerichtet war und in den folgenden Jahrzehnten in vielen Bereichen soziale und karitative Initiativen ergriff oder unterstützte.[1] Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA gegründet, kam „B’nai B’rith“, wie die Loge im Hebräischen hieß, Ende des 19. Jahrhunderts auch nach Deutschland, wo der erste Ableger 1882 in Berlin gegründet wurde. Zur deutschen Großloge zählten 1932 mehr als 103 Logen mit rund 13.000 Mitgliedern. Seit 1902 hatte der Kölner „Ableger“ seinen Sitz im Haus Cäcilienstraße 18-22.

 

Logensitz

Ihren Sitz hatte die 1888 ins Leben gerufene Kölner „Rheinlandloge“ im Gebäude in der Cäcilienstraße 18-22, das am 26. Januar 1902 eingeweiht werden konnte. Bis 1913 war die Zahl der Mitglieder auf 280 angewachsen, so dass ein durchaus elitärer Kreis Kölner Bürger monatlich im stattlichen Logenhaus in der Kölner Innenstadt zusammentraf. Von der Loge, die unter der Devise „Wohltätigkeit, Brüderlichkeit, Eintracht" arbeitete, gingen wichtige Impulse aus. Anlässlich des 25. Jubiläums erklärte Rabbiner Dr. Isidor Caro 1913 hierzu:

„Und tatsächlich hat unsere Loge, das können wir zu ihrem Ruhme behaupten, in segensreichster und fruchtbarster Weise das Gemeindeleben in Köln beeinflußt, ja, es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn wir meinen, daß sie es eigentlich erst recht geschaffen hat, denn es gibt keine wichtigere Institution innerhalb der hiesigen Gemeinde, die nicht entweder auf ihre Initiative zurückgeht oder in welcher nicht wenigstens Brüder eine hervorragende Stellung einnehmen. Die Rheinlandloge war und ist ein Konzentrationspunkt für die sozialen, ethischen und allgemein jüdischen Bestrebungen innerhalb der Gemeinde, sie ist mit dem Gemeindeleben auf's innigste verwachsen.“[2]

Tatsächlich regte die Loge eine intensive Bildungsarbeit an, gründete ein Lehrlingsheim, das der Verbreitung des Handwerkes unter den Juden diente, kümmerte sich um die Ausbildung von Krankenpflegerinnen, schuf eine Arbeitsstätte für Bettler und die Ferienfürsorge für erholungsbedürftige Kinder, rief den Jugendbund „Gabriel Riesser“ ins Leben und engagierte sich für die „große Kolonie ausländischer Juden in unserer Stadt“.

Wie alle anderen Logen in Deutschland wurde auch die Rheinland-Loge am 19. April 1937 gewaltsam zerschlagen.

 

Gemeinde- und Gettohaus

Dem Haus kam für die Jüdische Gemeinde Kölns bereits ab 1933 eine erheblich erweiterte Funktion zu. Aufgrund zunehmender Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt erwies es sich zunehmend als dringend notwendig, den Gemeindemitgliedern andere Orte und Möglichkeiten zur Zerstreuung zu bieten. Daher wurde das Gebäude im Sommer 1935 endgültig vom Logen- zum Gemeindehaus und dafür erheblich umgestaltet, worüber die Gemeinde am 19. Juli informiert wurde. Im Gemeindeblatt hieß es unter der Überschrift „Das Gemeindehaus Cacilienstraße im neuen Gewande“:

„Im Gemeindehaus Cäcilienstraße 18/22 spielt sich in einem erheblichen Ausmaß das jüdische Leben Kölns ab. Um den größeren und z. T. neuartigen Aufgaben entsprechen zu können, mußte das Haus umgebaut werden im Rahmen der für solche Zwecke natürlich nur beschränkt freizustellenden Mittel. Ein Rundgang durch die Räume, die am vergangenen Mittwoch ihrer Bestimmung übergeben wurden, zeugt davon, daß der Umbau in zweckmäßigster Weise erfolgt ist. Wie früher erreicht man durch den Torgang und über die breitausladende Treppe die Gesellschaftsräume im ersten Stockwerk. Bibliothek und Klubzimmer sind unverändert geblieben. Dagegen haben die Baumeister das ‚Spielzimmer‘ in ein äußerst behagliches Café umgewandelt, in dem etwa 80 Gäste Platz finden werden. Die ruhig wirkende Wandbekleidung, der Bodenbelag aus Linoleum, die Lichtkörper und die Inneneinrichtung geben dem Raum ein durchaus modernes, künstlerisch hochwertiges Gepräge. Das gleiche gilt vom Restaurant im Nebensälchen, in dem mehr als 30 Gäste in aller Bequemlichkeit ihre Mahlzeiten einnehmen können. Alsdann betritt man die intim gehaltene ‚Schenke‘, in der namentlich die Jugend nach gemeinschaftlicher Abendarbeit noch ein Weilchen beisammen bleiben wird können. Der Speisesaal von ehedem im Vorderhaus ist aufgeteilt worden. Ein Zimmer wird den Kartenspielern zur Verfügung stehen, ein zweites Zusammenkünften kleineren Umfanges. Es ist immer als Mangel empfunden worden, daß in der Judaschen Gaststätte nur ‚fleischding‘ gegessen werden konnte. Durch zweckmäßige Aufteilung der Küche ist es möglich geworden, auch eine ‚milchige‘ Abteilung einzurichten, so daß in Zukunft der Wirtschaftsbetrieb allen Ansprüchen gerecht werden kann. Der Große Saal im zweiten Stock hat baulich schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Je mehr er zum Mittelpunkt des öffentlichen jüdischen Lebens der Gemeinde wurde, umso spürbarer wurden die Mängel, die seiner Architektonik und seiner Ausstattung anhafteten. Wer den Saal heute betritt, erkennt ihn kaum wieder, so sehr hat er sein Gesicht verändert. Die hohen Wände sind von allem unnützen Zierrat befreit,    die Bühnenseite bietet sich dem Auge des Beschauers in ruhiger Verhaltenheit dar, die Bühne ist erheblich vergrößert. Die Mittel-Galerie ist weit vorgezogen worden. Auf diese Weise hat man Raum schaffen können für etwa 500 Personen, die zukünftig alle so Platz nehmen werden, daß der Blick die Bühne umfassen kann. Im Saal sind die Stühle reihenweise miteinander verbunden, während die Galerie mit einem modernen Gestühl versehen ist. Die Beleuchtung, die Lüftung und die Heizung wurden modernisiert, und so wird auch hier oben im Großen Saal den Ansprüchen Genüge getan, die zu Recht von Ruhe und Entspannung suchenden Menschen gestellt werden. In einer Reihe von Nebenräumen sowie in den Zimmern des 3. Stocks arbeiten im Wesentlichen Wohlfahrts-Institutionen der Gemeinde und der Verbände. Als Gesamteindruck darf festgehalten werden, daß hier dank der Großzügigkeit der Männer, die die Gemeinde, ihre Institutionen und ihre Organisationen betreuen, eine vorbildliche Arbeit geleistet worden ist. Das Gemeindehaus Cäcilienstraße wird, so darf gehofft werden, zukünftig in noch stärkerem Umfang als bisher der friedvolle Sammelpunkt für die Mitglieder der Gemeinde werden. Nicht verschwiegen seien zum guten Beschluß die Namen der beiden Baumeister, die hier ein so schönes Werk geschaffen haben. Es sind die Herren Architekten Robert Stern und Hans Krebs. Ihnen, der Gemeindeverwaltung, namentlich aber Herrn Dr. Alfred Stern, der in nimmermüder Schaffensfreude das Planen und Ausfuhren mit seinem klugen Rat förderte, sei für das Geleistete herzlich gedankt.“

Nach Verbot der Logen im Jahr 1937 wurde ihr Kölner Sitz in der Cäcilienstraße - nicht zuletzt als Folge des Pogroms - noch stärker als Gemeindezentrum genutzt, bis es ab 1941 schließlich als Gettohaus zweckentfremdet und missbraucht wurde.

So fanden hier die Gottesdienste statt - wie etwa der Sabbat-Gottesdienst am 4. März 1939, dem im überfüllten Saal der alljährliche Gedenkgottesdienst des „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ folgte. Auch die Kölner Beratungsstelle des Hilfsvereins hatte hier kurzzeitig ihren Sitz, bis sie ihn im März 1939 in den Mauritiussteinweg 11 verlegte. [3] Im Mai 1939 wurden die am Freitagabend und Samstagmorgen stattfindenden Gottesdienste nicht mehr im Betraum Roonstraße 50, sondern dauerhaft in der bisherigen Turnhalle im Haus Cäcilienstraße 18-22 abgehalten.[4]

Als im Juni 1939 die Sprechstunden der „Krankenbehandler“ in verschiedenen Kölner jüdischen Einrichtungen zentralisiert wurden, befand sich auch die Cäcilienstraße hierunter: Zwei der Mediziner behandelten künftig zu bestimmten Zeiten im Wohlfahrtshaus der Gemeinde in der Rubensstraße 33, vier im Gemeindehaus Cäcilienstraße 18-22, einer im Gemeindehaus in Köln-Mülheim. Die übrigen acht hielten ihre Sprechstunden im Israelitischen Asyl ab.[5]

Ab 1941 übernahm das ehemalige Gebäude der Rheinlandloge neben den verschiedenen Funktionen für die Gemeinde auch jene als eines der größten Kölner Gettohäuser. Von hier aus führte der Weg der weitaus meisten Beobachter über die Kölner Messehallen und den Bahnhog Deutz-Tief in den Tod.

 

Nach 1945

Es dauerte bis 1991, bis man In Köln wieder so weit war, an die gewaltsam zerstörte Traditionslinie anzuknüpfen und die Loge mit 72 Gründungsmitgliedern neu zu beleben. Als die Kölner Loge 2008 ihren 120 „Geburtstag“ feierte, tat sie das traditionsbewusst im „Gürzenich“, wo sie 1888 auch ins Leben gerufen worden war und der seit Jahrhunderten als Herzstück des Kölner Bürger- und Gemeindelebens gilt. Entsprechend betonte Rheinland-Logen-Präsident Franz Rudolf Golling in seiner Rede: „Wir sind wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Heutiges Ziel der Rheinlandloge, deren ehemalige Heimstatt in der Cäcilienstraße im Krieg völlig zerstört und nicht wiedererrichtet wurde, ist es nach dem Selbstverständnis der Kölner Synagogengemeinde, „jüdisches Bewusstsein zu stärken, Eintracht und Freundschaft zu fördern und die Verbundenheit mit dem Staat Israel in Wort und Tat zu bekunden“.

Fußnoten

[1] Vgl. zum Folgenden. Jüdisches Schicksal, S. 54ff.; Becker-Jákli, Köln doch so geliebt, S. 325; Kulka/Jäckel, Juden, S. 667, https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/hilfreich/; https://www.sgk.de/index.php/rheinland-loge.html; https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/aufloesung-statt-feier/; https://de.wikipedia.org/wiki/B%E2%80%99nai_B%E2%80%99rith (14.5.2021)

[2] Die Geschichte der Rheinlandloge Köln. Zu ihrem 25jährigen Jubiläum dargestellt von Dr. Isidor Caro, Köln 1913, S. 24.

[3] Jüdisches Nachrichtenblatt, 22/1939, 17.3.1939.

[4] Jüdisches Nachrichtenblatt, 31/42 1939, 24.5.1939.

[5] Becker-Jákli, Asyl, S. 320f.

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