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Orte der Verfolgung und Ermordung

Eine alltagsgeschichtliche Annäherung an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung führt auch die zentrale Bedeutung von Orten für jede Form der Gestaltung des Lebens vor Augen. Das galt ganz besonders für jene, die sich nirgends mehr zu Hause fühlen konnten und keine Orte der Zuflucht mehr kannten, also für jene Jüdinnen und Juden, die durch ihre Deportation ihre vertraute Umgebung verlassen und mussten und an unwirtliche, ihnen völlig fremde Orte gebracht wurden, an denen sie dann unter unvorstellbaren Umständen versuchten, sich zumindest ein temporäres Lebensumfeld zu organisieren.[1]

Diese Ziele waren zugleich immer Tatorte des Holocaust und sind heute nur noch als historische, nicht mehr als authentische Orte zu erleben. Bei dem systematischen Versuch, die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, zerstörten die Deutschen in der Endphase des Krieges die Standorte ihrer Taten, so dass es - nach weiteren Überformungen und Abrissen in späteren Jahren - heute oftmals sogar schwer ist, die Überreste auch nur in topografischer Hinsicht zu erkennen. Eine genaue Vorstellung davon, wie diese Orte damals ausgesehen haben, ist in aller Regel nicht mehr möglich. Hier können neben einiger eher zufällig überlieferter Fotos lediglich die Erinnerungen der wenigen Betroffenen weiterhelfen, die ihren dortigen Aufenthalt und den Holocaust mit viel Glück überlebten. Umso wichtiger ist ein möglichst präzises Wissen, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie es an den einstigen Tatorten ausgesehen haben könnte.[2]

Diese lassen sich grob in folgende drei Kategorien aufteilen:[3]

 

Gettos

Am 21. September 1939 ordnete Reinhard Heydrich an, dass die in kleineren Städten und Dörfern des von der Wehrmacht besetzten Teil Polens lebenden Juden in die größeren Städte umgesiedelt und dort in Gettos, also in von der übrigen Bevölkerung abgesonderten Wohnvierteln, konzentriert werden sollten. Hier sollten anschließend sogenannte „Judenräte“ eingerichtet werden, die dann die Befehle der deutschen Behörden auszuführen hatten.

Etwa ein Jahr nach der Niederlage Polens waren die meisten der dort lebenden Jüdinnen und Juden in geschlossenen Gettos untergebracht, die zumeist in den ärmsten und heruntergekommensten Vierteln der Städte angesiedelt waren. Im Frühling 1940 war in Litzmannstadt (Lodz) das erste große Getto errichtet worden, das hermetisch von der übrigen städtischen Umgebung abgeschlossen war. Im Herbst des Jahres folgte in der polnischen Hauptstadt Warschau das größte, in dem zeitweise knapp eine halbe Million Menschen eingesperrt waren.

Nachdem die „Einsatzgruppen“ nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion unmittelbar hinter der Front ihre Massenmorde begangen hatten, wurden auch dort Gettos errichtet. Die bestanden in den meisten Fällen allerdings nur kurze Zeit, bis die dort lebenden Jüdinnen und Juden Opfer der Massenvernichtung wurden. Das größte dieser Gettos auf sowjetischem Boden wurde mit rund 100.000 Bewohnern im weißrussischen Minsk eingerichtet. Nach der Im März 1944 erfolgten Besetzung Ungarns wurde im November 1944 für kurze Zeit auch in Budapest ein Getto etabliert, , in dem etwa 70.000 Menschen eingewiesen wurden.

Insgesamt wurden von deutscher Seite vorwiegend in Osteuropa und vereinzelt auch in Zentral- und Südeuropa mehr als 1.000 Gettos gebildet. Damit wurden mehrere Ziele verfolgt: Die jüdische Ortsbevölkerung wurde unter strenger Überwachung auf engstem Raum konzentriert, ihres Eigentums und ihrer Existenzgrundlage beraubt und von der Außenwelt isoliert. Das alles machte sie verwundbar und führte dazu, dass sie kritischen Situationen hilflos gegenüberstand.

Vor allem im besetzten Polen wurden in Orten, nachdem man die dort zuvor lebende jüdische Bevölkerung in Gettos abtransportiert hatte, sogenannte „Volksdeutsche“ angesiedelt, um die eroberten Gebiete so dauerhaft zu „germanisieren“.

 

Konzentrationslager

Bereits im Frühjahr 1933 wurde das erste Konzentrationslager des NS-Regimes in Betrieb genommen, als am 22. März in unmittelbarer Nähe von München - in Dachau - die ersten Häftlinge eintrafen. Nach dem Vorbild Dachaus bauten SS und Gestapo ein regelrechtes Netzwerk solcher als dem Terror und der Verfolgung dienenden Einrichtungen auf. So entstanden die Stammlager Sachsenhausen (1936), Buchenwald (1937), Ravensbrück (1938/39), Neuengamme (1938) und Flossenbürg (1938) jeweils mit zahlreichen Außen- und Arbeitslager, denen nach dem „Anschluss“ Österreichs noch Mauthausen folgte.

Zunächst dienten die nach außen als „Arbeitslager“ firmierenden KZs vorrangig der Internierung, Einschüchterung und Bestrafung deutscher Kommunisten, Sozialisten und anderer politischer Gegner des NS-Regimes. Bald wurden aber immer mehr und neue Opfergruppen in den dort herrschenden Terror einbezogen: Den politischen Gegnern folgten bald Jüdinnen und Juden, Mitglieder religiöser Sekten und Orden, Pfarrer beider Konfessionen, Sinti und Roma, Homosexuelle, „Berufsverbrecher“ und die breit gefächerte Gruppe der sogenannten „Asozialen“. Aufgrund der zahlreichen Verhaftungen während des Pogroms stieg die Gesamtzahl der KZ-Häftlinge im November 1938 auf rund 60.000 Personen an.

Nachdem in der Vorkriegszeit die Isolierung und Bestrafung politischer Gegner sowie rassisch und sozial Ausgegrenzter den Hauptzweck der regimeseitig als „KL“ abgekürzten, im allgemeinen Sprachgebrauch „KZ“ genannten Lager dargestellt hatte, definierte das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt angesichts des kriegsbedingt schnell wachsenden Arbeitskräftebedarfs ab Herbst 1939 die Ausbeutung der Arbeitskraft der KZ-Häftlinge als neues Hauptziel. Entsprechend zügig wurde das aus immer mehr Außenlagern und Arbeitskommandos bestehende KZ-System ausgebaut und unter dem zynischen Motto „Vernichtung durch Arbeit“ zum festen Bestandteil der deutschen Rüstungsindustrie. Auf dem Höhepunkt gab es im gesamten deutschbesetzten Europa 29 solcher Konzentrationslager mit rund 1.200 Außenlagern.

Die Lebensumstände waren in allen KZs menschenunwürdig. Kahlgeschoren, registriert und nummeriert, mit dünner Häftlingskleidung ausgestattet, auf engstem Raum unter unsäglichen hygienischen Verhältnissen untergebracht und völlig unzureichend ernährt, hatten die Häftlinge ihre Individualität und jegliche Rechte verloren. Sie waren der Willkür ihrer Bewacher ausgeliefert und lebten daher in permanenter Todesangst. Allein von Januar bis August 1943 starben rund 60.000 der insgesamt rund 220.000 Häftlinge an Auszehrung und durch Seuchen.

Trotz der zunehmenden Rückschläge an der verschiedenen Front und dem immer absehbarer werdenden Sieg der Alliierten, hatte die meisten KZs bis zum Kriegsende Bestand. War die Zahl der registrierten KZ-Insassen bereits bis August 1944 auf mehr als 500.000 gestiegen, belief sie sich im Januar 1945 auf über 700.000 - etwa 90 Prozent ausländischer Herkunft. Insgesamt summierte sich die Zahl der KZ-Häftlinge zwischen 1933 und 1945 auf 2,5 bis 3,5 Millionen. Bis zu 450.000 von starben bis zum Kriegsende allein in den Lagern im Reichsgebiet an Gewalt, Unterversorgung, Krankheit oder durch Zwangsarbeit.

 

Vernichtungslager

Während die Konzentrationslager für eine längere Unterbringung von Häftlingen konzipiert waren und daher auch über entsprechende Baracken und Versorgungseinrichtungen verfügten, waren die auf polnischem (Chelmno, Belzec, Sobibór, Treblinka, Majdanek und Auschwitz-Birkenau) und weißrussischen Boden (Maly Trostenez) errichteten Vernichtungslager ausschließlich auf die systematische und nahezu fabrikmäßige Ermordung der deutschen und europäischen Jüdinnen und Juden ausgelegt.

Von ihrer Errichtung ab Ende 1941 bis zu ihrer Stilllegung bzw. Befreiung durch die Rote Armee wurden an diesen Orten gnadenloser Vernichtung mehr als drei Millionen Menschen vor allem in Gaskammern, aber auch auf andere Art und Weise in einer oft industriell anmutenden Form ermordet. Diesen Lagern kam somit neben den Massenerschießungen durch die SS-Einsatzgruppen eine zentrale Rolle bei der „Endlösung der Judenfrage“ zu.

Nachdem in Chelmno bereits im August 1941 die ersten Morde ausgeführt worden waren, wurden als Folge der Wannseekonferenz ab März 1942 an zwar dünnbesiedelten, aber jeweils in der Nähe wichtiger Bahnlinien von Hauptbahnlinien gelegenen Orten die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibór und Treblinka errichtet, um den systematischen Massenmord durchzuführen. In diesen ausschließlich der Ermordung dienenden Lagern wurden - anders als etwa in Auschwitz-Birkenau - keine Selektionen mehr durchgeführt, sondern die dorthin Deportierten unmittelbar nach ihrer Ankunft die dort fest erbauten Gaskammern und somit in den Tod geschickt. Der gesamte Tötungsvorgang dauerte nur wenige Stunden und jedes der drei Lager nahm an einem Tag mehrere Transporte von jeweils rund 1.000 Personen auf. Allein in ihnen wurden etwa 1.700.000 zum Großteil aus Polen stammende Jüdinnen und Juden ermordet.

Fußnoten

[1] Vgl. Bergen u.a., Alltagsgeschichte, S. 5.

[2] Vgl. Diekmann, Erinnerung, S. 378. Besondere Bedeutung kam und kommt in diesem Kontext immer wieder dem Lagerkomplex in Auschwitz zu. Auch wenn er vor allem aus europäischer Perspektive mit mehr als einer Million Ermordeter ein zentraler Ort des Holocaust war, war er - entgegen der heute dominierenden öffentlichen Wahrnehmung - bei Weitem nicht der einzige. Sophie Schmidt urteilt in dieser Hinsicht: „In Schulgeschichtsbüchern, dem zentralen Medium des Geschichtsunterrichts, steht das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz exemplarisch für den NS-Völkermord an den europäischen Juden. In dieser Gleichsetzung von Holocaust und Auschwitz manifestiert sich eine geschichtskulturell verengte Perspektive. Mit Auschwitz als Symbol für den Holocaust bleibt dessen Ausmaß jedoch räumlich eingegrenzt, die Mordmethoden der Täter werden auf die „fabrikmäßige“ Tötung eingeschränkt und auch der Täterkreis bleibt relativ klein. Plausibel erscheint aus dieser Perspektive zudem die Behauptung, die Mehrheit der Deutschen hätte von den Massenverbrechen nichts gewusst.“ (Schmidt, Orte, S. 508). Angesichts der Gleichsetzung von „Holocaust“ und „Auschwitz“ wurden und werden häufig bis heute andere Stätten der Vernichtung kaum oder gar nicht wahrgenommen. Das bewog die Verantwortlichen des Gedenkstättenreferats der Bundeszentrale für politische Bildung 2015 zur Produktion eines voluminösen Bandes mit dem geradezu programmatischen Titel „Im Schatten von Auschwitz“. In ihm wird unter den Kernbegriffen „Begegnen, Erinnern, Lernen“ eine akribische „Spurensuche in Polen, Belarus und der Ukraine“ betrieben.(Martin Langebach/Hannah Liever (Hgg.): Im Schatten von Auschwitz. Spurensuche in Polen, Belarus und der Ukraine: Begegnen, Erinnern, Lernen, Bonn 2017) - In dieser somit noch recht jungen Tradition sieht sich auch dieses Projekt, indem es versucht, einen einfachen Zugang zu allen - und damit auch den eher „vergessenen“ - Orten der Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung zu eröffnen.

[3] Vgl. zum Folgenden u.a. (https://www.yadvashem.org/de/holocaust/about/ghettos.html, https://www.yadvashem.org/de/holocaust/about/camps/labor-concentration-camps.html#narrative_info, https://www.yadvashem.org/de/holocaust/about/final-solution/death-camps.html#narrative_info und https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/konzentrationslager.html (16.9.2021).

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