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Jugend-Alija

1934 lebten in Deutschland noch zwischen 80.000 und 100.000 jüdische Kinder unter 15 Jahren, von denen in den folgenden Jahren etwa 15.000 bis 18.000 das Reichsgebiet ohne Begleitung ihrer Eltern verließen. Die beiden signifikantesten Möglichkeiten hierfür waren die „Kindertransporte“ nach Großbritannien und die Ausreisegelegenheiten, die die Jugend-Alija nach Palästina eröffnete, wobei die meisten der so außer Landes gebrachten Kinder und Jugendlichen in Kibbuzim unterkamen.

Initiiert worden war die Jugend-Alija seit 1932 in Berlin, wo Recha Freier früh die Notwendigkeit erkannt hatte, Heranwachsenden Möglichkeiten zu bieten, um dem sich verschärfenden Antisemitismus zu entkommen, um dann in Palästina ein angstfreieres Leben mit Zukunftsperspektiven beginnen zu können. Zu diesem Zweck wurde am 30.Januar 1933 in Berlin als Dachorganisation der jüdischen Jugendorganisationen die „Jüdische Jugendhilfe“ ins Leben gerufen, die danach gemeinsam mit der „Jüdischen Waisenhilfe für das Jugenddorf Ben Schemen“ und dem Kinderheim „Ahawah“ für die Einwanderung von Kindern und Jugendlichen nach Palästina zuständig zeichnete. Im Sommer 1933 schlossen sich diese Organisationen schließlich zur „Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendalijah“ zusammen, die fortan das zentrale Organisations- und Finanzierungsinstrument der Jugend-Alija war. Die in Deutschland und anderen Ländern gesammelten Gelder sollten sowohl der Sammlung und dem Transport der Jugendlichen in Deutschland als auch ihrem Lebensunterhalt und ihrer Ausbildung in Palästina dienen. Außerdem sollten aus diesen Mitteln dort auch Häuser für die Jugend-Alijah-Gruppen errichtet, Schulen unterhalten und Lehrkräfte eingestellt werden.

Parallel zur Organisation im Reichsgebiet wurde am 27. November 1933 in Jerusalem unter Leitung von Henrietta Szold das „Büro für Jugendeinwanderung“ der Jewish Agencyeingerichtet, das in Palästina seitdem als Zentralstelle für die Jugend- Alijafungierte. In deren sich nun entfaltenden Arbeitwurde Szold, die dem Vorhaben von Recha Freier zunächst skeptisch gegenübergestanden hatte, zur Verantwortlichen für die Koordinierung von Ankunft und Unterbringung der Jugendlichen aus Deutschland. Sie pflegte die Kontakte zu den unterschiedlichen Orten und Institutionen und erarbeitete mit ihnen Vereinbarungen über Aufnahme, Ausbildung und den notwendigen Unterhalt der Neuankömmlinge. Außerdem zeichnete sie auch für die Kontrolle der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Jugendlichen während des zwei- bis dreijährigen Ausbildungsprogramms verantwortlich.

In seiner Bilanz für das Jahr 1937 charakterisierte der „Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände“ die Arbeit der Jugend-Alija als die „pädagogisch geschlossenste und organischste“ auf diesem Gebiet. Begründet wurde dieses Urteil zum einen damit, dass deren Ausbildung in dem Milieu und in der Sprache stattfand, in denen die Jugendlichen später arbeiten und leben sollten, zum anderen wurde gelobt, dass sie „unter der Leitung von Menschen“ stehe, „die Verwirklicher“ dessen seien, „was man unter dem Ideal der chaluzischen Jugend“ verstehe. Der besondere pädagogische Wert der Jugend-Alija bestand nach Meinung des Reichsausschusses darin, ein „Erziehungsmilieu“ zu schaffen, das „fern von widerstrebenden und retardierenden Einflüssen des Elternhauses und der alten Umgebung den Jugendlichen in all seinen Lebensgebieten umfasst“. - Ob sich allerdings auch der Großteil der betroffenen Eltern diesem Urteil angeschlossen hat, dürfte zumindest fraglich sein. Das gilt es hier am Beispiel der Schönenbergs später noch einer intensiveren Prüfung zu unterziehen.

Die reinen Zahlen waren durchaus beeindruckend. Im Rahmen der Jugend-Alija konnten, von ihrem offiziellen Beginn im Februar 1934 bis Ende März 1939, insgesamt 3.262 Jugendliche aus Deutschland und einigen europäischen Transitländern nach Palästina gebracht werden. Hinzu kamen knapp 1.000 Jugendliche aus Österreich und rund 400 aus der Tschechoslowakei und Polen. Während dieser Zeit gingen rund 15 Prozent aller britischen Einwanderungszertifikate an Angehörige der Jugend-Alija. Die weitaus meisten der Ankömmlinge wurden - wie von Beginn an ins Auge gefasst - in Kibbuzim untergebracht, was deren durchschnittliche Einwohnerzahl von 66 Bewohnern im Jahr 1927 bis 1935 um etwa 250 Prozent auf 146 ansteigen ließ. Allerdings schwanken die konkreten Zahlenangaben zur Jugend-Alija nicht unerheblich. So kommt eine Untersuchung auf insgesamt 4.788 Kinder und Jugendliche, die bis zum Kriegsbeginn nach Palästina gelangten; weitere 2.618 konnten demnach noch bis zum Kriegsende gerettet werden. Von diesen insgesamt 7.406 Heranwachsenden stammten 4.897 aus Deutschland, 2.515 aus Österreich und der Tschechoslowakei. Eine weitere Studie gibt für den Zeitraum bis Oktober 1939 dagegen 5.024 Jugendliche an, von denen rund 70 Prozent aus Deutschland kamen. Zu diesen seien bis zum Kriegsende weitere 6.500 Jugendliche aus Europa hinzugekommen, die mit Hilfe der Jugend-Alija gerettet worden seien. Nach dem aktuellen Stand der Forschungen kann nach den Erkenntnissen von Ulrike Pilarczyk davon ausgegangen werden, dass es bis 1940 durch die Arbeit von Hachschara und Jugend-Alija gelungen ist, die Emigration von mindestens 12.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Mitteleuropa ins Mandatsgebiet Palästina zu ermöglichen.

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