Pfarrer Kauws von der Gemeinde St. Marä-Himmelfahrt in Essen-Altendorf wendet sich an den Landrat des Siegkreises und beschwert sich „über Vorkommnisse anlässlich einer Erholungsfahrt von Jungen der Pfarrgemeinde" vom 30. März bis zum 2. April 1934 nach Schladern und deren „schmähliche und ungerechte Behandlung". Er führt hierzu im Einzelnen aus:
„Als katholische Pfarrer beschwere ich mich hiermit über nachstehende Vorkommnisse:
1. Anlässlich der oben genannten Fahrt wurden 93 Jungen der Pfarre St. Mariä-Himmelfahrt in Essen-West ohne weiteres als Jugend eines verbotenen Verbandes erklärt und als staatsfeindlich behandelt.
2. Der Versuch der Jungen, aus dieser Behandlung den Schluss zu ziehen, den Ort zu verlassen und sich im verkehrsstillen Marienthal aufzuhalten, wurde von der Ortspolizei zugelassen, von der SA-Leitung der Ortsgruppe Dattenfeld wurde sogar beabsichtigt, die Jungen dorthin zu begleiten. Die SA, SS und der Ortsgruppenleiter von Rosbach dagegen holt die noch auf dem Weg befindlichen 60 Jungen zurück. Die in Marienthal weilende Gruppe lässt sie dort. Wer hat in diesem Falle der SA und der SS die Polizeirechte gegeben?
3. Als in der Nacht vom 31.3. zum 1.4. zwei betrunkene SA Leute in Uniform die Jungen in gefährlicher Weise bedrohen, verhängt Oberwachtmeister M. Schutzhaft über die Jungen und bestellt die beiden SA-Leute zu Wachposten.
4. Am Ostersonntagmorgen wird den Jungen trotz aller Vorhaltungen der Besuch der hl. Messe verboten. Zuchthäuslern gibt man diese Gelegenheit, katholischen Jungen verweigert man sie.
5. Bei der Anfahrt der Jungen lässt man zu, dass eine Gruppe Hitlerjungen sich provozierend breit macht. Nur dem glänzenden, zurückhaltenden und schweigsamen Auftreten der Essener Jungen ist es zu verdanken, dass nicht unübersehbare Folgen sich für die Hitlerjungen daraus entwickelten.
Sollte es wirklich in einem Rechtsstaat möglich sein, dass Verfügungen von einem Oberwachtmeister rechtsgültig getroffen werden, wie die unter 2 und 3 genannten?
Sollte in einem Teil deutscher Jugend die Auffassung entstehen können, dass es Deutsche minderen Rechts gibt?
Die Behandlung der Jungen fasse ich als eine empörende Beleidigung meiner Pfarre auf, von der über 500 junge Männer im Krieg gefallen sind.
Ich habe das Vertrauen, dass Sie für vollständige Klärung sorgen werden."
Kaplan Heinrich Vogel, der die Gruppe auf der Fahrt begleitete, verfasst hierzu folgenden ausführlichen Bericht:
„Donnerstag, den 22. März 1934 fuhren 93 Jungen der Pfarrgemeinde St. Mariä-Himmelfahrt in Essen-West in die Heimat des Herrn Kaplan Vogel nach Schladern an der Sieg. Die 12-18 jährigen Jungen wurden geführt von Hans N., dem eine Reihe Helfer zur Seite standen.
Wie verabredet, hielten sich die Jungen, auf dem Hofe des Bauern F. in Schladern auf, um sich in den ersten Tagen dort zu erholen. Da zur Verbindung mit der Natur und zur Abhärtung die Jungen im Stroh schliefen, hatten sie Sondermittel mitgenommen. Jeder nach der Art, die ihm zur Verfügung stand. Einheitlichkeit, die irgendwie an Gleichtracht erinnerte, war nicht vorhanden. Auch Abzeichen, Banner oder dergleichen wurden nicht getragen. Zum Wecken diente eine Fanfare.
Karfreitagmorgen zogen die Jungen zur katholischen Kirche in Schladern (300m vom Hofe entfernt), um dort eine Gedächtnisstunde zum Tode Christi zu begehen. Zu diesem Kirchgang zog man in geschlossenem Zuge hin und zurück.
Nach dem Kirchgang war Kaffeetrinken, danach Spaziergang in kleinsten Gruppen (je 3-1). Gegen 11 Uhr erschien Oberwachtmeister (OW) M. bei den Eltern des Kaplan Vogel, um sich hier nach den Führern der Jungen zu erkundigen. Die zufällig anwesenden Jungen unter Führung von Hans N. erklärten auf die Frage des OW: ‚Wir sind nicht die Jugend des Verbandes, sondern Pfarrjugend der Pfarre St. Mariä-Himmelfahrt.' Hierauf erklärte OW: ‚Sie wissen, dass das, was Sie tun, verboten ist. Sie sind heute Morgen im geschlossenen Zug zur Kirche marschiert und tragen zudem Uniform.' (Uniform sei kurze Hose, bunte Hemden und Kitteln mit Aufschlägen.) Er gab seinen Worten dabei besonderen Nachdruck mit der Bemerkung, als Stellvertreter des Bürgermeisters zu handeln. (Eine Reihe Zeugen).
Beschwerden seien infolgedessen nur beim Landrat einzureichen, mit dem er selbst sprechen werde. Ein weiteres Verbleiben sei wohl möglich, wenn die anstößigen Kleidungsstücke weggelassen und man nicht im Gleichschritt marschieren würde.
Nach einer halben Stunde erschien der OW wieder und erklärte, er habe mit dem Landrat gesprochen und müsste mitteilen, dass die Jungen bis Samstagmorgen Schladern verlassen haben müssten. Da der Kraftwagenführer, wegen des Karfreitags, nicht zu erreichen war, wird der Vorschlag gemacht, die Jungen ins Kloster Marienthal ziehen zu lassen. Hiergegen hatte der OW nichts einzuwenden.
Gleich zu Anfang der Schwierigkeiten versuchte der Bruder des Kaplans Vogel, Alfred Vogel, als Ortskundiger zu vermitteln. Um Rücksprache mit dem Dechant Benghius von Dattenfeld zu nehmen, fuhr dieser dorthin, wo er um 12 ¾ Uhr eintraf. (...)
Auch Dechant Benghius war der Ansicht, es sei am besten, die Jungen nach Marienthal ziehen zu lassen, da es fernab von größeren Ortschaften und Strassen liege. Auch die Padres erklärten sich in Marienthal zur Aufnahme gerne bereit.
Am Abend wurde auf dem Hofe Fredebeil dem OW und dem Landjäger L. auf Anfrage erklärt: Wir werden bis morgen Mittag verschwunden sein; nur R. bleibt zurück, da noch jemand erwartet wird.
Die Nacht verlief ruhig.
Karsamstag gegen 1 Uhr verließen die Jungen in kleineren Gruppen Schladern, und gingen auf verschiedenen Wegen nach Marienthal.
Der zurückgebliebene R. und Alfred Vogel räumten unterdessen den Hof und Scheune des Bauern F. auf. Da erschien ein Motorradfahrer (später wurde gesagt, es sei der P., der Ortsgruppenleiter der N.S.D.A.P Rosbach) mit einem Landjäger. Der Motorradfahrer erkundigte sich nach dem Aufenthalt der Jungen. Eine genaue Angabe wurde dem unbekannten Herrn in Zivil nicht gemacht, um den Aufenthalt der Jungen nicht bekanntzumachen.
Auf dem Weg nach Marienthal wurden die Jungen von S.A. Leuten zu Fuß, auf Fahrrädern und Motorrädern verfolgt und 69 wurden kurz vor Marienthal aufgegriffen und nach Schaldern zurückgebracht, wo sie gegen 20 Uhr ankamen.
Die Jungen wurden allein gelassen und schliefen wie vorher in der Scheune. Gegen 1 Uhr erschienen 2 S.A.-Leute in Uniform und forderten die Jungen drohend auf, innerhalb 5 Minuten auf dem Hof anzutreten. Die beiden S.A.-Leute waren im angetrunkenen Zustand und bedrohten die Jungen. Gemeindevorsteher B. hatte davon Kenntnis erhalten und rief zum Schutz der bedrohten Jungen die Polizei in Rosbach an. Er erschien schon bald mit dem OW auf dem Hof. Der OW forderte die Jungen auf, anzutreten und notierte die Namen, die bereits verschiedene Male festgestellt worden waren.
Dann verhängte der OW über die so bedrohten Jungen Schutzhaft. Den Schutz übernahm er nicht selbst, sondern beauftragte damit die obengenannten S.A.-Leute, die die Jungen selbst bedroht hatten. Den Jungen wurde unter allen Umständen verboten, den Hof zu verlassen, selbst der Besuch der heiligen Messe in der so nahe gelegenen Ortskirche wurde nicht gestattet. Am Ostermorgen erklärte der OW auf alle Vorhaltungen hin in Anwesenheit von Oberlandjäger E. und Landjäger L. sowie Gemeindevorsteher B., Alfred Vogel gegenüber, dass er die Verantwortung übernehme, dass die Jungen nicht in die Kirche kämen. Selbst den Vorschlag der anwesenden Polizeibeamten, die Jungen geschlossen zur Kirche zu führen, lehnte er kurz ab.
Beim Grauen des Ostermorgens hatten die zum Schutz beauftragten S-A.-Leute ihren Posten verlassen. Gegen 10 Uhr wurden neue S.A.-Leute zum Schutz stationiert. Gegen 12 Uhr wurden diese zurückgezogen.
Um 13-14 Uhr kam von Essen Kaplan Vogel im Auftrage des Pfarrers Kauws zur Regelung der Angelegenheit. Ihm erklärten die Jungen, dass kurz vorher die Schutzhaft aufgehoben worden sei. Er schickte seinen Bruder zum Gemeindevorsteher B. und ließ diesen zu sich bitten. Ferner schickte er seinen Bruder zum zuständigen Oberlandjäger E., um auch diesen zu sich zu bitten; er erklärte, bis zum Ostersonntagmorgen nichts gewusst zu haben. Um auch den Führer der Jungen von Marienthal zu holen, fuhr Alfred Vogel mit dem Kraftwagen weiter und brachte ihn nach Schladern. Durch Motorschaden wurde die Rückkehr verzögert.
Inzwischen hatte Kaplan Vogel mit dem Gemeindevorsteher B. gesprochen. Dieser lehnte einen genauen Bericht ab, da er nicht zuständig sei. Dergleichen lehnten einen Bericht Sturmführer H. und Scharführer K. von Dattenfeld-Dreisel ab.
Inzwischen ließ Kaplan Vogel gegen 1 Uhr die Jungen für zwei Stunden spazieren gehen, damit sie sich ergehen könnten. Nach Klarstellen der Vorkommnisse wollte er die Jungen gegen 18 Uhr mit einem Kraftwagen abbefördern, dafür war der Kraftwagenfahrer von Essen mitgekommen.
Kurz nach 16 Uhr kam OW zur Wohnung der Eltern des Kaplans Vogel, wo dieser sich aufhielt. Auch er lehnte es ab, über die Vorkommnisse Kaplan Vogel Aufschluss zu geben. Trotzdem also der B., N. und Alfred Vogel anwesend waren, zu denen noch Landjäger L. kam, setzte OW weder selbst ein Protokoll auf noch ließ er sich auf eine Erklärung zu den Vorkommnissen ein. Keiner ist zu Protokoll vernommen. Zur Erleichterung der Klarstellungen hatte Kaplan Vogel einen in solchen Angelegenheiten erfahrenen Stenographen von Essen mitgebracht, um von vorneherein die Unklarheiten zu vermeiden. - Auf ausdrückliche Frage des Kaplans Vogel erklärte der OW, dass die von ihm verhängte Schutzhaft über die Jungen nicht aufgehoben sei und er könne sie auch jetzt nicht aufheben.
Zum Schutz der Jungen war aber niemand beauftragt.
Die Aufforderung, die Jungen in spätestens einer Stunde abzubefördern, konnte Kaplan Vogel nicht Folge leisten, da die Jungen erst gegen 18 Uhr zurückkamen von ihren Spaziergängen.
Gegen 17 1/2 Uhr kam ein Trupp Hitlerjungen von Dattelfeld und versuchte, den Hof zu betreten. Dies wurde Ihnen von Gemeindevorsteher B. verboten. Sie stellten sich dann in unmittelbarer Nähe auf und versuchten zu provozieren. Niemand hinderte sie daran. Als der Kraftwagen abfuhr, blieb der Führer der Hitlerjungen so auf der offenen Straße stehen, dass der Wagen nicht weiterfahren konnte, ohne den Jungen zu überfahren. Erst auf Dazwischentreten von Kaplan Vogel und des OW und anderer trat er zurück. Trotz aller Provokation, die gleichzeitig von Seiten der übrigen HJ erfolgten, blieben die Jungen in dem Wagen schweigsam sitzen, um jede Gelegenheit des Angriffs wegzunehmen.
Die Jungen fuhren nach Marienthal. Sie bleiben dort bis 2. April um 13 Uhr. In der Nacht wurden zwei Fensterscheiben des Gebäudes, in dem die Jungen schliefen, zerstört und eine Lampe zerschlagen.
Die Rückfahrt verlief mit eine Ausnahme ohne Störung, und zwar: In Blankenberg standen vor einer Wirtschaft Hitlerjungen, die im eigenen Wagen den Essener Jungen nachfuhren, dieselben vor Hennef überholten und die Aufforderung gaben zu halten.
Bei den Hitlerjungen war der Oberlandjäger D. aus Hennef. Die Essener Jungen mussten aussteigen, der Wagen und der Anhänger wurden untersucht und drei Zeltbahnen nebst der Fanfare zum Wecken beschlagnahmt. Um 19 1/2 trafen die Jungen in Essen ein.
Der Bericht wurde von dem Unterzeichneten nach Zeugenaussagen, die bereit sind, unter Eid das ausgesagte zu wiederholen, aufgenommen und zusammengestellt. Außerdem liegt eine Fülle an Material, das nicht in dem Bericht erwähnt wurde, um ihn nicht zu lang werden zu lassen, an unverständlichen Äußerungen und Handlungen vor."